Umzug – zwei Etagen tiefer, räumlich und qualitativ

Mit etwas schlechtem Gewissen kehre ich zurück ins Krankenzimmer. Den Nachmittag verbringe ich mit Einkaufen, ich werde abends kochen und der Suche nach einer Unterkunft, denn am Samstag müssen wir unser schönes Appartement räumen.

Am Ende kommen wir in einem kleineren Schwester Appartement in Mitten der engen Gassen von Santa Cruz unter. Ich hoffe sehr, Niko packt den Umzug, denn er ist schon sehr malad.

Am späten Nachmittag noch ne Kirche, und ein zielloser Spaziergang durch Santa Cruz bis ich vor Kälte bibbere. Im Appartement angekommen stelle ich nach immerhin  3 Nächten fest, dass die Klimaanlage auch als Heizung funktioniert. Das Zimmer ist binnen kürzester Zeit von 16 auf 20 Grad aufgeheizt , wie behaglich…

Der Umzug in das neue Appartement hat komfortabel funktioniert, sogar Bademäntel konnten wir wieder bekommen. Allerdings ist das Zimmer eben nicht nur kleiner, sondern wir büßen den phantastischen Blick auf Alcázar und Kathedrale ein und tauschen ihn gegen einen Blick in einen Hinterhof voller Gerümpel und einem in Renovierung befindlichen Gebäude. Da Wochenende ist, wird wohl nicht gearbeitet. Das Ziel also: bis Montag müssen wir gesund sein/bleiben.

Direkt neben dem Eingang ist ein winziges Lokal das auch Essen zum Mitnehmen hat. Ich glaube, da verkneife ich mir heute die Kocherei…

Sevilla – Alcázar

Die königliche Residenz Alcázar de Sevilla wurde im Mittelalter von maurischen Baumeistern errichtet (Mudéjar-Architektur) und über die Jahrhunderte von zahlreichen Herrschern ergänzt. Heute nutzt auch die spanische Königsfamilie Teile des weitläufigen Areals.

Ich habe den ersten Slot, 9:30, gebucht, das war eine sehr gute Idee, denn die gleichzeitig Eingelassenen verteilen sich schnell und so schlendere ich durch die leeren, stillen Räume und Innenhöfe. Angesichts des angekündigten Regens entscheide ich mich aber zuerst, die Gärten zu durchstreifen, deren volle Schönheit allerdings erst in ein paar Wochen, wenn alles blüht, zur vollen Geltung kommen wird. Überall duftet es nach Orangenblüten, gepaart mit dem süßen Duft der auf dem Boden aufgeplatzten überreifen Orangen.

Zurück im Palast, ist er nicht wieder zu erkennen, dicht drängen sich Reisegruppen und ein passables Foto zu machen ist nahezu nicht mehr möglich. Trotz dessen er viel kleiner ist als die Alhambra in Granada, verbringe ich mehrere Stunden dort.

Sevilla – Architektur und Gärten

Ein Highlight in Sevilla ist die begehbare Holz-Skulptur ‘Las Setas’ (‘Pilze’), angeblich die größte der Welt, vom deutschen Architekten Jürgen Mayer. Bei genauerem Hinsehen ist aber doch etwas Beton und ziemlich viel Stahl im Spiel, was wahrscheinlich auch besser so ist… Wir haben uns damit begnügt, von unten zu bewundern, denn 15€ Eintritt für das Dach fanden wir dann doch etwas übertrieben (der Reiseführer hatte noch 5 € versprochen)

Anlässlich der Expo von 1992 wurde Sevilla gehörig aufgepeppt, unter anderem mit dieser berühmten Schrägseilbrücke von Santiago Calatrava. Wie es allerdings ein freistehender Aufzugsturm der Fa. Schindler auf das Expo-Gelände geschafft hat, bleibt ein Rätsel.

Ein Glück für die Gärten Sevillas ist das reichliche Wasser des Guadalquivir. Viel Grün, viele Wasserbecken und Springbrunnen, natürlich Palmen, einige monumentale Gummibäume und hunderte Bitterorangenbäume, die besonders in der Innenstadt die Alleen zu solchen machen. Die Sittiche, übrigens, machen hier den Lärm, den wir zuhause von den Krähen kennen, sind aber irgendwie netter anzusehen.

Sevilla – Kirchen und Paläste

Es ist ja nun schone eine Weile her, dass Ferdinand der 3. mit der Reconquista 1248 gesiegt und die Mauren aus Sevilla (und zuvor aus Granada, etc.) vertrieben hatte und wahrscheinlich ist das auch der Grund, dass scheinbar niemand ein schlechtes Gewissen hat, all den Prunk dieser Paläste und Kirchen nach diversen Umbauten als ‘christliches Kulturgut’ zu etikettieren. Da empfiehlt sich die Lektüre ‘Im Schatten das Granatapfelbaums’ von Tariq Ali, auch wenn dies natürlich kein verifizierter Augenzeugenbericht ist.

Nach dem Café gibt es einen Slot für die Casa de Pilatos, ein herrlicher Stadtpalast im Mudéjar-Stil, das ist eine Kombination aus abendländischen und orientalischen Elementen, meist von arabischen Baumeistern erbaut, die heute ständige Restaurierungsbemühungen erfordern.
Die Osterwoche steht bevor und dafür werden von vielen geschickten Händen zahlreiche Palmstreifen kunstvoll verwoben.

Auf geht’s zur Kathedrale! Nach Kolumbus († 1505, später in Teilen in Sevilla bestattet) legten die spanischen Könige dann noch ein paar Schippen drauf, als die neue Welt entdeckt und Reichtümer von Übersee herbeigeschafft wurden .

Der fast 100 m hohe Turm ‘La Giralda’, von den Mauren errichtet, durfte stehen bleiben, immerhin. Nur die 22 Glocken ganz oben dürften nicht maurischen Ursprungs sein. Dort drängen wir uns mit gefühlt allen Schulklassen Frankreichs und Italiens die engen Rampen bis zur Spitze der Giralda empor. Die Aussicht wäre herrlich, aber das Gedränge nervt und wir steigen rasch wieder hinunter.

Für das viele Gold und Silber findet sich in der Kathedrale kein freies Fleckchen mehr. Sie wird wahrscheinlich in Ausmaß, Prunk und Protz nur noch vom Petersdom überboten. Aber Chor und Orgel haben die Christen wohl selber so kunstvoll hinbekommen.

Der Corona Fluch

Vor fast genau vier Jahren endete unsere Weltreise dramatisch im Lockdown in Peru. Jetzt beginnt die nächste große Reise wie die alte aufgehört hat – im Lockdown. Ich liege mit Covid im Bett und bin überzeugt, dass Prof. Drosten persönlich dafür verantwortlich ist 😉 Verschärfend kommt hinzu, dass wir vor vier Jahren zwar das Hotel nicht verlassen durften, aber immerhin nicht ans Bett gefesselt waren. Nun möchte man meinen, dass in Sevilla kein Militär mit Maschinengewehren die Einhaltung der Regeln überwacht, aber auch die Gattin hat so ihre Mittel, die Bettruhe eisern durchzusetzen. Aber einmal durfte ich doch aufstehen – kleiner Triumpf – als sich meine Frau zwischen zwei elektronisch gesicherten Eingangstüren gefangen wiederfand und ich sie befreien durfte.

Beim Guinness Buch der Rekorde werde ich mich mal bewerben, als der Mensch, der am längsten nicht infiziert wurde! Außer hohem Fieber und Schwäche bislang nichts beunruhigendes, aber wie lange uns das in Sevilla festhält, ist noch offen.

Zwei Tage ‘Volles Programm’

Zur Anpassung an das spanische Leben, denn der Tag beginnt und endet hier spät, sehr spät, schlafen wir lange, sehr lange, nehmen einen leckeren Café con leche und ein Törtchen aus einer Pastelleria zu uns, um dann durch die engen Gässchen von Santa Cruz  durch den Duft der Orangenblüten zu schlendern. An jeder Ecke warten neue Verführungen in Form von Tapas oder weiteren Cafés. Auch den hiesigen Sherry, Manzanilla, kann man sich nur schwer entgehen lassen.

Es ist für meinen Geschmack die meiste Zeit des Tages ziemlich kalt, die Nachmittagssonne ist aber derart heiß, dass man sich nicht vorstellen mag, wie sich die herrliche Plaza España im Sommer genießen lässt.

Langsam nehmen wir Fahrt auf und schaffen es gerade noch Tickets für die unbedingt sehenswerte Flamenco-Show im ‚Museo del Baile Flamenco‘ zu ergattern. Ein bisschen auf der Dachterrasse chillen, noch ein Manzanilla und ein paar Tapas, schon ist der Tag um.

Zum Glück war am Tag 2 das Programm der Gattin, also meins, so vollgepackt wie in alten Zeiten. Nach Kathedrale und Palast geht es auf der anderen Seite des Flusses Guadalquivir weiter, im Viertel Triana, früher die Gegend der Fischer, Tänzer und Arbeiter. Dort gibt es eine Markthalle in der wir ein Baguette mit dem teuersten aller teuren Schinken, dem Bellota Pata Negra verspeisen und obligatorisch einen Manzanilla. Nun ist Zeit für eine Bootsrundfahrt auf dem Guadalquivir, und der Gatte beginnt zu schwächeln, also kurz nach Hause für eine Siesta, bevor wir in einer sehr kleinen Bar eine Flamenco Show ganz anderer Art erleben wollen.

Niko hat Fieber, wirft eine Tablette ein und wir gehen trotzdem.

Sevilla – Plaza de España

Dieser monumentale Platz mit den imposanten im Halbkreis angeordneten Gebäuden wurde vor fast 100 Jahren anlässlich der Ibero-Amerikanischen Ausstellung errichtet. Mittlerweile ist er derart vom Tourismus überrannt, dass es aktuelle Überlegungen gibt, Eintritt zu verlangen. Da mussten wir also noch schnell vorher hin. Heute sind dort zahlreiche Behörden untergebracht, aber die Treppenhäuser und einige Balkone sind öffentlich zugänglich. Die Sonne scheint schon recht kräftig, fast möchte man in den Schatten ausweichen – im Hochsommer bei über 40° im Schatten ohne Schatten lebensgefährlich…

Fliegende Händler versuchen ihre Fächer, Kastagnetten und Schals an die Touristen zu verkaufen, aber die Musiker und Tänzer liegen in der Gunst der Besucher weit vorne und das zurecht. Wer gerade kein Bargeld verfügbar hat, darf gerne auch mit Paypal spenden.

Abflug in den Frühling

Wider allen geunkten Schreckensszenarien wurde weder bei der S-Bahn noch beim Bodenpersonal des Flughafens gestreikt und auch die vom Piloten verkündete Wartezeit von 1,5 Stunden auf die Startfreigabe (weil keiner rechtzeitig kam, um die Koffer einzuladen) entpuppte sich als Flug-Ente und wir sind pünktlich in Sevilla gelandet. Sogar die Fahrradtaschen wurden nach einer halben Stunde Warten an der Sperrgepäckausgabe auf das Band ausgespuckt und sind heil geblieben.

Für die Verhandlungen zur Frage wie und wo unsere 8 m² Kautschuk Verpackung deponiert werden können, bestand das Reinigungspersonal darauf, ausschließlich Spanisch zuzulassen. Vor den Containern entpuppte sich der Zusammenbau der Räder dann doch als erheblich zeitintensiver als das Zerlegen daheim und so sind wir erst mit beginnender Dämmerung in Richtung Sevilla aufgebrochen. Das erste Stück der gerouteten 12 Km in die Stadt bedurfte ausgreifender Überzeugungsarbeit, da die Gattin nicht geneigt war, die Autobahnauffahrt als Teil der Streckenführung zu akzeptieren. Es gab aber bald eine kleine Ausfahrt auf einen sandigen Feldweg parallel zur Autobahn, der besser befahrbar war, als Google Streetview befürchten ließ. Nach wenigen Kilometern ging es auf einem ausgebauten Radweg weiter stadteinwärts. Die weiteren Radwege waren mit zahlreichen Schikanen gespickt, aber insgesamt haben wir zielsicher das Hotel erreicht, von wo wir, vom Concierge mit dem Schlüssel begleitet, die letzten paar hundert Meter zum Appartement durch die engen Gassen geschoben haben. Der kräftige Regenschauer des Tages traf uns gerade nicht! Unsere Wohnung liegt genial an der Mauer des Alcazar und einen Steinwurf von der mittlerweile angestrahlten Kathedrale La Giralda. Ruhig gelegen, außer vielleicht Pferdekutschen, mit Aufzug direkt in die großzügige und perfekt restaurierte Wohnung und noch einer Dachterrasse hat sich die Gattin mit dem komplexen Auswahlprozess wieder mal selbst übertroffen.

In der wohlverdienten, leckeren Tapasbar wurde uns von zahlreichen Stieren in den Teller geglotzt. Auf dem Heimweg haben uns die vielen duftenden Orangenbäume in fast voller Blüte betört, wir sind phantastisch angekommen!

Vorabend Check In

Ob die Lufthansa weiß, welch blutdruck-senkende Wirkung der Vorabend-Check In auf ihre Fluggäste hat? So konnten wir in aller gemütlichen Sonntagsruhe die Fahrräder und die Packtaschen zum Flughafen fahren. Aber würde man sie einfach so annehmen oder an Maßen, Gewichten, Verpackung herummosern?

Die gesplitterte Scheibe in der Drehtür haben wir nicht versursacht, auch wenn nicht mehr viel Platz übrig war…

Die Packtaschen wurden gepaart im Folierautomaten zu einem kompakten Kokon verarbeitet (so wie Spinnen eine gefangene Fliege einwickeln) damit sie als ein (Frei-)Gepäckstück durchgehen. Und schließlich wurden auch die Fahrräder, nach Bezahlung des Obulus von 2*80€, ganz unspektakulär in den Rachen der Gepäckförderanlage versenkt.

Und mehr versehentlich habe ich auch noch ein Exploit in der SW der MUC Parkhaus-Gebühren aufgedeckt. Parken ab 10 Minuten an der Vorfahrt in der Ankunftsebene kostet 3 € pro 10 Minuten. Da haben wir nur kurz ausgeladen, das Ticket bezahlt und sind ins angrenzende Parkhaus gefahren. Da sich dies alles noch innerhalb der Parkzone abspielt, bekommt man aber kein neues Ticket bei der Einfahrt ins Parkhaus – merkwürdig – aber ich dachte mir, vielleicht läuft das hier mit Kennzeichenerkennung. Bei der späteren Rückkehr aus dem Terminal musste ich nach Rückfrage bei der Parkleitzentrale mein bereits bezahltes Ticket nochmal in den Automaten schieben und fürchtete eine saftige Nachzahlung, aber es war ‘schon bezahlt’ ! Und selbst die Schranke an der Ausfahrt hat unseren Adrenalinpegel nicht gecheckt und uns einfach durchgelassen.

Und morgen kommen wir mit der S-Bahn und unseren Fahrradkörbchen, ein neues Abenteuer, ob die wohl als Handgepäck ins Schema passen?

Idee, Planung und Vorbereitung der Radtour von Sevilla nach Hause

Schon vor unserer Weltreise gab es die Idee, einmal mehrere Monate mit dem Fahrrad in Europa unterwegs zu sein. Die Wahl fiel nicht schwer, warm sollte es sein, nicht zu viel regnen, und die Route sollte möglichst viel am Meer entlangführen, vorzugsweise mit wenig Gegenwind. Damit war klar, wir starten an der Algarve.

Ganz Europa ist durchzogen von sogenannten EuroVelo Radrouten, die, so hoffen wir, hauptsächlich auf ruhigen, landschaftlich schönen Nebenstraßen, Fahrrad- und Forstwegen entlanggeführt werden. Im Internet findet man GPS-Daten und es gibt zum Teil auch ganz passable Routen-Beschreibungen. Nach umfangreicher Recherche konnte die Route aus dem heruntergeladenen Material für das Garmin GPS zusammengestückelt werden.

Die Anreise mit Fahrrädern im Zug stellte sich bald als zu kompliziert, teuer, langwierig also schlicht nahezu unmöglich dar, also fliegen. Einmal wöchentlich gibt es einen Lufthansa-Flug nach Sevilla, den nehmen wir!

Natürlich hat sich die sogenannte Gattin außer um Versicherungen auch um die Verständigung gekümmert, Spanisch gelernt und in einem Crashkurs die wichtigsten Aussprache-Regeln des Portugiesischen eingesaugt.

Mit der Optimierung der Packlisten haben wir es, Geschlechter spezifisch, auf die Spitze getrieben. Was der einen die warmen Klamotten sind, sind dem anderen die Hardware-Komponenten (siehe Hupe!). Schon 6 Wochen vor Abreise wurde ich genötigt, meine Taschen Probe zu packen, um zu verifizieren, dass sie nicht zu voll werden, damit das Körbchen problemlos montiert werden kann.

(Susi)