Es geht weiter: Von Arles nach Avignon

Nach einer sehr schönen gemeinsamen Woche mit der Familie auf dem Bauernhof in Arles und einigen gemeinsamen Ausflügen in die Camargue haben wir uns verabschiedet und sind ‘back on the road’. Der erste Teil der Etappe, meist auf einsamen Landstraßen, ging nach Baucaire, wo wir wieder auf den Rhone-Radweg treffen. Eine alte Bahntrasse ist sehr schön ausgebaut und der weitere Weg führt durch blühende Ginsterbüsche, viele Mohnblumenwiesen, Weinanbau und fast schon erntereife Getreidefelder. Auch fahren wir durch Pfirsich und Aprikosenplantagen, die leider noch nicht ganz reif sind. Zur Mittagspause haben wir in Aramon schon 40 Km geschafft und es sind dann nur noch 20 Kilometer bis Avignon. Die Bedingungen sind heute fast optimal (außer der Erkältung, die wir uns fast zwangsläufig eingefangen haben), nicht zu heiß und nur wenig Gegenwind, der wird in den kommenden Tagen allerdings noch ein Thema werden.

Am Abend haben wir einen kleinen Stadtrundgang durch die engen Gassen bis zum Papstpalast gemacht und sind diesmal nicht auf dem großen Platz eingekehrt (auf dem wir uns vor 25 Jahren mal übel über den Tisch haben ziehen lassen, was man sich so alles merkt…) sondern haben ein nettes und kreatives Lokal in einer Seitengasse gefunden.

59 Km, ca. 150 Hm, sehr schöne Radwege!

Arles und Pont du Gard

Arles bietet am Samstag den größten Markt der Provence auf, eine endlose Reihe von Ständen mit Lebensmitteln, besonders schönem Obst und Gemüse und eben so viele mit Kleidern. Oft darf, oder besser soll man probieren. Ein sehr dichtes Gedränge, das mal nicht von Touristen dominiert wird. Im Zentrum von Arles ist in jedem zweiten Laden ein Restaurant oder Café und trotzdem findet man nicht leicht einen Platz.

Eine beeindruckend große römische Arena steht fast im Zentrum von Arles und wird heute noch genutzt, um den Preis von hässlichen Stahlgerüsten im Inneren. Von dem Platz gehen sternförmig kleine hübsche Gassen ab.

Nicht weit nördlich von Arles steht das berühmte Aquädukt Pont du Gard, das wir schonmal vor 25 Jahren besucht haben. Außer dass die Vorschriften strenger wurden, hat sich nicht viel verändert, kein Kommerzspektakel, und man kann das Bauwerk in Ruhe von allen Seiten, außer von oben bewundern, die oberste Etage ist angemeldeten Gruppen, d.h. insbesondere den zahlreichen Schulklassen und Kindergartengruppen vorbehalten.

Von Salin-de-Giraud nach Arles

Nach dem liebevollen Frühstück in Garten machen wir zu Beginn der heutigen Etappe einen kurzen Abstecher zu einem Aussichtsberg über die Salinen, für deren Bewirtschaftung Salin-de-Giraud 1856 gegründet wurde. Die Salinen sind bis heute in Betrieb und stellen pro Jahr 350.000 Tonnen Streusalz her.

Jetzt haben wir die Rhone erreicht, zur Mündung sind es noch ca. 10 Kilometer, von nun an soll die Reise nordwärts gehen, ziemlich genau 800 Km bis zur Quelle am Rhonegletscher. Mit einer kostenlosen Fähre queren wir in wenigen Minuten den breiten Fluss. Bis Arles fahren wir auf einem perfekten Radweg, bei mäßigem Gegenwind, meist längs eines Kanals von Arles nach Bouc. Wir kommen an großen Reisfeldern vorbei und hin und wieder duftet es intensiv nach Geißblatt, sonst ist hier nicht viel los. Kurz vor Arles passieren wir eine berühmte alte Brücke, die Van Gogh verewigt hat (und die wahrscheinlich deshalb noch nicht abgerissen wurde).

In Arles machen wir Mittagspause und kaufen ein, was mit dem Fahrrad gerade noch transportierbar ist, um uns dann auf den Weg zu dem Bauernhof ‘Lou Craven’ 10 Km außerhalb von Arles zu machen, wo wir Cora mit Familie treffen und ein paar Tage gemeinsam Urlaub machen werden. Was für Weinkenner der Mouton-Rothschild, ist für Heu-Liebhaber das Foin de Crau, das hier exklusiv angebaut wird.

56 Km, 156 Hm, wieder mal Gegenwind, sonst optimal

Durch die Camargue nach Salin-de-Giraud

Für die 30 Km von Aigues-Mortes nach Saintes-Maries-de-la-Mer gibt es keine Radwege mehr, dafür aber an der Straße einen Seitenstreifen, der wegen des starken Verkehrs sehr angenehm ist. Außerdem haben wir heute famosen Rückenwind. An zahlreichen Weingütern, die Vin de Sable verkaufen (also Sandwein, knirscht aber nicht auf den Zähnen, wir haben ihn gestern probiert) sausen wir vorbei und bremsen mal für ein paar hübsche weiße Camargue-Pferde, die hier keineswegs wild sind, sondern nur sehr große Weiden haben. Viele Höfe bieten auch das Ausreiten mit diesen Pferden an.
In Saintes-Maries-de-la-Mer ist wieder der Bär los, hunderte Campingwägen umlagern das kleine Städtchen, das in diesen Tagen von vielen Pilgern besucht wird, da hier 1448 Reliquien von zwei heiligen Marien entdeckt wurden und auch noch die Schwarze Sara verehrt wird, die Schutzheilige der Sinti und Roma. Wir pilgern in eines der zahlreichen Cafés und lauschen unfreiwillig ein paar Gitanos-Straßenmusikanten. Dann wird es spannend, denn die Route führt nun direkt durch den Nationalpark auf einem geschotterten Damm, dessen Beginn völlig versandet und nicht befahrbar ist. Nach Auskunft eines uns entgegen eiernden Motorradfahrers handelt es sich aber nur um ein kurzes Stück, also schieben wir da durch, aber wie weit er die Strecke (ca. 20 Km) kennt, kann man nicht wissen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl fahren wir weiter, ein Weg auf der Straße würde 60Km Umweg bedeuten, nicht gerade was man sich für den Nachmittag antun möchte. Aber die Anfrage an das Universum (=> Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg) funktioniert auch hier und es taucht ein Jeep der Nationalparkverwaltung auf. Ich frage die Dame mit dem Fernglas, ob man bis Salin-de-Giraud mit dem Fahrrad durchkommt. Die Auskunft ist eindeutig und positiv, als Susi noch eine Nachfrage stellen möchte die ich übersetzen soll, stellt sich heraus, dass die Dame eine deutsche Biologin ist. Damit sind auch die Bedenken der Gattin ausgeräumt, ich könne entscheidende Details nicht verstanden oder bei der Übersetzung hinterlistig weggelassen haben. Mit einem fast schon stürmischen Rückenwind fahren wir also hinein in das Reich der Flamingos, die hier wirklich zahlreich in den vom Meer abgewandten ruhigeren Lagunen meistens den Kopf nicht im Sand aber unter Wasser haben. Zur Mittagspause lassen wir uns am Straßenrand nieder und machen nochmal 3 Kreuze für den günstigen Wind, der uns nämlich auch die Mücken vom Leib hält. Nach der Mittagspause, mit frisch gepflücktem Queller, entscheiden wir uns an einer Kreuzung für den etwas längeren Weg nach Salin-de-Giraud, der als Fahrradroute ausgewiesen ist. Dieser Weg scheint direkt hinaus aufs Meer zu führen, nur noch ein Damm, rechts und links Wasser und der starke Westwind zerrt am Lenker, als die Strecke für ein kurzes Stück nach Süden schwenkt. Das ist wirklich eine unglaubliche Gegend und erinnert an Island oder die Atacama Wüste. Nach ein paar weiteren Kilometern wird aus dem Deich eine Piste, die mehr an einen Schweizer Käse erinnert als an eine Straße. Das Material wird so malträtiert, dass an Susis Hinterrad langsam die Luft entweicht, wir es aber bis Salin-de-Giraud schaffen und ich erst dort im Garten der Unterkunft das Leck suche und schließlich einen neuen Schlauch montiere – die Verschweißung des Ventils am Schlauch ist nicht mehr dicht – die erste Panne nach exakt 3000 Km und nicht unbedingt eine Empfehlung für die ultraleichten Aerothan Schläuche von Schwalbe.
Auf der schönen Gartenterrasse des Hauses gibt es unser Standard-Abendessen aus dem Supermarkt: Baguette, Entenleberpastete, Ziegenkäse und Salatherzen, dazu eine Flasche Rotwein. Der Rest des Städtchens erinnert fast an Geisterstätte aus der Goldgräberzeit, nur dass hier Salz aus den Salinen gewonnen wurde, was sich heute, außer vielleicht für ein paar Päckchen Fleur de Sel wohl nicht mehr lohnt.

66 Km, 50 Hm (geschätzt), perfekter Wind, heute den 3000. Km gefahren.

Von Sète nach Aigues-Mortes, zurück ins Mittelalter

Der Grand Crème in der Brasserie ‘Le Tabary’s’ war der beste bisher in Frankreich, die Milch perfekt aufgeschäumt in einem extra Kännchen. Derweil Susi sich einen zweiten gönnt, kaufe ich in der Markthalle Baguette, Käse und Tomaten für die Brotzeit ein. Der Käsestand ist eine einzige Verführung und diesmal wird es ein Roquefort cremeux und ein Bouyguette, aus Ziegen-Rohmilch, in Form eines Schiffchens und sensationell lecker (dem Duc de Bourgogne mindestens ebenbürtig).
Von Sète nach Aigues-Mortes gibt es einen längeren Anstieg auf den höchsten Punkt des Tages mit 14m über dem Meeresspiegel, das sollte machbar sein. Obwohl wir den ganzen Tag am Meer entlang fahren, sieht man es höchst selten, denn entweder liegt es hinter der Düne oder, wahrscheinlicher, hinter den Ferienhäusern. Dafür gibt es viele Sümpfe und Lagunen mit Flamingos und anderen Vögeln landeinwärts zu sehen.

Die Radwege sind in der sehr zersiedelten Gegend wieder landestypisch, oft schlecht und auf jeden Fall schikanös geführt. In Palavas-Le-Flots machen wir auf einer Bank am Strand Mittagspause und finden auch noch ein Café am Strand. Der weitere Weg verläuft weitgehend durch gesichtslose Feriensiedlungen, anders im quirligen nächsten Ort, La Grand Motte, wo zumindest architektonisch interessante Hotelanlagen errichtet wurden. In Le Grau-du-Roi ist es auch wieder sehr lebendig und wir leisten uns dort ein leckeres Eis, besichtigen den Strand und machen dann kehrt um landeinwärts (mit Rückenwind!) die letzten Kilometer nach Aigues-Mortes zu rollen.

Aigues-Mortes, hinter großen, rosafarbigen Salinen gelegen, hat eine wirklich beeindruckend große, vollkommen intakte und geschlossene mittelalterliche Stadtmauer, auf der wir, inklusive der Besichtigung einiger Türme, die Stadt umrunden. Die Häuser innerhalb der Mauern sind ziemlich eng verschachtelt und in einem davon ist unser Hotel, in dem wir ein Häuschen auf der Dachterrasse beziehen. Die Fahrräder kommen im Restaurant unter, das heute geschlossen hat. In einem der sehr zahlreichen anderen Restaurants bekommen wir eine Spezialität, Fleisch von freilaufenden Stieren aus der Camargue.

65 Km, 155 Hm, so ein blödes Gehoppel über Bordsteine, Wurzeln, Schlaglöcher… Kein Wunder, dass die französischen Autos so eine weiche Federung benötigen.

Sandalenwetter in Sète

Südfrankreich wie man es sich im Sommer vorstellt, eigentlich der erste ‘Sommerferientag’ unserer Reise. Ein Mischung aus Stadtbummel und Bar-Hopping. Auf den Straßen ist viel Betrieb wie auch auf dem Wasser im Hafen und den Kanälen, die Sète durchziehen (der Vergleich mit Venedig hinkt aber arg). Schon kurz nach dem Frühstück in der Sonne am Kanal geht es weiter in die Markthalle, ein Zweckbau, der aber in ein metallenes Netz gehüllt ist. Innen überbordende französische Feinschmeckerei, wir belassen es bei einem halbem Dutzend Austern, die würden ja sonst schlecht werden, das wäre schade.

Nächste Station ist ein dörflicher Stadtteil von Sète, La Pointe Courte, am Etang de Thau, der Lagune, durch die der Canal du Midi mit dem Meer verbunden ist. Dort sind die Fischerboote und die Häuser gleichermaßen geschrumpft, verglichen mit dem Kanal vor unserem Balkon, wo riesige Fischtrawler mitten in der Stadt vertäut liegen. Hintenrum schaut es aus wie in, sagen wir Panama oder Vietnam.

Dort essen wir mittags Nudel mit ‘Seiche’, was eine sehr große und besonders zarte Tintenfischart ist. Am Nachmittag laufen wir zum Leuchtturm, den man besteigen kann und aus 33 m Höhe eine großartige Aussicht auf den Hafen, Sète und den Hügel dahinter hat. Hunderte Segeljachten liegen im Hafen, vereinzelte werden auch mal ‘bewegt’. Eine bunte Mischung allerlei Wasserfahrzeuge, vom Kajak bis zum Fischtrawler fährt vorbei. Ein Kreuzfahrtschiff überragt alle Häuser am Kai, erstaunlich, wie man das an die Anlegestelle bugsiert hat.

Nach einem Eisbecher (der erste dieser Reise, ich schwöre!) steigen wir noch in das Quartier Haut, am Hang hinauf, hier haben viele Künstler ihre Werkstätten, was man daran bemerkt, dass heute ‘Tag des offenen Ateliers’ ist. Noch ein Bier am Platz des Tintenfischs und dann ist aber auch gut mit Programm, vom Abendessen mal abgesehen…

Von Béziers ans Mittelmeer nach Sète

Von Béziers haben wir nicht viel gesehen, außer einer kleinen netten Bar für den Morgenkaffee und gegenüber ein kleiner Markt, auf dem wir uns für die Brotzeit mit eben diesem und Käse versorgen konnten. Der Weg von Béziers nach Agde war wieder eine bunte Mischung aus frisch asphaltiert und Schlammkulen, nach deren Durchquerung die Räder einige 100m brauchten, bis sie sich aus dem Matsch im Schutzblech befreit hatten. Einige leicht vergammelte Freizeitparks längs des Kanals deuten die Nähe zur Ferienregion am Mittelmeer schon an, auch kommt man öfters an Verleihstationen für die Kanalboote vorbei, hunderte Boote und riesige Parkplätze lassen erahnen, was hier im Sommer abgeht. Sonst aber nur Wein’berge’ und viele schöne Blumen am Weg.

Hinter Agde geht es wieder wild durchs Gelände, zum Glück jetzt weitgehend trocken. Eine schöne Stelle am Kanal wäre für die Mittagspause ideal, aber die ersten Mücken der Saison vertreiben uns Richtung Meer. Nun liegt wieder ein großer Abschnitt, die Radroute ‘Enter deux Mers’ hinter uns und das Mittelmeer vor uns. Das erreichen wir nach wenigen Kilometern und breiten unsere Brotzeit ungestört auf den Felsenbrocken am Strand aus. In Marseillan-Plage ist die touristische Infrastruktur nun maximal ausgebaut, eine Bar an der anderen und viele Andenken-, Krims und Krams-Läden. Nach dem Kaffee geht es auf die lange, schmale Gerade, nur für Fahrräder, zwischen Strand und dem Étang de Thau nach Sète, zwischendrin machen wir Halt und nehmen ein Sonnenbad (!) im Sand, hier noch ziemlich allein. Je näher wir Sète kommen, umso voller wird es auf dem Radweg, bis man fast absteigen muss, soviele Urlauber. Es ist immer wieder merkwürdig, dass sich die Menschen freiwillig am Meer so zusammenballen (jedenfalls nicht um zu schwimmen) verglichen mit der Einsamkeit im Landesinneren. Unser Appartement in Sète liegt direkt am Hafen, mit Blick auf den Fischmarkt und ist ganz schön teuer – kein Wunder, es ist das Pfingst-Wochenende und auch in Frankreich ist der Pfingstmontag Feiertag.

55 Km, 127 Hm, bis auf die Schlammkulen eine sehr entspannte Etappe

Von Roubia nach Béziers

Das Frühstück bei Bruno im L’Oiseau bleu war mit viel Liebe zubereitet, ein Crêpe mit Nutella, ein Spiegelei mit Speck und selbstgemachte Marmeladen, dazu ein frisches Baguette. So gut gefüttert sind wir sogar ohne Brotzeit aufgebrochen. Heute wurde es bei mäßigem Gegenwind ein wildes Durcheinander von frisch angelegten Radwegen entlang des Kanals, die sich abwechselten mit schlammigen single trails, bestenfalls mit dem Mountainbike zu meistern. Zwischendurch fahren wir auf ziemlich befahrenen Straßen, dann wieder am Kanal entlang, obwohl der Track auf der Straße geht, aber irgendwie kommen wir durch. Das ganze als Radroute zu verkaufen ist allerdings abenteuerlich und manch ältere E-Bikerin kann einem wirklich leid tun, sich da durch zu quälen. An der Strecke liegen heute sehr malerische Dörfchen und viele weitere Fotomotive so dass wir oft anhalten und nicht so recht vorankommen, aber bei stabiler Wetterprognose auch kein Problem.

Die Gegend wird leicht hügelig und deswegen macht der Kanal heute wilde Schlangenlinien, aber dafür mit großartiger Aussicht auf Weinanbau und wunderschön blühende Wiesen. Kurz vor Capestang fahren die Schiffe sogar durch einen kurzen Tunnel. In dem Städtchen machen wir Mittagspause in einem Restaurant mit Pizzaofen und einem wie für uns zugeschnittenen ‘Menü’ aus einer halben Pizza, einem Salat und einem Glas Wein.

Kurz vor Béziers gibt es eine 9-stufige Schleusenanlage zu bestaunen, auf der reger Betrieb herrscht, auch ein großes Ausflugsschiff wird durchgeschleust, da sind nur wenige Zentimeter Platz in alle Richtungen. Von hier hat man einen tollen Blick auf die Kathedrale.

In Béziers wird es dann nochmal mühsam, nicht nur, dass das gebuchte Appartement ganz oben in der Stadt liegt, auch das Haus, direkt an der Markthalle gelegen ist, wie diese, leider eine Baustelle und die Fahrräder durch das enge Treppenhaus zu befördern auch kein Spaß, man kann halt nicht immer Glück haben.

54 Km, 250 Hm, windig aber warm und abschnittsweise unzumutbare ‘Radwege’

Von Carcassonne in das Dorf Roubia

Die kleine Épicerie ums Eck macht schon um halb 8 auf und ich kann den Kaffee im Pappbecher und die Croissants mit zu uns auf den Balkon nehmen, ein schöner Frühstücksplatz mit Blick auf die Burganlage. Nach dem aufwändigen Zusammenpacken aller frisch gewaschenen Sachen (die sogar richtig sauber geworden sind) gehen wir nochmal zu dem netten Laden und kaufen für die Brotzeit ein.
Am Kanal geht es bei schönstem Wetter weiter auf dem Trampelpfad nur ist dieser gestern wieder abgetrocknet und es fährt sich meist ganz angenehm, abgesehen von der Unsitte, an den Schleusen diverse Hindernisse und Schikanen aufzubauen, um damit die Radfahrer zum Absteigen zu nötigen. Die Landschaft hat sich schon merklich gewandelt und man riecht förmlich das Mittelmeer schon, Zypressen säumen den Kanal und Wein wird auf weiten Feldern angebaut.

An einer Dreifachschleuse wartet ein Boot darauf, dass die Schleuse frei wird und derweil spielt und singt einer der Passagiere auf dem Vorderdeck mit seinem Akkordeon ein Stück von Jacques Brel, wie wir von einer kundigen Radlergruppe aus Belgien erfahren, die auch angehalten haben und sogar mitsingen können. Die Melodie hat Monsieur Brel von Greensleeves geklaut und dem Werk den Titel ‘Amsterdam’ gegeben. Eine super nettes Erlebnis zwischen Rad- und Bootsfahrern.
Zur Mittagspause versuchen wir uns im einzigen Restaurant in La Redorte, vergeblich, die vielen einheimischen Bootstouristen haben alles schon reserviert, da bleibt uns nur die Parkbank am Kanal, aber wir hatten das ja kommen sehen und Baguette, Wurst und Käse eingekauft. Rechts und links in den Hügeln bauen sich gewaltige Wolkentürme auf und wir sind gespannt, ob die Vorhersage, dass es nicht vor 4 gewittert zutreffen wird… In Homs gibt es tatsächlich ein offenes Café (ALLE Restaurants schließen immer um 2) und wir bestellen einen solchen, dabei verfolgen wir gespannt die Entwicklung am Himmel, wo die Sonne hinter den Wolken verschwindet und es anfängt zu donnern. Es sind nur noch 6 oder 7 Kilometer bis nach Roubia, aber es wird knapp. Zwar kommen wir trocken an, aber es sind noch ein paar Minuten, bis uns der überaus freundliche Bruno das Garagentor öffnet und wir im Maison “L’Oiseau bleu” vor dem Gewitter Unterschlupf finden. In dem putzig winzigen Innenhof sitzen wir in Trockenen auf einer Couch bei einem sehr feinen Glas Rotwein aus der Gegend bis die Sonne wieder scheint. Besonders erwähnt werden muss das Bad, im Wortsinne ein ‘Salle de bain’, ausgestattet mit einem Kamin, einem Waschbecken auf dem Untergestell einer Nähmaschine und einem, an die Wand geschraubten Stück Seife, sehr cool!

54 Km, 121 Hm, Schotter, aber trocken, dafür schon dankbar

Carcassonne in 3D gespielt

Was ist nur aus dieser riesigen Festungsanlage des Mittelalters geworden? Uneinnehmbar über Jahrhunderte, mit doppelten Festungsmauern, raffinierten, doppelt vorhandenen Falltüren und, und, und. Heute ist sie zwar fein restauriert, aber löchriger denn je: Zu hunderten strömt jeden Tag neues Fußvolk herein und vereinnahmt die Burg, besetzt alle Plätze und Häuser, die Einwohner des Burgdorfs haben keine Chance – allerdings gelingt es ihnen recht geschickt, die Belagerer um ihre Taler zu erleichtern, ohne dass es diese recht erzürnt. Alle kehren sie am späteren Nachmittag verarmt in ihre Siedlungen außerhalb der Mauern zurück, um am nächsten Tag mit frischen Kräften erneut anzugreifen.
Aus Sorge, wegen Überfüllung abgewiesen zu werden hatten wir uns schon sehr früh an der Burg positioniert und konnten tatsächlich als erste hinein als es 10 Uhr schlug und die Tore sich öffneten. Die kolossale Aussicht hat sich seit dem Mittelalter sicher nicht verschlechtert, aber die Temperaturen waren damals Mitte Mai sicher nicht so eisig wie heute. Nach dem langen Rundgang durch die Burg, meist im Freien und nur notdürftig vor dem Wind geschützt (der pfeift durch jede Schießscharte), haben wir uns in einem der Burgcafés bei Crêpe und Cappuccino erstmal wieder aufgewärmt. Nach einer Weile des mehr oder weniger ziellosen Umherstreifens erkennt man manche Stelle wieder und ahnt, bald alle Geschäfterl gesehen zu haben. Alle uns vorab empfohlene Lokale haben leider geschlossen, obwohl heute nicht Montag ist. Bei der der Suche nach einer Alternative war es dann nur ein mittelmäßiger Treffer, aber nach dem Essen scheint dafür endlich die Sonne und es wird wärmer. Wir besuchen noch das Folter- und Inquisitionsmuseum, wo wir lernen, dass 1977 (!) der letzte Franzose guillotiniert wurde und die katholische Kirche sich bereits im Jahr 2000 für die unsäglichen Praktiken im Mittelalter entschuldigt hat.

Beim Abstieg von der Burg fällt mir noch auf, dass sich auf den Wallanlagen ein ungewöhnliches Kunstwerk abzeichnet, konzentrische mit dem Abstand zum Eingangstor zunehmend breiter werdende helle Ringe. Vermutlich mit dem Sandstrahlgerät eingraviert – undenkbar auf einem teutonischen Denkmal. Dann schlendern wir noch über die alte Brücke und in den Gassen am Fuß der Burg setzen wir uns vor eine Bar in die letzten Sonnenstrahlen, der Blick hinter den Tresen reizt mich zu einem heimlichen Foto….