Sandalenwetter in Sète

Südfrankreich wie man es sich im Sommer vorstellt, eigentlich der erste ‘Sommerferientag’ unserer Reise. Ein Mischung aus Stadtbummel und Bar-Hopping. Auf den Straßen ist viel Betrieb wie auch auf dem Wasser im Hafen und den Kanälen, die Sète durchziehen (der Vergleich mit Venedig hinkt aber arg). Schon kurz nach dem Frühstück in der Sonne am Kanal geht es weiter in die Markthalle, ein Zweckbau, der aber in ein metallenes Netz gehüllt ist. Innen überbordende französische Feinschmeckerei, wir belassen es bei einem halbem Dutzend Austern, die würden ja sonst schlecht werden, das wäre schade.

Nächste Station ist ein dörflicher Stadtteil von Sète, La Pointe Courte, am Etang de Thau, der Lagune, durch die der Canal du Midi mit dem Meer verbunden ist. Dort sind die Fischerboote und die Häuser gleichermaßen geschrumpft, verglichen mit dem Kanal vor unserem Balkon, wo riesige Fischtrawler mitten in der Stadt vertäut liegen. Hintenrum schaut es aus wie in, sagen wir Panama oder Vietnam.

Dort essen wir mittags Nudel mit ‘Seiche’, was eine sehr große und besonders zarte Tintenfischart ist. Am Nachmittag laufen wir zum Leuchtturm, den man besteigen kann und aus 33 m Höhe eine großartige Aussicht auf den Hafen, Sète und den Hügel dahinter hat. Hunderte Segeljachten liegen im Hafen, vereinzelte werden auch mal ‘bewegt’. Eine bunte Mischung allerlei Wasserfahrzeuge, vom Kajak bis zum Fischtrawler fährt vorbei. Ein Kreuzfahrtschiff überragt alle Häuser am Kai, erstaunlich, wie man das an die Anlegestelle bugsiert hat.

Nach einem Eisbecher (der erste dieser Reise, ich schwöre!) steigen wir noch in das Quartier Haut, am Hang hinauf, hier haben viele Künstler ihre Werkstätten, was man daran bemerkt, dass heute ‘Tag des offenen Ateliers’ ist. Noch ein Bier am Platz des Tintenfischs und dann ist aber auch gut mit Programm, vom Abendessen mal abgesehen…

Von Béziers ans Mittelmeer nach Sète

Von Béziers haben wir nicht viel gesehen, außer einer kleinen netten Bar für den Morgenkaffee und gegenüber ein kleiner Markt, auf dem wir uns für die Brotzeit mit eben diesem und Käse versorgen konnten. Der Weg von Béziers nach Agde war wieder eine bunte Mischung aus frisch asphaltiert und Schlammkulen, nach deren Durchquerung die Räder einige 100m brauchten, bis sie sich aus dem Matsch im Schutzblech befreit hatten. Einige leicht vergammelte Freizeitparks längs des Kanals deuten die Nähe zur Ferienregion am Mittelmeer schon an, auch kommt man öfters an Verleihstationen für die Kanalboote vorbei, hunderte Boote und riesige Parkplätze lassen erahnen, was hier im Sommer abgeht. Sonst aber nur Wein’berge’ und viele schöne Blumen am Weg.

Hinter Agde geht es wieder wild durchs Gelände, zum Glück jetzt weitgehend trocken. Eine schöne Stelle am Kanal wäre für die Mittagspause ideal, aber die ersten Mücken der Saison vertreiben uns Richtung Meer. Nun liegt wieder ein großer Abschnitt, die Radroute ‘Enter deux Mers’ hinter uns und das Mittelmeer vor uns. Das erreichen wir nach wenigen Kilometern und breiten unsere Brotzeit ungestört auf den Felsenbrocken am Strand aus. In Marseillan-Plage ist die touristische Infrastruktur nun maximal ausgebaut, eine Bar an der anderen und viele Andenken-, Krims und Krams-Läden. Nach dem Kaffee geht es auf die lange, schmale Gerade, nur für Fahrräder, zwischen Strand und dem Étang de Thau nach Sète, zwischendrin machen wir Halt und nehmen ein Sonnenbad (!) im Sand, hier noch ziemlich allein. Je näher wir Sète kommen, umso voller wird es auf dem Radweg, bis man fast absteigen muss, soviele Urlauber. Es ist immer wieder merkwürdig, dass sich die Menschen freiwillig am Meer so zusammenballen (jedenfalls nicht um zu schwimmen) verglichen mit der Einsamkeit im Landesinneren. Unser Appartement in Sète liegt direkt am Hafen, mit Blick auf den Fischmarkt und ist ganz schön teuer – kein Wunder, es ist das Pfingst-Wochenende und auch in Frankreich ist der Pfingstmontag Feiertag.

55 Km, 127 Hm, bis auf die Schlammkulen eine sehr entspannte Etappe

Von Roubia nach Béziers

Das Frühstück bei Bruno im L’Oiseau bleu war mit viel Liebe zubereitet, ein Crêpe mit Nutella, ein Spiegelei mit Speck und selbstgemachte Marmeladen, dazu ein frisches Baguette. So gut gefüttert sind wir sogar ohne Brotzeit aufgebrochen. Heute wurde es bei mäßigem Gegenwind ein wildes Durcheinander von frisch angelegten Radwegen entlang des Kanals, die sich abwechselten mit schlammigen single trails, bestenfalls mit dem Mountainbike zu meistern. Zwischendurch fahren wir auf ziemlich befahrenen Straßen, dann wieder am Kanal entlang, obwohl der Track auf der Straße geht, aber irgendwie kommen wir durch. Das ganze als Radroute zu verkaufen ist allerdings abenteuerlich und manch ältere E-Bikerin kann einem wirklich leid tun, sich da durch zu quälen. An der Strecke liegen heute sehr malerische Dörfchen und viele weitere Fotomotive so dass wir oft anhalten und nicht so recht vorankommen, aber bei stabiler Wetterprognose auch kein Problem.

Die Gegend wird leicht hügelig und deswegen macht der Kanal heute wilde Schlangenlinien, aber dafür mit großartiger Aussicht auf Weinanbau und wunderschön blühende Wiesen. Kurz vor Capestang fahren die Schiffe sogar durch einen kurzen Tunnel. In dem Städtchen machen wir Mittagspause in einem Restaurant mit Pizzaofen und einem wie für uns zugeschnittenen ‘Menü’ aus einer halben Pizza, einem Salat und einem Glas Wein.

Kurz vor Béziers gibt es eine 9-stufige Schleusenanlage zu bestaunen, auf der reger Betrieb herrscht, auch ein großes Ausflugsschiff wird durchgeschleust, da sind nur wenige Zentimeter Platz in alle Richtungen. Von hier hat man einen tollen Blick auf die Kathedrale.

In Béziers wird es dann nochmal mühsam, nicht nur, dass das gebuchte Appartement ganz oben in der Stadt liegt, auch das Haus, direkt an der Markthalle gelegen ist, wie diese, leider eine Baustelle und die Fahrräder durch das enge Treppenhaus zu befördern auch kein Spaß, man kann halt nicht immer Glück haben.

54 Km, 250 Hm, windig aber warm und abschnittsweise unzumutbare ‘Radwege’

Von Carcassonne in das Dorf Roubia

Die kleine Épicerie ums Eck macht schon um halb 8 auf und ich kann den Kaffee im Pappbecher und die Croissants mit zu uns auf den Balkon nehmen, ein schöner Frühstücksplatz mit Blick auf die Burganlage. Nach dem aufwändigen Zusammenpacken aller frisch gewaschenen Sachen (die sogar richtig sauber geworden sind) gehen wir nochmal zu dem netten Laden und kaufen für die Brotzeit ein.
Am Kanal geht es bei schönstem Wetter weiter auf dem Trampelpfad nur ist dieser gestern wieder abgetrocknet und es fährt sich meist ganz angenehm, abgesehen von der Unsitte, an den Schleusen diverse Hindernisse und Schikanen aufzubauen, um damit die Radfahrer zum Absteigen zu nötigen. Die Landschaft hat sich schon merklich gewandelt und man riecht förmlich das Mittelmeer schon, Zypressen säumen den Kanal und Wein wird auf weiten Feldern angebaut.

An einer Dreifachschleuse wartet ein Boot darauf, dass die Schleuse frei wird und derweil spielt und singt einer der Passagiere auf dem Vorderdeck mit seinem Akkordeon ein Stück von Jacques Brel, wie wir von einer kundigen Radlergruppe aus Belgien erfahren, die auch angehalten haben und sogar mitsingen können. Die Melodie hat Monsieur Brel von Greensleeves geklaut und dem Werk den Titel ‘Amsterdam’ gegeben. Eine super nettes Erlebnis zwischen Rad- und Bootsfahrern.
Zur Mittagspause versuchen wir uns im einzigen Restaurant in La Redorte, vergeblich, die vielen einheimischen Bootstouristen haben alles schon reserviert, da bleibt uns nur die Parkbank am Kanal, aber wir hatten das ja kommen sehen und Baguette, Wurst und Käse eingekauft. Rechts und links in den Hügeln bauen sich gewaltige Wolkentürme auf und wir sind gespannt, ob die Vorhersage, dass es nicht vor 4 gewittert zutreffen wird… In Homs gibt es tatsächlich ein offenes Café (ALLE Restaurants schließen immer um 2) und wir bestellen einen solchen, dabei verfolgen wir gespannt die Entwicklung am Himmel, wo die Sonne hinter den Wolken verschwindet und es anfängt zu donnern. Es sind nur noch 6 oder 7 Kilometer bis nach Roubia, aber es wird knapp. Zwar kommen wir trocken an, aber es sind noch ein paar Minuten, bis uns der überaus freundliche Bruno das Garagentor öffnet und wir im Maison “L’Oiseau bleu” vor dem Gewitter Unterschlupf finden. In dem putzig winzigen Innenhof sitzen wir in Trockenen auf einer Couch bei einem sehr feinen Glas Rotwein aus der Gegend bis die Sonne wieder scheint. Besonders erwähnt werden muss das Bad, im Wortsinne ein ‘Salle de bain’, ausgestattet mit einem Kamin, einem Waschbecken auf dem Untergestell einer Nähmaschine und einem, an die Wand geschraubten Stück Seife, sehr cool!

54 Km, 121 Hm, Schotter, aber trocken, dafür schon dankbar

Carcassonne in 3D gespielt

Was ist nur aus dieser riesigen Festungsanlage des Mittelalters geworden? Uneinnehmbar über Jahrhunderte, mit doppelten Festungsmauern, raffinierten, doppelt vorhandenen Falltüren und, und, und. Heute ist sie zwar fein restauriert, aber löchriger denn je: Zu hunderten strömt jeden Tag neues Fußvolk herein und vereinnahmt die Burg, besetzt alle Plätze und Häuser, die Einwohner des Burgdorfs haben keine Chance – allerdings gelingt es ihnen recht geschickt, die Belagerer um ihre Taler zu erleichtern, ohne dass es diese recht erzürnt. Alle kehren sie am späteren Nachmittag verarmt in ihre Siedlungen außerhalb der Mauern zurück, um am nächsten Tag mit frischen Kräften erneut anzugreifen.
Aus Sorge, wegen Überfüllung abgewiesen zu werden hatten wir uns schon sehr früh an der Burg positioniert und konnten tatsächlich als erste hinein als es 10 Uhr schlug und die Tore sich öffneten. Die kolossale Aussicht hat sich seit dem Mittelalter sicher nicht verschlechtert, aber die Temperaturen waren damals Mitte Mai sicher nicht so eisig wie heute. Nach dem langen Rundgang durch die Burg, meist im Freien und nur notdürftig vor dem Wind geschützt (der pfeift durch jede Schießscharte), haben wir uns in einem der Burgcafés bei Crêpe und Cappuccino erstmal wieder aufgewärmt. Nach einer Weile des mehr oder weniger ziellosen Umherstreifens erkennt man manche Stelle wieder und ahnt, bald alle Geschäfterl gesehen zu haben. Alle uns vorab empfohlene Lokale haben leider geschlossen, obwohl heute nicht Montag ist. Bei der der Suche nach einer Alternative war es dann nur ein mittelmäßiger Treffer, aber nach dem Essen scheint dafür endlich die Sonne und es wird wärmer. Wir besuchen noch das Folter- und Inquisitionsmuseum, wo wir lernen, dass 1977 (!) der letzte Franzose guillotiniert wurde und die katholische Kirche sich bereits im Jahr 2000 für die unsäglichen Praktiken im Mittelalter entschuldigt hat.

Beim Abstieg von der Burg fällt mir noch auf, dass sich auf den Wallanlagen ein ungewöhnliches Kunstwerk abzeichnet, konzentrische mit dem Abstand zum Eingangstor zunehmend breiter werdende helle Ringe. Vermutlich mit dem Sandstrahlgerät eingraviert – undenkbar auf einem teutonischen Denkmal. Dann schlendern wir noch über die alte Brücke und in den Gassen am Fuß der Burg setzen wir uns vor eine Bar in die letzten Sonnenstrahlen, der Blick hinter den Tresen reizt mich zu einem heimlichen Foto….

Durch einen Seitenarm des Canal du Midi nach Carcassonne

Das späte Frühstück in La Bonne Planque an der Schleuse war sehr nett und nahrhaft, aber um 10 mussten wir dann doch hinaus in den Dauerregen. Gestern haben wir das Departement Haute Garonne verlassen und fahren nun durch Aude, das merkt man daran, dass der Belag des Radwegs von Asphalt auf Schotter gewechselt hat und auch für Hinweisschilder fehlt das Geld in dieser armen Gegend. Bei Regen bilden sich auf diesen Wegen erst Pfützen, dann zusammenhängende Pfützen und schließlich eine durchgehende Seenplatte, die vom eigentlichen Kanal kaum zu unterscheiden ist, außer, dass es meist nur knöcheltief ist. Prekär wird es dort, wo versucht wurde die Pfützen durch eine Schicht Sand zu kaschieren, denn da entsteht feinster Matsch, der für Pferde sicher hufschonend ist, für Radfahrer aber kräftezehrend und nervtötend. Je näher wir Carcassonne kommen, umso absurder wird der Radweg, zum Schluss schieben wir auf dem schmalen, mittlerweile Trampelpfad durch den Schlamm auf der Suche nach einer Straße. Selbst bei trockenem Wetter wäre dieser Weg unzumutbar, denn bei Gegenverkehr käme man nicht aneinander vorbei, ohne dass einer von beiden in den Kanal fällt.

Den Wetterbericht im Sinn, hatten wir nur eine kurze Etappe geplant und so sind wir in drei Stunden schon am Ziel, nach einer kurzen Rast in einer Regenpause, aber so eingesaut, dass man sich kaum in eine Gaststätte wagt. Das Bistrot unserer Wahl lässt uns aber rein und sogar die Räder dürfen wir unter die Markise stellen. Drinnen ‘arbeiten’ eine Handvoll junger Burschen und man fragt sich, ob das vielleicht eine soziale Einrichtung für Arbeitslose sein könnte, jedenfalls sind die Jungs sehr mit sich und ihren Kumpels beschäftigt, die zahlreich vorbeischauen. Zwischendurch bekommen wir aber auch etwas zu essen und dürfen bleiben, bis um 3 das Licht ausgemacht wird. Nach dem Einkauf für das Abendessen gehen wir zum großen Springbrunnen auf dem Platz und säubern unsere Packtaschen, Körbe und Fahrräder mit dem Brunnenwasser ziemlich gut, den Rest erledigt dann die Dusche und die Waschmaschine in unserem Appartement. Das liegt auf der anderen Seite des Flusses Aude unmittelbar unter der historischen Altstadt, für die Carcassonne so berühmt ist. Von unserem Balkon haben wir direkten Blick auf die Türme und Zinnen, wo sich – hoppala – eine Seiltänzerin entlang hangelt. Wie man sieht, scheint sogar wieder die Sonne.

45 Km, ein Schlammbad

Das Video wurde exklusiv für das französische Ministerium für Tourismus erstellt, kann aber von jedem anderen kostenlos heruntergeladen werden 😉

Die Schleuser am Canal du Midi

Vielleicht war es ein Fehler, in Toulouse beim Frühstück so viel Zeit zu vertrödeln, denn im Lauf des Tages wurde der Gegenwind immer heftiger, was die Etappe dann doch ziemlich ungemütlich werden ließ. Am Anfang in Toulouse liegen hunderte durchaus große Hausboote im Kanal, ehemalige Frachtkähne, die nun am Ufer vertäut sind und vermutlich in ihrem restlichen Leben keinen Meter mehr (aus eigener Kraft) fahren werden. Das hat doch was von Schrebergartensiedlung. Als wir die Außenbezirke von Toulouse hinter uns gelassen haben, verläuft der Kanal in unmittelbarer Nähe zur Autobahn, so dass man sich zumindest akustisch zeitweise auf dem Standstreifen unterwegs wähnt. Der starke Wind braust ebenso laut, was die Sache aber keineswegs besser macht. Immerhin gibt es ab und zu Windschutz durch Sträucher und Bäume, denn der Kanal macht viele Kurven. Zur Mittagspause finden wir an einer Schleuse aber doch ein ruhiges Plätzchen.

Jetzt sind es noch ca. 15 Km bis zum Scheitelpunkt zwischen Atlantik und Mittelmeer auf ca. 180 M Höhe. Der Übergang ist kaum zu bemerken, aber an den Schleusen geht es nun jedes mal ein paar Meter abwärts. An einer Dreifach-Schleuse beobachten wir, wie ein ziemlich langes Ausflugsboot durchgeschleust wird. Die Kapitänin und ihr ‘Matrose’ sind ganz schön im Stress, denn auch ihnen macht der stürmische Wind Probleme, das Schiff ohne Beschädigung durch die engen Schleusen zu bugsieren. Bei der nächsten Schleuse, Ecluse de la Planque, haben wir unser Tagesziel erreicht. Sehr freundlich werden wir von der Wirtin empfangen und in unser originelles, sehr holzbetontes Zimmer in dem äußerlich eher schmucklosen Haus des früheren Schleusenwärters geführt.

Zum Abendessen bekommen wir Cassoulet, das typische Gericht der Gegend, ein Eintopf aus weißen Bohnen mit Fleisch und Wurst, ganz und gar nicht die gewohnte französische haute cuisine, sondern eher deftige Hausmannskost. Der Smalltalk mit dem französischen Ehepaar am anderen Tisch gelingt einigermaßen, dennoch finde ich es anstrengend, weil, sobald man einen halbwegs korrekten Satz formuliert hat, das Gegenüber kein Pardon mehr kennt und weder Tempo noch Komplexität der Unterhaltung zu bremsen sind.

59 Km, 100 Hm geschätzt, denn das GPS spielt bei dem Wind verrückt und addiert unter jedem Baum ein paar Meter hinzu.

Immer an der (Kanal-) Wand entlang nach Toulouse

Heute Nacht hat das Wetter beschlossen, es war jetzt zwei Tage schön, das reicht erstmal. Wir brechen früh auf, denn der Weg nach Toulouse ist weit und man weiß ja nie, was unterwegs an Hürden aufgestellt wird. Für ein Frühstück am Marktplatz reicht es aber doch, erstaunlicherweise ist hier am Sonntag Markttag und richtig viel Betrieb. Am Kanal zeigt sich, dass heute die Qualität des Untergrunds sehr gut ist und auch kein Wind weht. Da ja immer mindestens eine Erschwernis zum Tragen kommt, muss es heute der Regen sein, denn die Etappe ist absolut flach. So beginnt es also mehr als 1 Stunde vor der angekündigten Zeit zu regnen und zwar zunehmend heftig, so dass auch die Kanalplatanen keinen Schutz mehr bieten und wir die Regensachen anziehen müssen. Unterwegs kommen wir an einer merkwürdigen Schleusenvariante vorbei: Auf einer schiefen Ebene wurden die Schiffe in einer Art Badewanne von zwei gummibereiften Lokomotiven hinaufgezogen oder hinabgelassen, eine im wahrsten Sinne des Wortes ‘schräge’ Konstruktion, aber scheinbar nicht so genial, wie sie aussieht, denn nebenan wurden mehrere normale Schleusen gebaut, die aktuell die Schiffe bedienen.

Trotz Regen (oder gerade weil bei Regen niemand im Weg ist) kommen wir zügig voran und noch weit vor Mittag machen wir nach 35 Km bei einem Crèpe Halbzeitpause, es hat sogar für heute aufgehört zu regnen. Nochmal 10 Km und wir lassen uns auf einem Mäuerchen an einer der zahlreichen Schleusen nieder (Sitzbänke wurden für uns schon wieder nicht aufgestellt) und essen unsere Brotzeit. Viel zu früh kommen wir in Toulouse an, mit einem Schnitt von über 19 Km/h bei fast 70 Kilometern und unser Zimmer im Hotel ‘Grand Balcon’ am zentralen Platz ‘Le Capitole’ ist noch nicht bezugsfertig…
Die Altstadt von Toulouse ist, anders als Bordeaux mit seinen Kalk- und Sandsteinhäusern, sehr Backstein-lastig und besticht durch besonders hübsche Balkongeländer. Das Jakobiner-Koster und die Kathedrale St. Sernin sind monumentale Sakralbauten und haben markante 8-eckige Kirchtürme. Ansonsten gibt es in Toulouse keine reinen Fußgängerzonen sondern mehr ‘shared space’ Straßen, die daran kranken, dass ständig Mopeds hindurchbrausen, leider keine elektrischen wie sie in Spanien mittlerweile Standard sind. Seit Wochen wollten wir mal einfach nur eine Pizza essen, hier klappt es endlich, bei einem fancy Italiener.

69 Km, 105 Hm, ideal am Kanal

Tauben am Kanal in Toulouse, evolutionär am Höhepunkt der totalen Verblödung angelangt

Von Serignac nach Moissac

Frühstück im Garten in der Sonne, das ist eine neue Qualität, wird uns der Sommer doch noch ein paar Tage auf dieser Reise schenken? Kaum richtig warm gefahren, sind wir schon in Agen, einer kleinen Stadt mit einer großen, 350m langen Brücke, die den Garonne Kanal über die Garonne auf die andere Seite führt. Gleich hinter, halb unter der Brücke liegt ein kleines Café mit dem bisher besten Cappuccino in Frankreich. Die Garonne ist auch hier immer noch eine braune Brühe mit ziemlich Tempo, das ist vielleicht Schneeschmelze aus den Pyrenäen. Wir bleiben den ganzen Tag auf dem Treidelpfad des Kanals, der hier aber deutlich bessere Qualität als gestern hat, was aber durch den stetigen Ostwind wieder egalisiert wird. Landschaftlich ist es nicht ganz so reizvoll wie gestern, da der Allee-Charakter nur noch stellenweise gegeben ist. Leider fehlen auch Rastplätze, so dass wir uns mit unserem, in Agen erstandenen, fein belegten Baguette einfach in den Platanenschatten auf die Straße setzen müssen.

Nach 40 Km sind wir in Valence, das sogar über ein geöffnetes Café verfügt in dem es auch noch Salat gibt, das ist ja fast schon wie in Spanien! Unspektakulär und sehr warm geht es weiter bis nach Moissac, wo wir wieder mal in ein abenteuerliches Appartement geraten, das irgendwie in ein mittelalterliches Haus hineingebastelt wurde. Das Treppenhaus einsturzgefährdet, die Wohnung schick, in weiß gekachelt.
Moissac entpuppt sich als wirklich interessantes und lebendiges Örtchen, zum einen leben hier auffällig viele Marokkaner, die hier auch ihre spezielle Bäckerei oder Gemüseladen betreiben, zum anderen hat es uns wieder auf den Jakobsweg zurückgeworfen: Viele (skurrile) Pilger, Pilgerherberge, Pilgerladen; welche Untervariante des Camino hier wohl vorbei führt? Die Kirche ist auch originell, denn sie hat bemalte Wände und dazu eine Tafel, die auf eine blank gescheuerte Stelle an der Wand hinweist, an der jeder (also fast jeder) Besucher hinlangt, um zu prüfen, ob die Wand nicht doch tapeziert ist.

Zum Abendessen auf dem Kirchplatz gönnen wir uns schon wieder ein Menü, bei dem, wie so oft in Frankreich, Vorspeise und Nachspeise besonders kreativ herausstechen: Es gibt Jakobsmuscheln auf Spargel und Wachtel mit Gänseleberpastete, zum Abschluss ein Omlette Norvégienne (eine Mischung aus Eis, Biscuit, Eischnee und Rumrosinen) und eine flambierte Schaumcrème auf Erdbeeren. Da wir alles brav teilen, kommen wir immer in den Genuss eines 6-Gänge Menüs.

57 Km, 162 Hm, fast ein Pausetag, wäre da nicht der Wind gewesen.