Durch die Jura-Berge nach Vulbens

Die Berge rücken nun nicht mehr nur optisch näher, auch die Route schwingt sich heute in die Hügel des Jura hinauf, denn die Rhône verläuft beim Durchqueren des französischen Jura in einer Schlucht, in der gar kein Platz für Straßen ist. Leider auch nicht für Radwege, d.h. wir fahren den ganzen Tag auf Landstraßen, die unterschiedlich stark befahren sind. Nachdem wir ohne Frühstück gestartet sind, freuen wir uns über den kleinen Markt in Seyssel, einem kleinen, hübschen Ort auf halber Strecke gelegen. Dort gibt es auch ein offenes Café, was erwähnenswert ist, denn heute ist Montag und da machen alle Franzosen das, was sie am liebsten machen, nämlich zu. Für die Brotzeit ist also schonmal gesorgt, obwohl wir noch ein Sortiment kleiner Käsestücke von gestern haben, welches aber im Lauf des Tages zu einem schmierigen Klumpen verschmolzen ist. Leider verpassen wir, wie so oft, rechtzeitig den besten Brotzeitplatz zu finden (Schatten, Aussicht, Bänkchen, ruhig gelegen, quakende Frösche sind die Mindestanforderungen) und müssen dann mit ein paar Steinen, viel zu dicht an der Bundesstraße, vorlieb nehmen. Den Käseklumpen interpretiert der Maître de Cuisine heute als Käsefondue ‘Brebis’ und das veredelt ihn sogleich in eine kulinarische Geschmacksexplosion, sogar ohne befürchtete Nachwirkungen. Das muss man den Franzosen lassen, die Phantasie bei der Benennung des Aufgetischten ist echt grenzenlos. Leben wie Gott in Frankreich eben.

Immerhin die Anstiege auf fast 600 m Höhe sind auf sehr schönen, ruhigen Nebenstraßen. An der engsten Stelle, dem Défilé de l’Écluse wacht eine alte Militärfestung ‘Fort de l’Ecluse’ in luftiger Höhe über dem Tal. Gleich daneben quert eine Eisenbahnlinie auf einer ziemlich spektakulären Brücke die Schlucht.

Noch einmal um die Kurve und wir sind in Vulbens, in dem wir ein Appartement haben, was auf seine Weise sehr an das ‘Loriot’- Zimmer von vorgestern erinnert – hier ist zwar nichts kaputt, aber das Haus und der Innenausbau sind so grottenschlecht aus lauter Restbeständen eines Baumarkts zusammen gestümpert, das es schon fast wieder als Kunst betrachtet werden kann.

51 Km, 640 Hm, Erste Berge nach 1 Monat flachradeln

Von Saint-Genix nach Chanaz

Unsere Besenkammer im Schloss hat uns gestern und heute so viel Freude bereitet, dass wir sie nachträglich das ‘Loriot-Zimmer’ nennen. Auch wenn das Bild nicht schief hing, war es doch eine Häufung von kuriosen Defekten, die wir so noch in keinem Zimmer bisher erlebt haben. Es begann mit der Zwangshandlung der Gattin, das Fenster zu öffnen, noch bevor die Zimmertür ins (verkehrt herum schließende) Schloss gefallen ist. Dabei verabschiedete sich die Vorhangstange nach unten, wo sie auf das lose Fensterbrett traf (das aber den Aufprall überstand ohne selber herunter zu fallen). Der ebenso lose Fensterrahmen blieb zum Glück auch in der Mauer. Die Steckdose kam als nächstes aus der Wand, dann folgten die Erlebnisse in der Dusche, deren Hahn durchdrehte und nur kochend heißes Wasser lieferte, aber mit etwas Mühe ward eine Stellung gefunden, die das Duschen ermöglichte, bis dann das heiße Wasser alle war…. Einen Lichtschalter im Bad gab es auch nicht, nur einen Bewegungsmelder, aber auch dafür fand sich eine Lösung. Schwieriger war es mit der Schiebetür zum Bad, die beim Schließen aus der Führung fiel und Susi mich von außen befreien musste (zum Glück war das Bad so klein, dass immer nur einer darin sein konnte). Es fehlte eigentlich nur die versteckte Kamera, um all das aufzuzeichnen 😉
Nach einem mäßigen (Hotel-) Frühstück rollten wir hinunter an die Rhône, wieder auf den Damm. Die Wetter-App hatte heute auch einen Aussetzer und bescherte uns leichten Rückenwind. In Belley, nach 25 Km gab es einen Carrefour-Supermarkt in ausreichender Größe um darin eine Frischtheke erwarten zu dürfen und tatsächlich gab es dort die beste gepfefferte Entenleberpastete der Welt. Diese und noch ein großes Stück fast abgelaufenen Roqueforts haben wir an einem sonnigen Platz direkt am Ufer genossen, mit Blick auf die Felswände des Jura, durch den sich die Rhône hier gegraben hat.

Chanaz ist nun gleich ums Eck, die Etappe fällt sehr kurz aus, weil wir gestern so viel vorgelegt hatten. Als wir vor dem Hotel ankommen fällt mein Blick auf einen kleinen Kiosk, der Bootstouren anbietet. Das nächste Boot geht in ca. einer Stunde und fährt eine große Runde von der Rhône über den Kanal Savières in den See Lac du Bourget (an dem der berühmte Kurort Aix-les-Bains liegt), da kaufen wir doch gleich mal Tickets und müssen die Strecke dann nicht mit dem Rad fahren (denn zum See wollte ich auf jeden Fall). Unser Hotel, gleich an der Schleuse zwischen Kanal und Rhône gelegen, ist ein zweckmäßiger, moderner Bau und der Mangel an Flair wird sehr gut kompensiert durch eine absolut defektfreie Elektro- und Wasserinstallation, die Vorhänge, die nicht mit dem Fenster kollidieren und anderen Annehmlichkeiten, wie z.B. Luftpumpen im Fahrradschuppen.
Die Fahrt mit dem Boot entpuppt sich als wahres Juwel touristischen Angebots, das sich sonst hier auf die durchgehende Beschilderung des Rhône-Radwegs beschränkt. Zuerst werden wir durch eine Schleuse auf das Niveau der Rhone angehoben, um dort eine kleine Rundfahrt zu machen, mit ausführlichsten Erklärungen des Kapitäns zu der Schleuse (von seiner Tochter bedient), den Wasserkraftwerken, Wassertiefen und anderen Details, nur für Einheimische verständlich. Dann geht es wieder zurück in den Kanal, der uns durch das sehr hübsche Dorf Chanaz führt und weiter einige Kilometer durch grünen Urwald bis zum See Bourget (der dem Gardasee sehr ähnlich ist), auf dem das Boot einen großen Bogen fährt um schließlich durch den Kanal zurück nach Chanaz zu fahren. Dort steigen wir aus, um uns noch ein Bierchen an der Mole zu gönnen, bevor wir zum Hotel zurücklaufen. Das Restaurant für’s Abendessen (mal wieder bodenständig mit Salat und Pizza) liegt gleich neben dem Hotel, was angesichts des aufkommenden Gewitters auch wieder sehr praktisch ist. Ein rundum gelungener Tag!

38 Km, 140 Hm, völlig unterfordert

Von Hières-sur-Amby nach Saint-Genix-les-Villages

Von Patricia bekommen wir ein feines Frühstück serviert, mit frisch gepresstem Orangensaft und einer reich bestückten Käseplatte. Da wir unmöglich mehr als 10% des Aufgetischten verputzen können, dürfen wir uns das restliche Baguette belegen und dazu auch noch die Croissants mitnehmen – das spart den Weg zum Laden im Dorf und wir wären früh dran gewesen, wenn es nicht angefangen hätte zu regnen. Die Vorhersage stimmt aber optimistisch, dass es nicht lohnt, die Regensachen wieder auszupacken. Trotzdem werden wir in der ersten Stunde immer wieder mal leicht eingenässt, aber es ist so warm, dass man in den Regenjacken mehr schwitzen würde als man von außen nass wird. Die Route heute ist eine wilde Schlangenlinie erst entlang des Flusses im Tal, das zunehmend enger wird und von steilen Felswänden begrenzt wird. Der Wind frischt auf und bläst uns wieder mal ins Gesicht, dann klemmen sich zwei Rennradfahrer in unseren Windschatten und als wir nach etlichen Kilometern anhalten, um die weitere Route zu entscheiden, halten die beiden auch an, ein Schweizer Ehepaar, deutlich älter als wir und es entspinnt sich eine kleiner Plausch über woher und wohin. So erfahren wir auch, dass der Furkapass noch Wintersperre hat (was Susi ganz und gar nicht schlimm findet).
Der direkte Weg nach Saint-Genix auf der Landstraße wäre nur halb so weit, wie der Track, dem wir nachfahren. Aber es läuft gut heute und wir entscheiden uns, nichts abzukürzen, denn auf der Straße zu fahren ist in Frankreich meist unerfreulich, zu viel Verkehr und wenig Rücksichtnahme. Wir fahren dafür durch viel saftiges, feuchtes Grün mit vielen schönen Blüten; Mohnblumen, Kornblumen, Orchideen am Wegesrand und in den Wiesen. Mittagspause machen wir nach 50 Km im kleinen Stadtpark von Morestel, welches eigentlich unser Etappenziel gewesen wäre, hätte es hier irgendeine freie Unterkunft gegeben. So müssen wir noch fast 30 Km weiter fahren, jetzt in ziemlich praller Sonne bei fast 30°, haben dafür aber ein Zimmer in einer, mit rotem Teppichboden aufgehübschten Abstellkammer in einem kleinen Schloss, mit bemüht feinem Restaurant gleich dabei, sehr praktisch nach fast 80 Km. Jetzt sind wir in Savoyen, das klingt schon fast nach Italien.

79 Km, 410 Hm, beste Radwege, fast kein Gegenwind, erst feucht warm, dann heiß

Von Lyon nach Hières-sur-Amby

Die Fahrt aus Lyon heraus war viel angenehmer als hinein, schön im Grünen geführte Radwege entlang der Rhône, durch Naherholungsgebiete, kurz parallel zur Autobahn, aber immer gut markiert und in gutem Zustand. Dann geht es wieder auf dem Damm entlang, die nächsten Tage immer in östlicher Richtung. Bald verlässt die Route aber den Fluss und führt uns hinauf in die Hügel durch ein paar sehr einsame Dörfer. Nach der Mittagspause (wir wurden sehr beschissen von einem Vogel aus dem Baum über dem Picknicktisch zum Gehen aufgefordert!) kommen wir in ein kleines Dorf mit tatsächlich einer offenen Bar und bekommen unerwartet einen guten Kaffee. Die Gäste, kaum von den Wirtsleuten zu unterscheiden, waren alle ein wenig derb drauf, aber nicht unfreundlich. Beim Aufbruch geraten wir in einen fröhlich hupenden, sehr sportlichen Korso einer garantiert nicht einheimischen Hochzeitsgesellschaft. Die restlichen Kilometer geht es wieder am Fluss entlang, bis wir abbiegen nach Hières, kurz hinter dem Kernkraftwerk Bugey – heute strahlt also nicht nur die Sonne auf uns (Hier ist ein Zwischenlager errichtet für den radioaktiven Müll aus den Abrissarbeiten von 9 Reaktoren). Wir werden sehr freundlich von Patricia in unserer Unterkunft, wieder mal ein Chambre d’Hôte, empfangen und bekommen erstmal ein Bier gegen die Hitze auf der schönen Terrasse. Wir logieren im Dachgeschoß des alten Hauses, das Bad ist sehr geräumig und ein Foto wert. Zum Abendessen haben wir einen Tisch im Hotel ‘Le Val d’Amby’ reserviert und bekommen dort völlig überraschend das absolut beste Menü der Reise aufgetischt; heute ist auch die Nachspeise, ein Soufflé mit Gran Marnier und Zitrusfrüchten sozusagen erste Sahne.

54 Km, 254 Hm, ziemlich heiß heute, die flachen Etappen sind wohl passé, noch 1001 Km bis nach Hause

Schlemmertour durch Lyon

Man kann 1500 Km durch Frankreich radeln und trotzdem kontinuierlich dicker werden. Am schlimmsten ist es in Lyon mit 2355 Restaurants (soviel zählt zumindest Tripadvisor), dem Zentrum der französischen Kochkunst. Paul Bocuse, einer der berühmtesten Köche des 20. Jahrhunderts wurde in Lyon geboren und starb auch hier vor 5 Jahren. Wir wurden nicht enttäuscht, selbst in der Altstadt, mit den vielen Touristen, war die Qualität der Gerichte außergewöhnlich. Die typischen Lyoneser Restaurants heißen ‘Bouchon’ und wir waren im ‘Bouchon Tupin’ zum Abendessen, besonders begeistert waren wir von den Hauptgerichten, die überaus kreativ und weit besser waren, als alles, was wir bisher in Frankreich erlebt haben. Quenelles, z.B. sind Klößchen aus Hecht in einer Hummersoße in einer feuerfesten Form überbacken. Für diese Qualität waren 34 € für das 3-Gänge Menü sehr preiswert. Erstaunlicherweise konnten die Nachspeisen das Niveau nicht halten. Aber den süßen Verlockungen kann man sich auch in den zahlreichen Patisserien hingeben.
Im Restaurant gestern Abend hatten wir uns zum Essen eine Flasche Rotwein aus dem Rhônetal gegönnt, durch dessen Anbaugebiet wir gefahren waren (Crauze-Ermitage), ein französisches Paar am Nachbartisch befand dann, dass das zwar ein guter Wein sei, aber eigentlich sollten wir mal von ihrem Beaujolais probieren und bestellten dafür ein Glas beim Ober. Bei einer Blindverkostung wäre ich mir nicht sicher, ob ich die beiden, nach Aussage des Paars so grundverschiedenen Weine auch korrekt auseinanderhalten könnte. So plauderten wir eine Weile über dies und das, natürlich unsere Reise mit dem Rad und das geht mittlerweile auch in französisch recht passabel.
Es gibt in Lyon aber noch mehr zu sehen als fein drapierte Teller. Wir sind mit einer Standseilbahn auf den Hügel Fourvière hinaufgefahren, von dem man einen tollen Blick auf Lyon hat und angeblich bis zum Mont Blanc haben kann. Oben steht auch eine markante Kathedrale mit 4 Türmen, mit einer goldenen Madonna zur Erinnerung an das Lyoner Wunder, angeblich von der Pest verschont worden zu sein (was sicher nicht der Fall war). Innen ist die Kirche mit großflächigen Mosaiken geschmückt und wir stolpern in eine gut besuchte Messe mit großem Kinderchor. Allerdings stellten die Eltern mindestens 80% der Gläubigen. Zu sehen gibt es auf dem Hügel noch ein römisches Amphitheater und dicke schwarze Wolken, die nicht mehr ganz dicht sind.

Von oben lässt sich gut der weitere Stadtrundgang planen und als nächstes besuchen wir den großen Platz Bellecour mit einer Reiterstatue Ludwig XIV, die hat die französische Revolution wohl übersehen zu entfernen.

Zu Mittag sind wir in der Altstadt Vieux Lyon eingekehrt, es gibt ein Crêpe mit Roquefort. In der Altstadt sind viele Häuser über verwinkelte Durchgänge miteinander verbunden und durch manche darf man hindurchgehen wenn die Tür offen ist und gelangt so ungesehen zur nächsten Straße, was wohl der ursprüngliche Zweck gewesen ist.
Etwas erschlafft schaffen wir es am Nachmittag gerade noch so, uns in ein Ausflugsschiff zu setzen und lassen uns eine Stunde die Saône entlang schippern. Vom Schiff hat man einen guten Blick auf einige spezielle Häuser, deren Fassaden nur (aber täuschend echt) gemalt sind.

Von Sablons nach Lyon

Schon um 9 (!) waren wir im Sattel und zügig unterwegs, denn die gut 70 Km Strecke nach Lyon könnte bei den angesagten 28° schon zäh werden. Bis Vienne, der Hälfte der Etappe, war es aber angenehm zu fahren im Schatten der Auenwälder bei noch sehr moderaten 20° und: Kein Wind! Weinberge an allen Südhängen und viel Gemüseanbau im Tal, leider heute keine reifen Kirschbäume am Weg. Das Rhônetal ist aber auch Industriegebiet, der Fluss immer wieder von Dämmen begrenzt und für Kraftwerke gestaut. Wir passieren am Tag mindestens ein Kernkraftwerk, auch Industrieanlagen, Raffinerien und sonstiges, was nach Lack oder Schwefel stinkt. Trotzdem eine weitgehend anmutige Landschaft mit hübschen Städtchen. In Vienne kommen wir eigentlich zu früh für die Mittagspause an, aber da es einen kleinen Markt gibt, kaufen wir ein und setzen uns an ein paar herrenlose Tische um das Erstandene sogleich zu verputzen. Ein trendiges Café mit 20 verschiedenen Cookie-Sorten rundet das Mittagsmahl ab.

Die zweite Hälfte der Etappe wird dann weniger erbaulich ausfallen, schon ca. 25 Km vor Lyon geht es durch Industriegebiete und Vorstadtsiedlungen, eingezwängt zwischen Bahnlinie und Autobahn auf einem ‘provisorischen’ Radweg, der uns an schlimmste Zeiten in Portugal erinnert – Schotter, Schlaglöcher, Trampelpfade durch die Wiese, einmal müssen wir das Rad durch ein Baugerüst unter einer Brücke hindurch tragen, wohlgemerkt auf der offiziellen Radroute ‘Via Rhôna’. Zwischendurch müssen wir von der Route auf Straßen ausweichen. Immerhin, jetzt weht seit 2 Wochen das erste Mal ein leichter Südwind! Endlich in Lyon, passieren wir den Zusammenfluss von Saône und Rhône, an dieser Stelle ist ein sehr futuristisches naturwissenschaftliches ‘Musée des Confluences’ erbaut. Auch die anderen Gebäude hier sind architektonisch ein echter Hingucker. Weiter in Richtung Innenstadt wird es dann wieder klassisch mit schön restaurierten Häusern entlang des Saône Ufers.

Unser nagelneues, ziemlich kleines Appartement liegt absolut spektakulär in einem Altbau im Zentrum mit Blick auf das Rathaus. Die Fahrräder müssen mangels Platz auf dem Balkon schlafen, sie genießen aber den Ausblick genauso wie wir.

73 Km, 250 Hm, schöne Etappe bis 25 Km vor Lyon

Von Tournon nach Sablons

Endlich ist der Mistral abgeflaut. Bei angenehmen Temperaturen und leichter Bewölkung geht es jetzt wieder mit dem Rad weiter nach Norden. Die Via Rhôna ist ein perfekt angelegter Radweg im Wechsel durch Auenwälder oder Obstplantagen. Dort finden wir Kirschbäume vor, die laut nach uns rufen: Pflückt meine Kirschen, sie sind überreif und platzen schon auf. Da wollten wir doch hilfsbereit sein und stopfen uns mit den allerleckersten Kirschen die Backen voll, blöd, dass wir vorher im Supermarkt welche gekauft haben.

Die Brücken über den Fluss sind alle in ähnlicher Weise gebaut, Hängebrücken mit einem Mittelpfeiler, manche schon etwas betagt und schmal, andere neueren Datums, breiter und entsprechend stark befahren. In den Dörfern Saint Vallier und Andance suchen wir vergeblich nach einem passenden Restaurant oder Café. Gut, dass wir in Tournon im Intermarché noch eingekauft hatten, denn weder in einer Kebab-, Burger-, noch Pizzabude wollten wir unsere Mittagspause verbringen. So haben wir uns auf einer der vielen Bänke entlang des Wegs niedergelassen und Aussicht auf die Rhône und die ab und zu vorbei tuckernden Frachtschiffe gehabt.

In Sablons sind wir noch einen Kilometer an unserer heutigen Unterkunft vorbei weiter ins Dorf gefahren, um ein geöffnetes Café zu finden und saßen schließlich direkt am Kreisel vor der Brücke, ein Höllenlärm, denn hier scheint für den Schwerverkehr die einzig geeignete Rhônequerung der Region zu sein. Unsere Unterkunft dagegen ist herzallerliebst mit einem kleinen Gärtchen, keine 10 Meter vom Fluss entfernt.

42 Km, ca. 100 Hm, perfekte Bedingungen, sieht man mal davon ab, dass es unterwegs nicht ein Café oder Restaurant gegeben hat.

Ein Tag im Garten Eden

klingt spektakulärer, als er tatsächlich war, aber der Garten, den wir als Übernachtungsgäste kostenlos besuchen dürfen heißt halt so, obwohl es weder einen Apfelbaum, noch Schlangen oder gar ein nacktes Paar gibt. Dennoch ist der steil an einen Berghang angelegte Garten, mit vielen kleinen Frosch- und Fisch-Tümpeln, nicht unattraktiv, zumal es von oben einen sehr schönen Blick auf Tournon und die Rhône gibt.

Den ganzen Tag dort zu verbringen, wäre mir aber zu langweilig gewesen, deswegen habe ich mich entschieden, den Mistral mal von hinten spüren zu wollen und bin die 25 Km bis Valence ‘in die falsche Richtung’ gefahren. Das ging meist auf dem Deich entlang, sehr entspannt mit 30 Km/h. Valence muss man jetzt nicht unbedingt gesehen haben, aber einen großen Stadtpark gibt es, der die Autobahn, grausam direkt am Rhône-Ufer gelegen, gut kaschiert. Im Café ‘Victor Hugo’ habe ich das beste und teuerste Tarte Citron überhaupt genossen, der Eischnee, luftig leicht und gar nicht klebrig auf der Zitronenfüllung, schien erst beim Servieren aufgetragen zu sein.
Für den Rückweg habe ich mir für 3,70 € ein Zugticket geleistet, ich finde, wir sind genug gegen den Wind geradelt.

Für das Abendessen in Tournon war die lange Liste der Restaurant-Empfehlungen unseres Vermieters völlig wertlos, denn es ist Montag. Wir wurden von ihm wortreich darüber aufgeklärt, dass die einheimischen Ardèchois nach 4 Tagen Arbeit so erschöpft wären, dass erst mal 3 Tage Erholung angesagt sind – ich würde soweit gehen, diese Aussage als für in ganz Frankreich zutreffend zu halten. Läden, Cafés und Restaurants sind bei weitem länger geschlossen als geöffnet. Lediglich indische und vietnamesische Restaurants haben meist täglich geöffnet, nur nicht in Tournon. So landen wir in einem französischen Restaurant (nicht auf seiner Liste), das – oh Wunder – geöffnet hat und stellen fest, dass der Laden von zwei Indern geführt wird… Wir bestellen das typische Gericht der Gegend, Reiberdatschi, auf Französisch Crique, bodenständig aber lecker.
Besonders das Leben in den Bars (vor und hinter der Theke) könnte in Frankreich und Spanien nicht unterschiedlicher sein. Hier gähnende Leere und dennoch völlig überfordertes Personal und in Spanien ein Betrieb wie im Bienenstock, aber nach längstens 90 Sekunden hat man seinen Kaffee.

Von Rochmaure mit dem Zug nach Tournon-sur-Rhône

Immer noch krank, immer noch Mistral, also noch eine Etappe mit dem Zug fahren. Außer, dass der Zug eine halbe Stunde Verspätung hat, keine Änderung gegen gestern, gleiche Richtung, gleiche gestresste Schaffnerin, wieder zu viele unangemeldete Fahrräder im Zug. Aber diesmal sind wir hinten eingestiegen und da funktionierte immerhin das Klo. Auch in Tournon-sur-Rhône gibt es eine Hängebrücke, dies ist aber größer und mit Holz gebaut, also etwas antiker anmutend als in Rochemaure. Die Rhône ist gut gefüllt und ab und zu kommt tatsächlich ein Frachtschiff gefahren. Tournon ist auch ein nettes, altes Städtchen mit Fußgängerzone und Geschäften entlang der (alten) Hauptstraße. Am Ufer der Rhône ein riesiger Parkplatz mit wuchtigen Platanen (beides sehr typisch für viele kleinere Städte hier), auf dem heute ein Oldtimertreffen stattfindet. Unsere Unterkunft befindet sich in den Resten eines ehemaligen Klosters, wieder etwas schräg, aber geräumig, ruhig und von einem sehr redseligen Vermieter, der gleichzeitig einen kleinen botanischen ‘Garten Eden’ führt.

Von Mornas nach Rochemaure

Heute kamen zwei Handicaps zusammen, ein heftiger Mistral und eine heftige Erkältung so dass wir beschlossen haben, den Zug zu nehmen. Die Kilometer zum Bahnhof waren anstrengend, aber der Wind war wenigstens warm und viele Hecken und Bäume schaffen immer wieder windarme Abschnitte. Die Brücken über die Rhône sind dann aber doch spannend, denn hier kommt der Wind von der Seite und man möchte ja nicht in den Gegenverkehr geraten oder gar ins Wasser geblasen werden. Der Bahnhof in Bolleine de la Croisiere ist menschenleer, das Gebäude verschlossen und es findet sich auch weit und breit keine Ortschaft. Ein Gatter zum Bahnsteig lässt sich öffnen, die Zuganzeige funktioniert und tatsächlich kommt der Zug, sogar pünktlich. Zum Glück hatte ich aus Langeweile noch die Fahrräder auf der homepage der Eisenbahngesellschaft angemeldet, denn kaum sind die Türen ganz offen, springt die Schaffnerin erregt heraus und herrscht uns an, die Reservierung vorzuzeigen (das Zugticket interessierte sie nicht). Die Räder müssen, obwohl wir nur eine Viertelstunde mitfahren, abgepackt und aufgehängt werden. Der arme Tropf, der nach uns einsteigen möchte hat seinen Stellplatz für einen späteren Zug reserviert, wird aber dann doch unter wüsten Maßregelungen gnadenhalber mitgenommen. Bis Montélimar hat sich die Dame beruhigt und winkt mir sogar zum Abschied (ich habe ja brav ihren Anweisungen folge geleistet) – könnte ja sein, dass wir uns morgen wieder sehen, auf dem Weg nach Valence, denn der Sturm soll erst übermorgen nachlassen…
In Montélimar gegenüber vom Stadtpark bekommen wir zu Mittag zwei riesige Salatschüsseln und es gesellt sich ein Hahn zu uns an den Tisch, kräht ab und zu und frisst mir aus der Hand – das ist allemal besser als Tauben oder Spatzen. Die Eigentumsfrage konnte im Verlauf des Mittagsmahls aber nicht geklärt werden.
Dann geht es noch wenige Kilometer weiter nach Rochemaure, über eine wirklich lange (‘Himalaya’) Hängebrücke, die anstelle der alten, abgerissenen Straßenbrücke erbaut wurde. Mit Seitenwind und Fußgängern durchaus anspruchsvoll.

Rochemaure ist ein mittelalterliches Dorf am Fuße einer Burg und sehr fotogen. Wir haben ein Zimmer in einem sehr alten, sehr verwinkelten, sehr schön restaurierten Haus ‘La Tour des Remparts’. Dusche und Klo sind mangels Platz in einem Wandschrank untergebracht. Von der mit Weinreben überwachsenen Terrasse geht ein toller Blick ins Rhônetal, denn natürlich ist unsere Unterkunft wieder mal ziemlich weit oben.

Wir hatten übrigens Glück, dass wir überhaupt ein Zimmer bekommen haben – die sind wohl sehr begehrt, anders als der Rest des Dorfes, indem wohl die Hälfte der Häuser zu verkaufen oder aber schon komplett in sich zusammengefallen sind, da reicht ein scharfer Blick und die Mauerreste fallen auf den, der nicht zügig genug vorbeigeht.

20 Km, 50 Hm, Mist-ral