Von Carcassonne in das Dorf Roubia

Die kleine Épicerie ums Eck macht schon um halb 8 auf und ich kann den Kaffee im Pappbecher und die Croissants mit zu uns auf den Balkon nehmen, ein schöner Frühstücksplatz mit Blick auf die Burganlage. Nach dem aufwändigen Zusammenpacken aller frisch gewaschenen Sachen (die sogar richtig sauber geworden sind) gehen wir nochmal zu dem netten Laden und kaufen für die Brotzeit ein.
Am Kanal geht es bei schönstem Wetter weiter auf dem Trampelpfad nur ist dieser gestern wieder abgetrocknet und es fährt sich meist ganz angenehm, abgesehen von der Unsitte, an den Schleusen diverse Hindernisse und Schikanen aufzubauen, um damit die Radfahrer zum Absteigen zu nötigen. Die Landschaft hat sich schon merklich gewandelt und man riecht förmlich das Mittelmeer schon, Zypressen säumen den Kanal und Wein wird auf weiten Feldern angebaut.

An einer Dreifachschleuse wartet ein Boot darauf, dass die Schleuse frei wird und derweil spielt und singt einer der Passagiere auf dem Vorderdeck mit seinem Akkordeon ein Stück von Jacques Brel, wie wir von einer kundigen Radlergruppe aus Belgien erfahren, die auch angehalten haben und sogar mitsingen können. Die Melodie hat Monsieur Brel von Greensleeves geklaut und dem Werk den Titel ‘Amsterdam’ gegeben. Eine super nettes Erlebnis zwischen Rad- und Bootsfahrern.
Zur Mittagspause versuchen wir uns im einzigen Restaurant in La Redorte, vergeblich, die vielen einheimischen Bootstouristen haben alles schon reserviert, da bleibt uns nur die Parkbank am Kanal, aber wir hatten das ja kommen sehen und Baguette, Wurst und Käse eingekauft. Rechts und links in den Hügeln bauen sich gewaltige Wolkentürme auf und wir sind gespannt, ob die Vorhersage, dass es nicht vor 4 gewittert zutreffen wird… In Homs gibt es tatsächlich ein offenes Café (ALLE Restaurants schließen immer um 2) und wir bestellen einen solchen, dabei verfolgen wir gespannt die Entwicklung am Himmel, wo die Sonne hinter den Wolken verschwindet und es anfängt zu donnern. Es sind nur noch 6 oder 7 Kilometer bis nach Roubia, aber es wird knapp. Zwar kommen wir trocken an, aber es sind noch ein paar Minuten, bis uns der überaus freundliche Bruno das Garagentor öffnet und wir im Maison “L’Oiseau bleu” vor dem Gewitter Unterschlupf finden. In dem putzig winzigen Innenhof sitzen wir in Trockenen auf einer Couch bei einem sehr feinen Glas Rotwein aus der Gegend bis die Sonne wieder scheint. Besonders erwähnt werden muss das Bad, im Wortsinne ein ‘Salle de bain’, ausgestattet mit einem Kamin, einem Waschbecken auf dem Untergestell einer Nähmaschine und einem, an die Wand geschraubten Stück Seife, sehr cool!

54 Km, 121 Hm, Schotter, aber trocken, dafür schon dankbar

Carcassonne in 3D gespielt

Was ist nur aus dieser riesigen Festungsanlage des Mittelalters geworden? Uneinnehmbar über Jahrhunderte, mit doppelten Festungsmauern, raffinierten, doppelt vorhandenen Falltüren und, und, und. Heute ist sie zwar fein restauriert, aber löchriger denn je: Zu hunderten strömt jeden Tag neues Fußvolk herein und vereinnahmt die Burg, besetzt alle Plätze und Häuser, die Einwohner des Burgdorfs haben keine Chance – allerdings gelingt es ihnen recht geschickt, die Belagerer um ihre Taler zu erleichtern, ohne dass es diese recht erzürnt. Alle kehren sie am späteren Nachmittag verarmt in ihre Siedlungen außerhalb der Mauern zurück, um am nächsten Tag mit frischen Kräften erneut anzugreifen.
Aus Sorge, wegen Überfüllung abgewiesen zu werden hatten wir uns schon sehr früh an der Burg positioniert und konnten tatsächlich als erste hinein als es 10 Uhr schlug und die Tore sich öffneten. Die kolossale Aussicht hat sich seit dem Mittelalter sicher nicht verschlechtert, aber die Temperaturen waren damals Mitte Mai sicher nicht so eisig wie heute. Nach dem langen Rundgang durch die Burg, meist im Freien und nur notdürftig vor dem Wind geschützt (der pfeift durch jede Schießscharte), haben wir uns in einem der Burgcafés bei Crêpe und Cappuccino erstmal wieder aufgewärmt. Nach einer Weile des mehr oder weniger ziellosen Umherstreifens erkennt man manche Stelle wieder und ahnt, bald alle Geschäfterl gesehen zu haben. Alle uns vorab empfohlene Lokale haben leider geschlossen, obwohl heute nicht Montag ist. Bei der der Suche nach einer Alternative war es dann nur ein mittelmäßiger Treffer, aber nach dem Essen scheint dafür endlich die Sonne und es wird wärmer. Wir besuchen noch das Folter- und Inquisitionsmuseum, wo wir lernen, dass 1977 (!) der letzte Franzose guillotiniert wurde und die katholische Kirche sich bereits im Jahr 2000 für die unsäglichen Praktiken im Mittelalter entschuldigt hat.

Beim Abstieg von der Burg fällt mir noch auf, dass sich auf den Wallanlagen ein ungewöhnliches Kunstwerk abzeichnet, konzentrische mit dem Abstand zum Eingangstor zunehmend breiter werdende helle Ringe. Vermutlich mit dem Sandstrahlgerät eingraviert – undenkbar auf einem teutonischen Denkmal. Dann schlendern wir noch über die alte Brücke und in den Gassen am Fuß der Burg setzen wir uns vor eine Bar in die letzten Sonnenstrahlen, der Blick hinter den Tresen reizt mich zu einem heimlichen Foto….

Durch einen Seitenarm des Canal du Midi nach Carcassonne

Das späte Frühstück in La Bonne Planque an der Schleuse war sehr nett und nahrhaft, aber um 10 mussten wir dann doch hinaus in den Dauerregen. Gestern haben wir das Departement Haute Garonne verlassen und fahren nun durch Aude, das merkt man daran, dass der Belag des Radwegs von Asphalt auf Schotter gewechselt hat und auch für Hinweisschilder fehlt das Geld in dieser armen Gegend. Bei Regen bilden sich auf diesen Wegen erst Pfützen, dann zusammenhängende Pfützen und schließlich eine durchgehende Seenplatte, die vom eigentlichen Kanal kaum zu unterscheiden ist, außer, dass es meist nur knöcheltief ist. Prekär wird es dort, wo versucht wurde die Pfützen durch eine Schicht Sand zu kaschieren, denn da entsteht feinster Matsch, der für Pferde sicher hufschonend ist, für Radfahrer aber kräftezehrend und nervtötend. Je näher wir Carcassonne kommen, umso absurder wird der Radweg, zum Schluss schieben wir auf dem schmalen, mittlerweile Trampelpfad durch den Schlamm auf der Suche nach einer Straße. Selbst bei trockenem Wetter wäre dieser Weg unzumutbar, denn bei Gegenverkehr käme man nicht aneinander vorbei, ohne dass einer von beiden in den Kanal fällt.

Den Wetterbericht im Sinn, hatten wir nur eine kurze Etappe geplant und so sind wir in drei Stunden schon am Ziel, nach einer kurzen Rast in einer Regenpause, aber so eingesaut, dass man sich kaum in eine Gaststätte wagt. Das Bistrot unserer Wahl lässt uns aber rein und sogar die Räder dürfen wir unter die Markise stellen. Drinnen ‘arbeiten’ eine Handvoll junger Burschen und man fragt sich, ob das vielleicht eine soziale Einrichtung für Arbeitslose sein könnte, jedenfalls sind die Jungs sehr mit sich und ihren Kumpels beschäftigt, die zahlreich vorbeischauen. Zwischendurch bekommen wir aber auch etwas zu essen und dürfen bleiben, bis um 3 das Licht ausgemacht wird. Nach dem Einkauf für das Abendessen gehen wir zum großen Springbrunnen auf dem Platz und säubern unsere Packtaschen, Körbe und Fahrräder mit dem Brunnenwasser ziemlich gut, den Rest erledigt dann die Dusche und die Waschmaschine in unserem Appartement. Das liegt auf der anderen Seite des Flusses Aude unmittelbar unter der historischen Altstadt, für die Carcassonne so berühmt ist. Von unserem Balkon haben wir direkten Blick auf die Türme und Zinnen, wo sich – hoppala – eine Seiltänzerin entlang hangelt. Wie man sieht, scheint sogar wieder die Sonne.

45 Km, ein Schlammbad

Das Video wurde exklusiv für das französische Ministerium für Tourismus erstellt, kann aber von jedem anderen kostenlos heruntergeladen werden 😉

Die Schleuser am Canal du Midi

Vielleicht war es ein Fehler, in Toulouse beim Frühstück so viel Zeit zu vertrödeln, denn im Lauf des Tages wurde der Gegenwind immer heftiger, was die Etappe dann doch ziemlich ungemütlich werden ließ. Am Anfang in Toulouse liegen hunderte durchaus große Hausboote im Kanal, ehemalige Frachtkähne, die nun am Ufer vertäut sind und vermutlich in ihrem restlichen Leben keinen Meter mehr (aus eigener Kraft) fahren werden. Das hat doch was von Schrebergartensiedlung. Als wir die Außenbezirke von Toulouse hinter uns gelassen haben, verläuft der Kanal in unmittelbarer Nähe zur Autobahn, so dass man sich zumindest akustisch zeitweise auf dem Standstreifen unterwegs wähnt. Der starke Wind braust ebenso laut, was die Sache aber keineswegs besser macht. Immerhin gibt es ab und zu Windschutz durch Sträucher und Bäume, denn der Kanal macht viele Kurven. Zur Mittagspause finden wir an einer Schleuse aber doch ein ruhiges Plätzchen.

Jetzt sind es noch ca. 15 Km bis zum Scheitelpunkt zwischen Atlantik und Mittelmeer auf ca. 180 M Höhe. Der Übergang ist kaum zu bemerken, aber an den Schleusen geht es nun jedes mal ein paar Meter abwärts. An einer Dreifach-Schleuse beobachten wir, wie ein ziemlich langes Ausflugsboot durchgeschleust wird. Die Kapitänin und ihr ‘Matrose’ sind ganz schön im Stress, denn auch ihnen macht der stürmische Wind Probleme, das Schiff ohne Beschädigung durch die engen Schleusen zu bugsieren. Bei der nächsten Schleuse, Ecluse de la Planque, haben wir unser Tagesziel erreicht. Sehr freundlich werden wir von der Wirtin empfangen und in unser originelles, sehr holzbetontes Zimmer in dem äußerlich eher schmucklosen Haus des früheren Schleusenwärters geführt.

Zum Abendessen bekommen wir Cassoulet, das typische Gericht der Gegend, ein Eintopf aus weißen Bohnen mit Fleisch und Wurst, ganz und gar nicht die gewohnte französische haute cuisine, sondern eher deftige Hausmannskost. Der Smalltalk mit dem französischen Ehepaar am anderen Tisch gelingt einigermaßen, dennoch finde ich es anstrengend, weil, sobald man einen halbwegs korrekten Satz formuliert hat, das Gegenüber kein Pardon mehr kennt und weder Tempo noch Komplexität der Unterhaltung zu bremsen sind.

59 Km, 100 Hm geschätzt, denn das GPS spielt bei dem Wind verrückt und addiert unter jedem Baum ein paar Meter hinzu.

Immer an der (Kanal-) Wand entlang nach Toulouse

Heute Nacht hat das Wetter beschlossen, es war jetzt zwei Tage schön, das reicht erstmal. Wir brechen früh auf, denn der Weg nach Toulouse ist weit und man weiß ja nie, was unterwegs an Hürden aufgestellt wird. Für ein Frühstück am Marktplatz reicht es aber doch, erstaunlicherweise ist hier am Sonntag Markttag und richtig viel Betrieb. Am Kanal zeigt sich, dass heute die Qualität des Untergrunds sehr gut ist und auch kein Wind weht. Da ja immer mindestens eine Erschwernis zum Tragen kommt, muss es heute der Regen sein, denn die Etappe ist absolut flach. So beginnt es also mehr als 1 Stunde vor der angekündigten Zeit zu regnen und zwar zunehmend heftig, so dass auch die Kanalplatanen keinen Schutz mehr bieten und wir die Regensachen anziehen müssen. Unterwegs kommen wir an einer merkwürdigen Schleusenvariante vorbei: Auf einer schiefen Ebene wurden die Schiffe in einer Art Badewanne von zwei gummibereiften Lokomotiven hinaufgezogen oder hinabgelassen, eine im wahrsten Sinne des Wortes ‘schräge’ Konstruktion, aber scheinbar nicht so genial, wie sie aussieht, denn nebenan wurden mehrere normale Schleusen gebaut, die aktuell die Schiffe bedienen.

Trotz Regen (oder gerade weil bei Regen niemand im Weg ist) kommen wir zügig voran und noch weit vor Mittag machen wir nach 35 Km bei einem Crèpe Halbzeitpause, es hat sogar für heute aufgehört zu regnen. Nochmal 10 Km und wir lassen uns auf einem Mäuerchen an einer der zahlreichen Schleusen nieder (Sitzbänke wurden für uns schon wieder nicht aufgestellt) und essen unsere Brotzeit. Viel zu früh kommen wir in Toulouse an, mit einem Schnitt von über 19 Km/h bei fast 70 Kilometern und unser Zimmer im Hotel ‘Grand Balcon’ am zentralen Platz ‘Le Capitole’ ist noch nicht bezugsfertig…
Die Altstadt von Toulouse ist, anders als Bordeaux mit seinen Kalk- und Sandsteinhäusern, sehr Backstein-lastig und besticht durch besonders hübsche Balkongeländer. Das Jakobiner-Koster und die Kathedrale St. Sernin sind monumentale Sakralbauten und haben markante 8-eckige Kirchtürme. Ansonsten gibt es in Toulouse keine reinen Fußgängerzonen sondern mehr ‘shared space’ Straßen, die daran kranken, dass ständig Mopeds hindurchbrausen, leider keine elektrischen wie sie in Spanien mittlerweile Standard sind. Seit Wochen wollten wir mal einfach nur eine Pizza essen, hier klappt es endlich, bei einem fancy Italiener.

69 Km, 105 Hm, ideal am Kanal

Tauben am Kanal in Toulouse, evolutionär am Höhepunkt der totalen Verblödung angelangt

Von Serignac nach Moissac

Frühstück im Garten in der Sonne, das ist eine neue Qualität, wird uns der Sommer doch noch ein paar Tage auf dieser Reise schenken? Kaum richtig warm gefahren, sind wir schon in Agen, einer kleinen Stadt mit einer großen, 350m langen Brücke, die den Garonne Kanal über die Garonne auf die andere Seite führt. Gleich hinter, halb unter der Brücke liegt ein kleines Café mit dem bisher besten Cappuccino in Frankreich. Die Garonne ist auch hier immer noch eine braune Brühe mit ziemlich Tempo, das ist vielleicht Schneeschmelze aus den Pyrenäen. Wir bleiben den ganzen Tag auf dem Treidelpfad des Kanals, der hier aber deutlich bessere Qualität als gestern hat, was aber durch den stetigen Ostwind wieder egalisiert wird. Landschaftlich ist es nicht ganz so reizvoll wie gestern, da der Allee-Charakter nur noch stellenweise gegeben ist. Leider fehlen auch Rastplätze, so dass wir uns mit unserem, in Agen erstandenen, fein belegten Baguette einfach in den Platanenschatten auf die Straße setzen müssen.

Nach 40 Km sind wir in Valence, das sogar über ein geöffnetes Café verfügt in dem es auch noch Salat gibt, das ist ja fast schon wie in Spanien! Unspektakulär und sehr warm geht es weiter bis nach Moissac, wo wir wieder mal in ein abenteuerliches Appartement geraten, das irgendwie in ein mittelalterliches Haus hineingebastelt wurde. Das Treppenhaus einsturzgefährdet, die Wohnung schick, in weiß gekachelt.
Moissac entpuppt sich als wirklich interessantes und lebendiges Örtchen, zum einen leben hier auffällig viele Marokkaner, die hier auch ihre spezielle Bäckerei oder Gemüseladen betreiben, zum anderen hat es uns wieder auf den Jakobsweg zurückgeworfen: Viele (skurrile) Pilger, Pilgerherberge, Pilgerladen; welche Untervariante des Camino hier wohl vorbei führt? Die Kirche ist auch originell, denn sie hat bemalte Wände und dazu eine Tafel, die auf eine blank gescheuerte Stelle an der Wand hinweist, an der jeder (also fast jeder) Besucher hinlangt, um zu prüfen, ob die Wand nicht doch tapeziert ist.

Zum Abendessen auf dem Kirchplatz gönnen wir uns schon wieder ein Menü, bei dem, wie so oft in Frankreich, Vorspeise und Nachspeise besonders kreativ herausstechen: Es gibt Jakobsmuscheln auf Spargel und Wachtel mit Gänseleberpastete, zum Abschluss ein Omlette Norvégienne (eine Mischung aus Eis, Biscuit, Eischnee und Rumrosinen) und eine flambierte Schaumcrème auf Erdbeeren. Da wir alles brav teilen, kommen wir immer in den Genuss eines 6-Gänge Menüs.

57 Km, 162 Hm, fast ein Pausetag, wäre da nicht der Wind gewesen.

Durch’s grüne Gewölbe entlang des ‘Canal de Garonne’ nach Serignac

Nach dem Queren der Garonne in La Réole geht es wenige Kilometern am Fluss entlang, dann wechselt die Route auf den Treidelpfad entlang des Garonne Seitenkanals. Kurz vor Hure (90 Km nordwestlich von Condom) passieren wir den nullten Längengrad und wechseln sozusagen auf die Osthälfte des Planeten. Heute ist es schon den 2. Tag in Folge warm und sonnig, bei nur leichtem Gegenwind, gesättigt mit Gräserpollen und flauschigen Pappelsamen.

Die Fahrt geht praktisch den ganzen Tag entlang des Kanals im Schatten gewaltiger Platanen, die bei dessen Bau, ca. 1850, teilweise in zwei Reihen auf jeder Seite gepflanzt wurden, vermutlich um den Damm zu stabilisieren. Das Spiegeln der Bäume im Wasser des Kanals und die Lichtverhältnisse durch das lichte Blätterdach schaffen eine zauberhafte Atmosphäre, dazu singen viele verschiedene Vogelarten, es fühlt sich fast an wie im tropischen Regenwald oder in einem riesigen Gewächshaus. Man darf sich keinen Sekundenschlaf oder sonstige Ablenkung erlauben, sonst fällt man kopfüber in den Kanal oder fliegt auf der anderen Seite die Böschung runter, der Pfad ist nur ca. 2 Meter breit. Oft queren Brücken den Kanal, dann geht es kurz steil hinauf und wieder runter, an wenigen Brücken führt der Weg auch bequem unten durch. Einige Schleusen passieren wir, ab und zu kommen uns Radfahrer oder sogar ein Schiff entgegen. Cafés wiederum sucht man vergebens, bestenfalls Campingplatz-Buden, denen wir nichts abgewinnen. Nach der halben Strecke findet sich endlich ein Restaurant am Weg, das uns gnädigerweise einen Kaffee serviert, der wohl sonst nur zum Abschluss des Menüs gereicht wird. Wir haben heute unsere Brotzeit am Fluss verzehrt, da nach einem Restaurantbesuch der Bauch so voll wie der Geldbeutel leer ist und dadurch das Vorankommen erheblich beeinträchtigt wäre.
Kurz vor unserem Ziel, Serignac, überholt uns doch tatsächlich ein ganzer Radfahrverein mit Rennrädern und E-Bikes. Wie schön sich für ein paar Kilometer in den Windschatten dranhängen zu können.
In Serignac haben wir ein Zimmer in einem alten Gutshof, dem nur leider das Schicksal eine stark befahrene Straße vor die Nase geteert hat. Im Garten bekommen wir schon wieder Gaumenfreuden in drei Gängen serviert, mit Hase, Wachtel und Kalbsbries etwas exotischer als üblich.

69 Km, 197 Hm, perfekt, nur der Pfad am Kanal entlang sollte mal frisch gebügelt werden

Durch das Bordelais nach La Réole

‘Früh’ um 9 sind wir schon in Bordeaux los gefahren, denn die Etappe heute ist lang und nicht völlig flach. Fabrice hat uns ein kleines Frühstück bereitet und mit dem Argument, von München sei es doch nur gut eine Stunde Flugzeit, herzlich eingeladen nochmal zu kommen, damit wir mehr Zeit für Bordeaux hätten. In der Tat haben wir erst durch die free walking Tour gemerkt, was man alles interessantes noch hätte ansehen können, aber wir hatten schon die nächsten Unterkünfte gebucht. Da wohl viele Franzosen die Feiertagswoche für einen Kurzurlaub nutzen, hatten wir Sorge, es könnte eng werden. Eng wurde auf jeden Fall die Hose, soviel kann man gar nicht wegradeln, wie man hier mit leckeren Kalorien gestopft wird.
Der Radweg entlang der Garonne, die fasst überläuft, wenn Flut ist und das Wasser nicht abfließen kann, ist sehr ordentlich und mündet nach ca. 10 Kilometern in eine ehemalige Bahnstrecke. Die Route ist mit max. 2% Steigung sehr locker zu befahren, was dazu führt, dass nicht nur viele mit dem Rennrad sondern auch Familien mit kleinen Kindern unterwegs sind. Viel Betrieb, der mit zunehmender Entfernung von Bordeaux aber etwas abnimmt. Es geht durch feuchte Wälder, manchmal wie im grünen Tunnel aber nach ca. 30 Kilometern gelangen wir dann in das berühmte Bordelais, auf sanften Hügeln ziehen sich die Reihen der Rebstöcke soweit man blicken kann. In einige der alten Bahnhöfe sind jetzt Restaurants bzw. Cafés eingezogen und wir machen an einem Halt für einen Café crème. Zu Mittag sind wir am Ende der Bahnstecke in Sauveterre de Guyenne und lassen uns am Dorfplatz unter schattigen Arkaden (29° auf dem Apothekenthermometer) ein überaus fettig-leckeres Menü servieren. Im Gespräch mit einem Ehepaar aus Toulouse am Nachbartisch werden wir mal wieder bestaunt, mit den Rädern aus Sevilla gekommen zu sein. Auf den restlichen 15 Km nach La Réole sammeln wir fast alle Höhenmeter des Tages ein, nicht einfach mit dem restlos verputzten Schweinebauch. In vielen Weinbergen sind die Bauern unterwegs mit Traktor und Giftspritze, da mag man aber gar nicht anhalten.

La Réole ist ein Dorf mit zwei Gesichtern, ein Teil macht einen verfallenen, fast ruinenhaften Eindruck, Geschäfte und Wohnungen stehen leer, vor und in dem kleinen Supermarkt abgerissene Gestalten, Besoffene, Obdachlose. Da haben wir unser Appartement und finden es etwas gruselig. Bei einem Rundgang und der Suche nach einer Bar kommen wir runter an die Garonne, deren Uferpromenade nur ein großer Parkplatz ist. Die Bar, die wir für die einzige des Ortes halten liegt unter den Bahngleisen, mäßig attraktiv. Nach einem Glas Wein gehen wir weiter und entdecken plötzlich den anderen Teil von La Réole, sehr hübsch hergerichtet, mit Kletterrosen bewachsene alte Häuser, einige Restaurants und ein respektables Koster, das offen steht für einen Rundgang mit toller Aussicht auf die Garonne und das Umland. Aber plötzlich hören wir jemanden Türen absperren und beeilen uns in Richtung Ausgang, direkt in die Fänge des Klosterwächters, der uns, höchst erfreut über so späten Besuch, allerlei zu der Abtei, zu seinem Lebensweg, zu der gerade so überlebten Covid Infektion, zu dem Fallschirm-springenden Bürgermeister, übrigens Mathelehrer, usw. erzählt. Ab und zu streut er ein paar Fragen ein, um zu prüfen, ob wir auch verstehen, was er erzählt. Irgendwann ist die letzte Tür zugesperrt und wir sind wieder frei, den Rundgang durch die Gassen fortzusetzen und schließlich unser Haus wieder zu finden, von dessen eingehausten Balkon wir beim Abendessen wieder auf den vergammelten Teil des Dorfes blicken. Was einem so alles unterkommt…

74 Km, 507 Hm, wären nur alle Radwege so schön gewesen wie heute…

F(r)eiertag in Bordeaux

Unglaublich, der erste Sommertag seit Wochen, kein Regen, kein Wind, sonnig und warm! Wie geschaffen für einen ausgiebigen Bummel durch die Stadt, die ein wenig unübersichtlich ist, da es kein markantes Zentrum gibt, an dem man sich orientieren könnte. Heute ist der 8. Mai, Ende des 2. Weltkriegs, Feiertag in Frankreich und es scheint, als wäre jede und jeder auf der Straße, im Café, in der Weinbar, im Bistrot, oder flanieren. Unser erster Programmpunkt ist das Besteigen des Turms Pey-Berland, der allein stehende Glockenturm der Kathedrale Saint André. Wegen der engen Wendeltreppe muss man ein Ticket voraus buchen, was wir gestern gemacht haben. So dürfen wir uns um 10:30 die 233 Stufen hinaufwinden. Das ist wohl der höchste Aussichtspunkt in Bordeaux und natürlich haben wir das Fernglas im Hotel vergessen, das Teil hat sich als das unsinnigste neben den Badesachen herausgestellt. Aber auch ohne Fernglas hat man eine tolle Aussicht und gewinnt eine gewisse Orientierung. Besonders sticht heraus eine Hebebrücke über die Garonne, durch die die Kreuzfahrtschiffe hindurch müssen, die in der Stadt anlegen, das Justizzentrum, der Glockenturm ‘Grand Cloche’, der sich um 11 Uhr sehr laut vernehmen lässt (aber immerhin hat die Glocke einen schönen Klang, anders als die Blechtöpfe in Spanien) und noch die Säule zu Ehren der Girondisten, die eine Rolle in der französischen Revolution gespielt haben.

Nach einem langen Marsch hinunter zum Fluss und wieder zurück in die Stadt kehren wir in einem der unzähligen (> 1500) kleinen Restaurants in der Nähe der ‘Grand Cloche’ ein und essen wieder mal sehr lecker!
Nach einer kurzen Mittagspause im Hotel geht es um 4 weiter zu einer free walking Tour, auf der wir im Laufe der 2 Stunden nicht nur sehr viel laufen sondern auch von dem irischen (!) Guide komplett zugetextet werden, aber dabei wirklich viel interessantes über Geschichte und Gegenwart der Stadt lernen. So ist z.B. ein großer Teil der Stadt UNESCO Weltkulturerbe und deshalb in seiner alten Bausubstanz praktisch unveränderbar. Sehr viele der alten Bauwerke sind in einem gut renovierten und sauberen Zustand, was auf ein Programm des früheren Bürgermeisters Alain Juppé aus den 90er Jahren zurückgeht, der auch die Autos radikal aus der Altstadt verbannt hat, dafür kostenlose Leihfahrräder und eine oberleitungsfreie Straßenbahn initiiert hat.

Ein wenig erschöpft suchen wir eine der empfohlenen Weinbars auf und lassen uns anhand des erlernten Fachwissens über die Weine des Bordelais drei hervorragende Gläser servieren, nebst einer ebenso feinen Käseplatte.

Das Nachtmahl haben wir uns im Carrefour zusammengestellt, die auf mannigfaltigen Ausschlusskriterien beruhende hochkomplexe Auswahl eines weiteren Restaurants hätte unsere mentale Kapazität heute nicht mehr zugelassen.

Nach dem Austernfrühstück mit dem Zug gefahren

Die Markthalle in Arcachon liegt vis-a-vis zu unserem Hotel, da bot es sich an, das Frühstück gleich in dem Gourmettempel einzunehmen. Die Halle ist voll mit sehr fein dekorierten Ständen besonders für Fisch und Austern. An die hohen Preise für Lebensmittel haben wir uns ja schon etwas gewöhnt, aber 8 € für eine Auster schien dann doch über unserem Budget, bis man etwas genauer hinguckt und liest, dass der Preis für ein Dutzend gilt. Soviel schaffen wir auf nüchternen Magen aber gar nicht und zum Glück kann man auch ein halbes Dutzend kaufen, was dann billiger kommt als ein Café crème…

Auf Wunsch der Gattin fahren wir nicht noch eine 150 Km lange Schleife durch das Medoc sondern mit dem Zug direkt nach Bordeaux, das dauert nicht zwei Tage sondern nur eine Stunde und da es mal wieder ab und zu regnet, bleiben wir dafür lieber einen Tag länger in Bordeaux. Unser ‘Hotel’ liegt in einer ziemlich heruntergekommenen Gegend und auch das Haus selber macht erstmal keinen einladenden Eindruck. Die Fahrräder dürfen im Innenhof bleiben, wir müssen hinauf in den 2. Stock über wenig vertrauensvolle Treppen aus einem früheren Jahrhundert. Das Zimmer aber ist eine absolute Überraschung, mit antiken Möbeln, Sesseln, Porzellanfiguren, altem Teppich und Gemälden.