Arles bietet am Samstag den größten Markt der Provence auf, eine endlose Reihe von Ständen mit Lebensmitteln, besonders schönem Obst und Gemüse und eben so viele mit Kleidern. Oft darf, oder besser soll man probieren. Ein sehr dichtes Gedränge, das mal nicht von Touristen dominiert wird. Im Zentrum von Arles ist in jedem zweiten Laden ein Restaurant oder Café und trotzdem findet man nicht leicht einen Platz.
Eine beeindruckend große römische Arena steht fast im Zentrum von Arles und wird heute noch genutzt, um den Preis von hässlichen Stahlgerüsten im Inneren. Von dem Platz gehen sternförmig kleine hübsche Gassen ab.
Nicht weit nördlich von Arles steht das berühmte Aquädukt Pont du Gard, das wir schonmal vor 25 Jahren besucht haben. Außer dass die Vorschriften strenger wurden, hat sich nicht viel verändert, kein Kommerzspektakel, und man kann das Bauwerk in Ruhe von allen Seiten, außer von oben bewundern, die oberste Etage ist angemeldeten Gruppen, d.h. insbesondere den zahlreichen Schulklassen und Kindergartengruppen vorbehalten.
Nach dem liebevollen Frühstück in Garten machen wir zu Beginn der heutigen Etappe einen kurzen Abstecher zu einem Aussichtsberg über die Salinen, für deren Bewirtschaftung Salin-de-Giraud 1856 gegründet wurde. Die Salinen sind bis heute in Betrieb und stellen pro Jahr 350.000 Tonnen Streusalz her.
Jetzt haben wir die Rhone erreicht, zur Mündung sind es noch ca. 10 Kilometer, von nun an soll die Reise nordwärts gehen, ziemlich genau 800 Km bis zur Quelle am Rhonegletscher. Mit einer kostenlosen Fähre queren wir in wenigen Minuten den breiten Fluss. Bis Arles fahren wir auf einem perfekten Radweg, bei mäßigem Gegenwind, meist längs eines Kanals von Arles nach Bouc. Wir kommen an großen Reisfeldern vorbei und hin und wieder duftet es intensiv nach Geißblatt, sonst ist hier nicht viel los. Kurz vor Arles passieren wir eine berühmte alte Brücke, die Van Gogh verewigt hat (und die wahrscheinlich deshalb noch nicht abgerissen wurde).
RhoneBrücke von Langlois
In Arles machen wir Mittagspause und kaufen ein, was mit dem Fahrrad gerade noch transportierbar ist, um uns dann auf den Weg zu dem Bauernhof ‘Lou Craven’ 10 Km außerhalb von Arles zu machen, wo wir Cora mit Familie treffen und ein paar Tage gemeinsam Urlaub machen werden. Was für Weinkenner der Mouton-Rothschild, ist für Heu-Liebhaber das Foin de Crau, das hier exklusiv angebaut wird.
56 Km, 156 Hm, wieder mal Gegenwind, sonst optimal
Für die 30 Km von Aigues-Mortes nach Saintes-Maries-de-la-Mer gibt es keine Radwege mehr, dafür aber an der Straße einen Seitenstreifen, der wegen des starken Verkehrs sehr angenehm ist. Außerdem haben wir heute famosen Rückenwind. An zahlreichen Weingütern, die Vin de Sable verkaufen (also Sandwein, knirscht aber nicht auf den Zähnen, wir haben ihn gestern probiert) sausen wir vorbei und bremsen mal für ein paar hübsche weiße Camargue-Pferde, die hier keineswegs wild sind, sondern nur sehr große Weiden haben. Viele Höfe bieten auch das Ausreiten mit diesen Pferden an. In Saintes-Maries-de-la-Mer ist wieder der Bär los, hunderte Campingwägen umlagern das kleine Städtchen, das in diesen Tagen von vielen Pilgern besucht wird, da hier 1448 Reliquien von zwei heiligen Marien entdeckt wurden und auch noch die Schwarze Sara verehrt wird, die Schutzheilige der Sinti und Roma. Wir pilgern in eines der zahlreichen Cafés und lauschen unfreiwillig ein paar Gitanos-Straßenmusikanten. Dann wird es spannend, denn die Route führt nun direkt durch den Nationalpark auf einem geschotterten Damm, dessen Beginn völlig versandet und nicht befahrbar ist. Nach Auskunft eines uns entgegen eiernden Motorradfahrers handelt es sich aber nur um ein kurzes Stück, also schieben wir da durch, aber wie weit er die Strecke (ca. 20 Km) kennt, kann man nicht wissen. Mit einem etwas mulmigen Gefühl fahren wir weiter, ein Weg auf der Straße würde 60Km Umweg bedeuten, nicht gerade was man sich für den Nachmittag antun möchte. Aber die Anfrage an das Universum (=> Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg) funktioniert auch hier und es taucht ein Jeep der Nationalparkverwaltung auf. Ich frage die Dame mit dem Fernglas, ob man bis Salin-de-Giraud mit dem Fahrrad durchkommt. Die Auskunft ist eindeutig und positiv, als Susi noch eine Nachfrage stellen möchte die ich übersetzen soll, stellt sich heraus, dass die Dame eine deutsche Biologin ist. Damit sind auch die Bedenken der Gattin ausgeräumt, ich könne entscheidende Details nicht verstanden oder bei der Übersetzung hinterlistig weggelassen haben. Mit einem fast schon stürmischen Rückenwind fahren wir also hinein in das Reich der Flamingos, die hier wirklich zahlreich in den vom Meer abgewandten ruhigeren Lagunen meistens den Kopf nicht im Sand aber unter Wasser haben. Zur Mittagspause lassen wir uns am Straßenrand nieder und machen nochmal 3 Kreuze für den günstigen Wind, der uns nämlich auch die Mücken vom Leib hält. Nach der Mittagspause, mit frisch gepflücktem Queller, entscheiden wir uns an einer Kreuzung für den etwas längeren Weg nach Salin-de-Giraud, der als Fahrradroute ausgewiesen ist. Dieser Weg scheint direkt hinaus aufs Meer zu führen, nur noch ein Damm, rechts und links Wasser und der starke Westwind zerrt am Lenker, als die Strecke für ein kurzes Stück nach Süden schwenkt. Das ist wirklich eine unglaubliche Gegend und erinnert an Island oder die Atacama Wüste. Nach ein paar weiteren Kilometern wird aus dem Deich eine Piste, die mehr an einen Schweizer Käse erinnert als an eine Straße. Das Material wird so malträtiert, dass an Susis Hinterrad langsam die Luft entweicht, wir es aber bis Salin-de-Giraud schaffen und ich erst dort im Garten der Unterkunft das Leck suche und schließlich einen neuen Schlauch montiere – die Verschweißung des Ventils am Schlauch ist nicht mehr dicht – die erste Panne nach exakt 3000 Km und nicht unbedingt eine Empfehlung für die ultraleichten Aerothan Schläuche von Schwalbe. Auf der schönen Gartenterrasse des Hauses gibt es unser Standard-Abendessen aus dem Supermarkt: Baguette, Entenleberpastete, Ziegenkäse und Salatherzen, dazu eine Flasche Rotwein. Der Rest des Städtchens erinnert fast an Geisterstätte aus der Goldgräberzeit, nur dass hier Salz aus den Salinen gewonnen wurde, was sich heute, außer vielleicht für ein paar Päckchen Fleur de Sel wohl nicht mehr lohnt.
66 Km, 50 Hm (geschätzt), perfekter Wind, heute den 3000. Km gefahren.
Der Grand Crème in der Brasserie ‘Le Tabary’s’ war der beste bisher in Frankreich, die Milch perfekt aufgeschäumt in einem extra Kännchen. Derweil Susi sich einen zweiten gönnt, kaufe ich in der Markthalle Baguette, Käse und Tomaten für die Brotzeit ein. Der Käsestand ist eine einzige Verführung und diesmal wird es ein Roquefort cremeux und ein Bouyguette, aus Ziegen-Rohmilch, in Form eines Schiffchens und sensationell lecker (dem Duc de Bourgogne mindestens ebenbürtig). Von Sète nach Aigues-Mortes gibt es einen längeren Anstieg auf den höchsten Punkt des Tages mit 14m über dem Meeresspiegel, das sollte machbar sein. Obwohl wir den ganzen Tag am Meer entlang fahren, sieht man es höchst selten, denn entweder liegt es hinter der Düne oder, wahrscheinlicher, hinter den Ferienhäusern. Dafür gibt es viele Sümpfe und Lagunen mit Flamingos und anderen Vögeln landeinwärts zu sehen.
Die Radwege sind in der sehr zersiedelten Gegend wieder landestypisch, oft schlecht und auf jeden Fall schikanös geführt. In Palavas-Le-Flots machen wir auf einer Bank am Strand Mittagspause und finden auch noch ein Café am Strand. Der weitere Weg verläuft weitgehend durch gesichtslose Feriensiedlungen, anders im quirligen nächsten Ort, La Grand Motte, wo zumindest architektonisch interessante Hotelanlagen errichtet wurden. In Le Grau-du-Roi ist es auch wieder sehr lebendig und wir leisten uns dort ein leckeres Eis, besichtigen den Strand und machen dann kehrt um landeinwärts (mit Rückenwind!) die letzten Kilometer nach Aigues-Mortes zu rollen.
Le Grau-du-Roi
Aigues-Mortes, hinter großen, rosafarbigen Salinen gelegen, hat eine wirklich beeindruckend große, vollkommen intakte und geschlossene mittelalterliche Stadtmauer, auf der wir, inklusive der Besichtigung einiger Türme, die Stadt umrunden. Die Häuser innerhalb der Mauern sind ziemlich eng verschachtelt und in einem davon ist unser Hotel, in dem wir ein Häuschen auf der Dachterrasse beziehen. Die Fahrräder kommen im Restaurant unter, das heute geschlossen hat. In einem der sehr zahlreichen anderen Restaurants bekommen wir eine Spezialität, Fleisch von freilaufenden Stieren aus der Camargue.
Unser Häuschen
65 Km, 155 Hm, so ein blödes Gehoppel über Bordsteine, Wurzeln, Schlaglöcher… Kein Wunder, dass die französischen Autos so eine weiche Federung benötigen.