Lissabon – eine Schlangengrube

In Portugal wird das Märchen von Hase und Igel etwas anders erzählt. Hier treten Hase und Schlange gegeneinander an und egal wie schlau oder schnell der Hase ist, ob er früh losrennt oder spät, immer ist die Schlange schon da. Mal 10 Meter, mal 100, sogar 300 Meter lange Exemplare haben wir gesehen. Wären wir nicht schon mal hier gewesen, es wäre echt frustrierend. In der Frühlingssonne könnte man sich in Belém auch 2 Stunden am Hieronymus Kloster anstellen, aber bei Sturm mit 75 km/h Böen und aufkommenden, horizontalem Regen bewundern wir die Reisegruppen, die sich das antun. Aber vielleicht muss man eher Mitleid haben…

Außer im Museumscafé herrschte im kürzlich erst eröffneten Museu de Arte Contemporânea schräg gegenüber vom Kloster kein Andrang. Da haben wir beschlossen, die Ausstellungen anzusehen und zu hoffen, dass die Regengüsse in der Zwischenzeit abflauen. Es gab eine Sonderausstellung von Patti Smith, die den Eintrittspreis zwar fast verdoppelt hat, für uns nicht studierte Kunstbanausen leider eine Nummer zu kryptisch war. Die anderen Stockwerke, mit immensen Flächen, boten einen Parforceritt durch die Kunst des 20. Jahrhunderts; von jedem berühmten Maler oder Bildhauer mindestens ein Werk (und es gibt sehr viele Berühmte aus dieser Zeit). Da war manch Spannendes dabei, aber zum Schluss überwog das Gefühl, von der Masse erschlagen worden zu sein. Eine moderne Interpretation der Azulejos fand ich besonders gelungen:

Den Heimweg von Belém haben wir, wie durch ein Wunder, praktisch trocken geschafft, allerdings waren wir fast 2 Stunden unterwegs, weil die Öffis nicht kamen und wir dann auch noch mit dem falschen Bus völlig vom Weg abkamen.

Atlantik-Tief

Das Ungemach deutete sich schon seit Tagen an und auch ständiges Aktualisieren des Wetterberichts macht es nicht besser. Ab Morgen schüttete es mindestens zwei Tage durchgehend wie aus Kübeln! Schon heute wechselten sich sonnige Abschnitte mit Platzregen munter ab und die Temperatur ist im freien Fall und erreicht nur am frühen Nachmittag mal kurz 15°.
Die im letzten Moment noch eingepackte lange Unterhose erweist sich als das elementarste Kleidungsstück überhaupt, nebst den Ski-Kniestrümpfen. Übrigens ist es ein sehr mulmiges Gefühl, wenn man nur so wenig Kleidung dabei hat – geht was kaputt oder kleckert man sich voll, vergisst man gar was im Appartement? So wie wir hat bestimmt auch Ötzi auf seine Sachen aufgepasst.
Wir planen im Café die Tour etwas um und wollen morgen den Zug nach Obidos nehmen und damit ca. 200 Km ‘nicht radelnd’ vorankommen, auch um die in Sevilla verlorene Covid-Woche einzuholen. Wenn in drei Tagen das Ärgste vorüber ist, kann es hoffentlich wieder auf dem Fahrrad weiter gehen.
Dann haben wir heute noch das Azulejos Museum besucht und eine Fahrt mit der 28er Tram gemacht. Das klingt nicht tagfüllend, war es aber. Der öffentliche Verkehr in Lissabon ist für Google nicht zu deuten und auch normal begabte Menschen scheitern hier kläglich – es triumphiert das Chaos. Aber wir haben es bis Mittag ins Museum geschafft und die lange Schlange durch Erwerb eines online Tickets hinter uns gelassen. Eindrucksvolle, aus Kacheln gefertigte Gemälde vieler Epochen sind zu bewundern, die modernen Künstler haben uns besser gefallen, als die kirchlichen Motive früherer Jahrhunderte.

Dann waren wir in einem unscheinbaren, kleinen, ‘very local’, vegetarischen Restaurant, schon etwas außerhalb des Zentrums und bekamen – es war schon fast 14:00 – genau zwei Vorschläge, weil alles andere schon aus war und haben es dennoch nicht bereut.

Nächster Programmpunkt: Straßenbahnfahren. Schlau wie wir zu sein meinten, sind wir zur Endhaltestelle der 28 um dort eine Schlange von mindestens 100 Menschen vorzufinden, mit der Ansage, dass man schon eine Stunde anstehen müsse… Dann kam wieder ein kurzer Platzregen und hat die Schlange fast halbiert. Nach Vor-Ort-Analyse kam heraus, dass die Tram mit freien Restplätzen abfährt – also los zur nächsten Haltestelle, das waren nur 250m und dort sind wir problemlos eingestiegen, aber nur Stehplatz. Die Fahrt durch die steilen, engen Gassen war für das Gleichgewichtsorgan und alle Muskeln ein Härtetest, ähnlich einem Erdbeben der Stärke 7-8.

Tief-Punkt des Tages: Morgen ist Bahnstreik ;-( Wir kommen hier nicht weg.
Highlight des Tages: Unser Appartement ist das einzige im Haus, das morgen noch frei ist und wir können bleiben. Zweiter Höhepunkt: Als wir aus dem trockenen Eingang eines Schuhgeschäfts dabei zuschauen, wie eine große grüne leere Mülltonne von Sturm und Regen scheppernd durch die Straße gepeitscht wird.

Lisbon Story, revised

Heute haben wir die Etappe super bequem bewältigt, zunächst mit dem Vorortzug von Setubal an das Tejo Ufer und dann sofort weiter mit dem Katamaran direkt an den Hauptplatz von Lissabon übergesetzt.

Unser nobles Appartement liegt zentral am großen Praça de Figueira, mit Blick nach Süden über den Platz bis zum Tejo und links hinauf zur Burg. Die Fahrräder stehen sicher im Zimmer und nicht mal im Weg, soviel Platz haben wir.


Vor Jahren waren wir schonmal in Lissabon und nun stellen wir fest, dass es so beschaulich wie vor 30 Jahren in Wim Wenders ,Lisbon Story’ nicht mehr ist. Die Stadt ist von Touristen geflutet, überall fahren elektrische ‘Oldtimer’ oder moderne Tuktuk Variationen herum, Kirchen, Aufzug, Burg, … kosten Eintritt und jedes Mal Schlange stehen. Die alte Markthalle wurde größtenteils zu einem ‘Food Court’ gentrifiziert und trotz der großen Halle ist wieder Geschick gefragt, zwei Stühle nebeneinander zu ergattern. Aber man soll nicht mit Steinen schmeißen, wenn man selbst im Glashaus wandelt.

Die 28er Tram fährt noch mit den gleichen antiken Wägen aus den 50ern des letzten Jahrhunderts.

Den Abend haben wir erneut in einem ausgezeichneten Restaurant im Viertel Chiado verbracht, bereichert mit einer Fado Vorführung auf gleichem Niveau wie das Menü.

Ein Tag Pause in Setúbal

Die Fahrräder wurden am Samstag in einer Baustelle eingesperrt, die unter unserem Loft liegt und somit deren Benutzung am Sonntag vereitelt. Mann darf aber bezweifeln, dass dafür 10 Stunden zu Fuß unterwegs sein in die Kategorie ‘Pause’ fällt. Zugegeben wurde davon 1 Stunde Mittagsschlaf am Strand genehmigt und ein, zwei Stopps im Café oder einer Bar waren durchaus erholsam.

Schon zum Frühstück musste um einen Tisch gekämpft werden, denn das Café, von unserer Wirtin empfohlen, hat offensichtlich (und zu Recht) den Ruf, die besten Pasteis de Nata mindestens in Setubal, wenn nicht ganz Portugals zu backen. Das sind kleine Blätterteigtörtchen mit Vanillecreme gefüllt. Solchermaßen abgefüllt drohte der unmittelbar folgende Programmpunkt kulinarischer Art, die Markthalle von Setubal, den Kalorienbedarf des Tages bereits um 11 Uhr vollständig zu decken. Aber wir haben uns beherrscht und nur ein paar leckere Austern gegessen, sowie für die Brotzeit ‘ein paar Kleinigkeiten’ eingekauft. Besonders beeindruckend war die Vielfalt der angebotenen Fische, wenngleich manches im Angebot durchaus fragwürdig war.

In der Semana Santa (Karwoche) wird viel für Ostern vorbereitet und geschmückt. So haben wir eine Prozession zu Palmsonntag beobachtet (beachtlich, der Klerus hinter den Gläubigen!) und auch in der Markthalle werden Fische zu kunstvollen Girlanden für den Osterstrauß verarbeitet 😉
Als nächstes galt es, die Festung de Sao Filipe zu erklimmen. Ein beindruckender Komplex mit einer famosen Aussicht über Setubal, den Hafen und die Mündung des Sado. Auf der Festung fanden wir ein kleine Kapelle, die vollflächig mit Azulejos geschmückt war, die perfekt an die unebene Form der Wände und Decken angepasst waren.

Setubal, wiewohl Industrie- und Hafenstadt, hat einen überaus charmanten Altstadtkern mit vielen gekachelten aber häufig arg renovierungsbedürftigen Häusern, schmalen Gässchen und einer vielfältigen Gastronomie. Diese Stadt hat uns bisher in Portugal am besten gefallen. In fast allen Geschäften finden sich kleine Gedichte portugiesischer Autoren in den Schaufenstern und immer wieder ‘stolpert’ man über Skulpturen.

Am Abend waren wir in einem originellen Restaurant, mit vielen kleinen Aufmerksamkeiten, die das Abendessen zu einem Erlebnis machten. So wurden uns fertige Vorspeisen auf einem Tablett zur Auswahl an den Tisch gebracht und wir haben uns für den 4. (!) Käse des Tages, ein Queijo de Azeitão entschieden, eine besonders leckere Spezialität der Region.

Von Vila Nova de Santo André nach Setúbal

Was für ein Tag, 100,0% Asphaltstraßen! Fast kein Wind von vorne, bis zu 31° warm bei verhaltenem Sonnenschein. Weitere Besonderheit: Ein totes, schwarzes (Wild-?) Schwein am Straßenrand, inmitten einer baumlosen Dünenlandschaft, rätselhaft, vielleicht ist es vom Laster gefallen. Der Reihe nach…
Der Tag beginnt mit selbst gepflückten, herrlich saftig-süßen Orangen. Los geht es durch lockere Korkeichenwälder mit teils gewaltigen Bäumen, später überwiegen die Pinien von ähnlich mächtigen Ausmaßen. Fast kein Verkehr auf der Straße, die kilometerlang schnur geradeaus geht. Insgesamt eine sehr sandige Gegend, aber die Straße verteidigt sich tapfer gegen Angriffe von rechts und links. Uns wird endgültig klar, dass der Google Algorithmus für Radrouting so programmiert ist, die Gläubigen, die ihm auf den Leim gehen im Sand elendig verdursten zu lassen, wo sie dann von den Hunden entsorgt werden.

Beim Mittagessen in einem unscheinbaren Gasthof, Mira Ponte, auf offener Landstraße werden wir wieder überrascht; als wir in das große leere Lokal kommen ist es fast etwas ungemütlich, so alleine – als wir gehen, ist kein Tisch mehr frei und das Personal ist total im Stress. Muss eine lokale Berühmtheit sein, dass die Leute von weit her kommen. Die restliche Strecke geht erst entlang von ausgedehnten Reisfeldern, in denen sich eine Storchenkolonie offenbar als Putzkolonne verdient macht, dann entlang eines Dünenstreifens, der zur Sackgasse wird, wir aber in Troia die Fähre nehmen, um nach Setubal überzusetzen.
Unser gebuchtes Domizil mitten in der engen Altstadt ist ein kleines, finsteres Zimmer, aber nach kurzem Gespräch mit der Vermieterin erfahren wir von einem großen Loft, ein Stock höher, was zu unserer großen Freude noch frei ist – ein fabelhafter Deal.

53 Kilometer, 290 Höhenmeter, geschenkt.

Von Vila Nova de Milfontes nach Vila Nova de Santo André

Wie eigentlich jeden Morgen beginnt die Etappe mit einem Desaster im Sand, bis wir uns zur nächsten asphaltierten Straße durchgeschlagen haben. Wer diese ‘Radroute’ EuroVelo 1 definiert hat, sollte die Route zur Strafe selber fahren müssen, aber nicht auf einem Quad sondern einem Fahrrad! Auf dem Weg nach Porto Covo versuchen wir ein weiteres Mal auf den Track zu gelangen, es endet aber wieder im Sand und mit unnötig verschlissenen Kräften. Durch merkwürdige Anwesen hindurch finden wir zur Straße zurück. Auf der bläst nur der Wind von vorne, aber sonst keine Behinderungen, man muss sogar sagen, dass die portugiesischen Fahrer mit mäßigem Tempo und sehr rücksichtsvoll unterwegs sind – und die Touristen mit ihren Wohnmobilen machen da keine Ausnahme. Nach Porto Covo hinunter führt das sorgloseste Stück des Tages, leicht abwärts mit Rückenwind. Wir rasten kurz auf der hölzernen Plattform oberhalb der Felsen und schauen den Brechern zu, die trotz ablandigem Wind gegen die Küste donnern. Das nächste Ziel ist die Industriestadt Sines, schon von weitem an den großen Hafenkränen, den Containerschiffen und Kraftwerks-Schornsteinen zu erkennen. Die Mittagspause dort, nach 40 Km, ist dringend nötig und wohlverdient. Vor dem Rest des Tages graust uns, denn die Route führt weitgehend parallel zu einer Autobahn, ohne Alternative. Aber wie so oft, kommt es anders als man denkt und die Straße entpuppt sich als völlig verkehrsfrei und bestens zu befahren und auch auf der Autobahn ist nichts los. Rechts der Straße liegen ausgedehnt Kiefernwälder, deren Stämme zur Gewinnung von Harz teilweise abgeschält werden. Dazwischen blüht Ginster und es duftet intensiv nach Honig.

Die Autobahn endet auf halbem Weg nach Vila Nova de Santo André und wir dürfen auf den Seitenstreifen der Schnellstraße wechseln. Im Ort versorgen wir uns für das Abendessen, denn unsere Unterkunft liegt abseits von allem, nur ein Kneipe versorgt uns nach der erschöpften Ankunft mit Bier. Unsere Vermieterin ermuntert uns aber später, die Orangen aus Ihrem Garten zu ernten und sie schmecken köstlich!
Diese Gegend ist berüchtigt für die kläffenden Köter, die auf jedem Grundstück gefühlt zu Dutzenden, zwar meist eingesperrt (aber kann man sich sicher sein?) die Menschheit terrorisieren. Nicht mal Meister Yoda hätte die Kräfte, diese Monster zum Schweigen zu bringen.
Die 65 Km und 550 Höhenmeter waren ein wenig heftig, denn heute war es trotz diesigem Himmel das erste Mal fast zu warm, 28°! Aber von hier müssen wir nur noch einen Tag bis Setubal radeln, einem ‘Vorort’ von Lissabon, wo wir einen Tag Pause einlegen werden, bevor es mit Zug und Fähre direkt ins Zentrum der portugiesischen Hauptstadt geht.

Von Maria Vinagre nach Vila Nova de Milfontes

Am Morgen hingen frische Brötchen in einem Beutel auf der Terrasse, toller Service! Aber ein Café oder ähnliches zum Frühstücken hätte es in Maria Vinagre auch gar nicht gegeben. Dann folgte heute ein eher unspektakulärer Tag. Viele Kilometer gute Straße, wenig Wind, allerdings immer von vorne, auch wenn das alle Windrichtungen von West über Nord nach Ost einschließt, je nachdem wo uns der Zickzack Kurs des EuroVelo gerade hinführt. Dieser überrascht uns auch wieder mit Kapriolen, einer völlig unnötigen, fast im Kreis geführten neuen Route ohne irgendeinen Mehrwert, abschnittsweise durch feinsten, tiefen Sand, Steigungen mit ca. 20% (gerne Schotter, alternativ auch mal mit Grasbausteinen) und dem Vorschlag, einem Klippen-Wanderweg zu folgen, für den man schon gute Bergschuhe bräuchte. Irgendwie mogeln wir uns durch. Auffallend war massiver Obst- und Gemüseanbau, meist unter Plastikfolien, der uns über viele Kilometer begleitete. Der Wasserverbrauch auf dem total sandigen Boden muss immens sein. Ab und zu sehen wir auch Zierpflanzenanzucht, z.B. Oleander oder Eukalyptus und immer wieder mal Störche auf den Wiesen.

Abfahrt nach Zambujeira do Mar, vorzugsweise nicht auf Grasbausteinen

Zu Mittag zwei Überraschungen: Just als wir uns in der Snack Bar ‘Casino da Praia’ in Zambujeira do Mar für ein Pause niederlassen, fängt es an zu regnen und hört wieder auf, als wir aufbrechen wollen. Und zwischendurch haben wir nicht nur ein leckeres Mittagessen bekommen, sondern auch eine sehr nette Unterhaltung mit den zwei Jungs, die den Laden schmeißen. Meine GoPro am Rad weckt ihr Interesse und sie staunen, als wir erzählen, wohin die Reise gehen soll. Mit Google ist unsere website bei Bedarf auch in Portugiesisch verfügbar 😉

Heute 63 Kilometer und 500 Höhenmeter, guter Durchschnitt. Zur Feier des 500. Kilometers gehen wir fein Essen im Restaurant Adega22, der ersten Adresse in Vila Nova de Milfontes. Wir sind die ersten Gäste der neuen Saison aber bald ist das Restaurant bis auf den letzten Platz voll – kein Wunder, es schmeckt außergewöhnlich. Portugal ist ansonsten kein kulinarischer Hotspot und dann stellt sich heraus, dass das Restaurant von einem Deutschen geführt wird.

Über die Unberechenbarkeit als Paradigma einer Radtour

Mit Ausnahme von Booking (wir mussten noch nicht auf der Straße schlafen) und unseren Fahrrädern ist auf nichts, aber auch gar nichts Verlass. Wenig überraschend: Der Wetterbericht, kündigt für den nächsten Tag Sturm aus Nordwest an, der Tag beginnt dann mit leichtem Südwind und endet mit einem lauen Lüftchen aus West. Der angekündigte Regen fällt auch aus – da wollen wir uns nicht beschweren. Wären Vorhersage und tatsächliches Wetter anders herum ausgefallen, könnte es in dieser menschenleeren Gegend schon problematisch werden.
Die Streckenführung des EuroVelo 1 haben wir ja von der offiziellen website heruntergeladen und stellen nun fest, dass munter neue Wege gebaut wurden, die auch beschildert sind, aber so stark vom ‘Original’ abweichen, dass wir einfach kein Vertrauen haben, hier nicht noch zig Km und Höhenmeter extra fahren zu müssen. Deshalb folgen wir manchmal den alten GPS Daten, fahren manchmal auf der Straße und einmal fast querfeldein, nach Begutachtung der Satellitenbilder, ob der Pfad wieder in die Zivilisation führt oder auf der Klippe endet.
Der Straßenbelag hat nicht unwesentlichen Einfluss auf die Planung der Etappen, denn 60 Km auf schlagloch-übersähten Rumpelpisten sind einfach eine Zumutung für Mensch und Material, die gleiche Strecke auf einer passabel asphaltierten Landstraße auf einer Arschbacke erledigt. Leider wechselt der Untergrund mehrmals täglich zwischen den äußersten Extremen hin und her und man weiß nie, was am Ende des Tages überwiegen wird.
Die Höhenangaben sind anders als die GPS Positionsdaten völlig random. Hier scheint es nach der initialen Vermessung der Welt durch Gauß und Humboldt keinerlei technischen Fortschritt mehr gegeben zu haben. Egal mit welchem Tool man versucht, die Höhenmeter der Tagesetappe zu berechnen, es wird nicht stimmen. Google faselt von ‘überwiegend flach’, wenn tatsächlich Steigungen von über 20% vorkommen. Das Garmin liegt zwar am Ende des Tages relativ gut, weicht aber unterwegs schon mal um +- 50 Meter in der absoluten Höhe ab. Schade, dass genaue Geodaten scheinbar ein militärisches Geheimnis darstellen und der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.
Aber wir wollen nicht zu sehr jammern, denn wenn alles nach Plan laufen würde, wäre es auch irgendwie langweilig…

Von Vila do Bispo nach Maria Vinagre

Das Frühstückscafé ist 20 m von unserem Häuschen entfernt, so muss das sein, denn vor dem Kaffee geht bekanntlich nix. Und der Tag beginnt auch mit einer anderen Erkenntnis sehr entspannt: Der Wetterbericht liegt völlig daneben, denn es ist sonnig und windstill. Dazu später mehr…
Der Etappe beginnt auf einer kleinen aber feinen Landstraße mit sehr wenig Verkehr und führt durch Pinien- und Akazienhaine, mit ein paar verstreuten Windrädern am Weg. Es duftet nach Macchia im Frühling, alles grünt und blüht und die Vögel sind hier zahlreich und lautstark. So haben wir uns das Radfahren gewünscht und der Kontrast zur Algarve könnte größer kaum sein.

Besonders eindrucksvoll finden wir die riesigen Strände und die meterhohen Brecher des Atlantik, ein Paradies für Surfer, die man mit ihren Wohnmobilen aus ganz Europa nicht übersehen kann. Unsere Route macht einen weiten Bogen von ca. 10 Km oberhalb der Steilküste entlang mit spektakulären Ausblicken bevor es in Carrapateira wieder zurück auf die Straße geht.

Ein paar Eindrücke der Strecke rund um Carrapateira an der Atlantikküste

Nur wenige Km entspanntes Rollen auf der Landstraße, schon geht es wieder links raus auf die Schotterstrecke, dem nächsten steilen Anstieg entgegen, wieder mal (teilweise) schieben, bis die 100 Höhenmeter geschafft sind. Weiter geht es nun wieder gemütlich leicht bergauf, 17 Km neu gebaute Schotterstraße, mit EuroVelo 1 markiert und freiem Blick in die Landschaft – wenig Bäume, die könnten aber auch Waldbränden zum Opfer gefallen sein, an manchen Hängen stehen noch die verkohlten ‘Leichen’. Hier sind viele Wanderer in der prallen Sonne unterwegs, da bin ich doch froh um mein Fahrrad!
Nach rasanter Abfahrt kommen wir in das Städtchen Aljezur, da gibt es einen Kaffee, bevor es wieder eine unverschämt steile ausgewaschene Schotterstrecke bergan geht, wieder 100 Höhenmeter schieben. Oben angekommen, rollen wir die restlichen Kilometer fast von selbst ins Ziel, Maria Vinagre, ein kleines Dorf, indem wir einen ebensolches Zimmer zum ersten mal persönlich übergeben bekommen. Die Wirtin hat uns auch freundlicherweise in dem einzigen offenen Gasthof des Ortes avisiert. Dort sind wir die einzigen Gäste und das erste mal völlig sprachlos, denn die Oma, die den Laden gerade noch so am Leben hält, erzählt zwar ausgiebig, aber für uns wenig hilfreich, den Inhalt der Speisekarte und wir schaffen es gerade mal so, etwas zu bestellen. Da wäre jetzt ‘Google Übersetzer’ hilfreich, wäre nicht im Handy das Mobilfunknetz mit ‘E+’ angezeigt. Es war dann aber überraschend lecker und so billig wie noch nirgends auf der Reise. Jetzt sind wir wirklich in Portugal.

Ist das das Ende von Europa?

Definitiv, geografisch betrachtet. Cabo de Sao Vicente ist der süd-westlichste Zipfel des Kontinents. Steilküsten mit mächtigen Felswänden rundherum, ein paar Buchten mit Sandstrand und Surfern, ein Leuchtturm, sonst nichts (außer der berühmten letzten Bratwurstbude vor Amerika). In Westeuropa sind wir nun maximal weit weg von zuhause, 2078 Km Luftlinie.

Heute sind wir also nur eine Rundtour von Vila do Bispo ohne Gepäck gefahren, um das berühmte Cabo de Sao Vicente zu besuchen. Hier wird suggeriert, dass das der Beginn des EuroVelo 1 (‘Km 0’) sei, der Experte weiß, dass der Radweg aber noch bis zur nördlichen portugiesisch-spanischen Grenze verläuft. Nach einem üppigen Salat (die seltene Gelegenheit muss man immer ausnutzen), zu Mittag in Sagres, besichtigen wir noch das Fortaleza de Sagres, das Gelände ist so ausgedehnt, dass wir mit dem Fahrrad hinein fahren dürfen (ungewohnt, an der Kasse das Fahrrad mit ins Museum zu nehmen). Mittlerweile hat der Wind auf Nordwest (auf-)gedreht und quält uns auf dem Rückweg schräg von vorne, bis alles wehtut, nach nur 10 Km. Das kann morgen ein Höllentag werden, wenn die Wettervorhersage stimmt.