Von Figueira da Foz nach Costa Nova

Heute weht ein strammer Südwest Wind, es sollte nicht regnen (und tut es dann auch wirklich nicht) und ein wenig wärmer werden als dir Tage zuvor. Nachdem wir uns gegen den Wind aus Figueira herausgekämpft haben, geht es hinauf auf die 100 m hohen Steilklippen mit prächtiger Aussicht auf Figueira und hinter der nächsten Kurve schwenkt die Straße endlich nach Norden und wir haben für die meiste Strecke des Tages Wind von der Seite bis schräg hinten, also recht günstige Bedingungen für eine längere Etappe. Der spannendste Teil der Strecke kommt gleich zu Anfang, entlang der Klippen geht es wild rauf und runter, auf einer teilweise einspurigen Straße, zum Glück fast autofrei, denn hier braucht man Platz um die Windböen auszugleichen und auch mal auf der linken Straßenseite in den Abgrund zu schauen. Absolut spektakulär, wahrscheinlich die besten 5 Kilometer der ganzen Reise bisher.

Dann verläuft die Route auf perfekten kleinen Straßen gemütlich (Rückenwind!) weiter durch Wälder und Baumplantagen, an ein paar Seen entlang, deren Existenz ich mir in dieser durchweg sandigen Gegend nur schwer erklären kann. Die nächsten 25 Kilometer geht es wieder schnurgeradeaus, mal strauchartige Macchia mit ein paar jungen Kiefern und dann wieder durch eine Landschaft, die man sich auch in Island denken könnte, Sand, Sand und noch etwas Sand mit grasartigem Bewuchs. Sicher ist nur, dass das nicht der originale Zustand der Landschaft war.

Der Rest ist flach, man könnte sagen langweilig und die Etappe endet auf einer schmalen Landzunge zwischen Dünen und einem Fluss mit Feuchtgebiet bis sich am Horizont die Ferienhäuser auftürmen und wir in Costa Nova ankommen. Dort sind wir definitiv in der schrägsten Unterkunft bisher, zwar ein ganzes Haus, aber mit winzigen, fast fensterlosen Zimmern – aber die Auswahl an Unterkünften hier war eben keine. 71 Kilometer, 289 Höhenmeter, so könnte es weiter gehen, wäre da nicht die Wettervorhersage für morgen….

Von Pedrogão nach Figueira da Foz

Ostersonntag! Schon vor dem Frühstück wird uns eine Stunde geklaut und ein Regenbogen serviert. Das Frühstück ist überaus üppig, mit einer großen Karaffe frisch gepresstem Orangensaft und viel Rührei mit Speck. Von allem, was uns auf den Tisch gestellt wurde schaffen wir nur die Hälfte – und nehmen den Rest als Brotzeit mit, was sich im Verlauf des Tages als sehr weise Tat entpuppt. Weniger weise war es, die Fahrradflasche auf dem Mäuerchen vor dem Hotel stehen zu lassen, der erste Verlust. Aber bei 9° auch kein Beinbruch. Es geht durch weite offene Flächen, die uns im unklaren lassen, ob hier vor Jahren riesige Waldbrände gewütet haben (einige Baumskelette stehen noch) oder ob hier mal Akazienplantagen standen, die nun abgeerntet sind. Regelmäßige Furchen im Sand weisen auf Maschineneinsatz hin, aber ob hier wirklich neuer Wald gepflanzt werden soll? Auf jeden Fall gedeiht die Macchia. Die Sonne scheint, aber riesige weiße Wolkentürme sind nie weit und die Sorge, dass sie unseren Weg kreuzen um just über uns die Schleusen zu öffnen, begleitet uns den ganzen Tag. Die Straße ist super zu befahren und es fühlt sich an wie an einem autofreien Sonntag in den 70ern. Aber, oh weh, da steht nach 100en Kilometern sorgenfreien Radelns wieder ein ‘EuroVelo 1’-Wegweiser. Das muss man leider als Drohung verstehen, denn es folgen unweigerlich Pfützen, Schlagloch- oder Schotterpisten, die wir für einen ca. 20 Km langen Umweg befahren müssen, um einen Fluss zu queren. Dafür kommen wir an einem Schwarm mehrerer hundert Flamingos vorbei, der sich von uns aber auch gar nicht animieren lässt, mal in die Luft zu gehen.
Nach 40 Kilometern ohne Pause sollte ein Restaurant am Weg liegen, aber es hat, wie fast schon befürchtet, geschlossen – Ostersonntag ist absoluter Shutdown. Nach zwei Regenschauern und nun 50 Kilometern kommt endlich wieder ein sonniger Abschnitt, der eine Brotzeitpause mit den Frühstückssemmeln im Stehen erlaubt.
Jedes Stockwerk der Hochspannungsmasten hier ist hier von Störchen besetzt, obwohl sich der Netzbetreiber durch allerlei beweglichen Schnickschnack bemüht, die Kurzschlussgefahr zu reduzieren, fällt sicher ab und zu gegrillter Storch vom Himmel, wohl eine zeitgemäße Interpretation des Schlaraffenlandes.

Bis Figuera sind es dann nur noch ein Dutzend Kilometer, die allerdings, ein Störfaktor muss immer sein, gegen den auffrischenden Wind zu fahren sind. In Figueira kommen wir in einem fast 150 Jahre alten, cool restaurierten Haus unter. 63 Km, 400 Höhenmeter, guter Durchschnitt.
Highlights des Tages: 1. Zwei herrenlose Hunde auf der Landstraße, die vor uns Angst hatten. 2. Auf Schafen reitende Reiher.

Figueira hat einige sehr hübsche alte Häuser, aber ebenso viele kompakte (Ferien-) Wohnblöcke, so dass das Gesamtbild nicht wirklich überzeugt, anders das uns empfohlene ‘sehr portugiesische’ Lokal Caçarola, in welchem wir ein Cataplana de Marisco bestellen, das ist in etwa ein Wok voll Meeresfrüchte. Sehr mühsam zu essen, aber so lecker, dass es die Mühe absolut wert war.

Am wilden Atlantik entlang nach Pedrogão

Als wir uns am Morgen auf die Suche nach einem Café machen, hat es 8 Grad, es ist windig und die Wolken lassen höchstens einzelne, kurze Flecken Sonnenlicht hindurch. Muss das sein? Wir werden fündig nach Hinweisen von Einwohnern, die so früh schon auf der Straße sind und landen in einer sehr rustikalen Bäckerei, die auch ein paar kleine Tische aufgestellt hat an denen einige ältere Frauen sitzen und sich angeregt bis leicht genervt unterhalten. Wir bekommen unseren Galão bzw. Meia de leite, was in etwa einer Latte macchiato bzw. Cappuccino entspricht. Anschließend geht es, so warm wie möglich eingepackt, hinunter zum Leuchtturm an den berühmten Spot der angeblich größten Wellen der Welt. Leider sind keine Surfer zu sehen und die Wellen sind heute auch nicht rekordverdächtig hoch aber schon sehr gewaltig und eindrucksvoll!

Die Radetappe ist heute keine besondere Herausforderung, führt durch wunderschöne Landschaften, Kiefernwälder und Macchia auf sandigem Boden, immer wieder mit Blick auf die endlosen Strände mit dem breiten weißen Saum der Brandung. Nach einer halben Stunde holt uns eine fette schwarze Regenfront ein und wir müssen uns wieder einpacken, bei 9° schwitzt man zum Glück nicht in den Regensachen. Nach der Mittagspause in Sao Pedro de Moel lacht die Sonne, als wäre nichts gewesen. Es folgt ein 15 Kilometer langer Straßenabschnitt, mit dem Lineal gezogen, leicht wellig, leicht unterstützt durch den Südwestwind, so macht Radfahren wieder Spaß und wir sind nach 44 Km bald an unserem Ziel, Pedrogão. Gerne wären wir noch weiter gefahren, aber Ortschaften mit Unterkünften sind nur noch spärlich gesät und so müssen wir hier bleiben und morgen dafür ca. 70 Km fahren.

Den Nachmittag nutzen wir für einen Strandspaziergang zu den Dünen, die gewaltige Brandung, die Sonne und die (Regen-) Wolken mischen sich zu einer magische Stimmung. Der nächste Wolkenbruch ist nie weit weg…. und Stunden nach unserer Abreise muss Lissabon völlig abgesoffen sein.

Von Óbidos zu den Riesenwellen in Nazaré

Heute beginnt die Etappe mit Sonnenschein und Rückenwind! Es war etwas mühsam, sich durch die Touristen aus dem Städtchen hinaus zu wurschteln, aber dann geht es auf einsamen, wunderschönen Straßen an der Küste entlang nordwärts. Aber die Gegend ist hügelig und bei jedem Dorf geht es hinab ans Meer und danach wieder steil hinauf. Wir kommen in Foz do Arhelo vorbei, das an einer ausgedehnten Sanddüne liegt, hinter der die meterhohen Wellen des Atlantik brechen und genehmigen uns einen Kaffee, denn der vom Frühstück in Óbidos war nicht so toll. Nun 160 Höhenmeter hinauf, mit tollem Blick auf die Steilküste, und bald wieder hinunter nach Sao Martinho do Porto, wo wir uns die Einkehr verkneifen, denn die Stimmung am Himmel verdüstert sich zusehends. Als wir wieder die Höhe erklommen haben und Nazaré sich am Horizont zeigt, hinter Wolken von Gischt, die die Hänge hinaufziehen, fängt es, wie vorhergesagt, an zu regnen.

Das erste Mal auf der Reise: Rein in die Regensachen. Wir sind nun wieder auf dem EuroVelo 1 , d.h. man möchte uns wieder über Schlaglochpisten schicken, jetzt mit tiefen Pfützen garniert. Da suche ich wieder einen Ausweg auf eine ‘ordentliche’ Straße und es gelingt ohne große Umwege. Wir fahren nun auf einem Höhenzug entlang, der großartige Aussicht auf Nazaré und die umliegenden Täler bietet. Die Abfahrt ist feucht, manchmal steil und ziemlich lang, wir waren immerhin auf 170m oben. In Nazaré geht es erst kilometerlang am Strand entlang, bis die Straße einen Knick in den Ort hinein macht und den dramatischen Schlussakt der Etappe einläutet. Wo liegt unser Appartement? Auf dem höchsten Punkt im Ort! Also nochmal 2 Kilometer steil bergauf, die Gattin muss das meiste schieben. Immerhin liegt unsere Unterkunft praktisch auf der Route, der Anstieg wäre also sowieso zu bewältigen gewesen. Die Aussicht von oben ist dafür spektakulär und für kurze Zeit regnet es nicht, aber viel Zeit zum Schauen haben wir nicht, denn das Restaurant um die Ecke schließt bald und wir haben seit dem Frühstück nichts gegessen. Wir werden gerade noch eingelassen und bekommen den besten Kabeljau der bisherigen Reise aufgetischt, Glück und Pech halten sich wieder mal die Waage. 48 Km, 747 Höhenmeter.

Mit dem bunten Bummelzug nach Óbidos (ob der Tauber)

Die Zugfahrt nach Óbidos fiel in die Kategorie ‘very local’, also landestypische Erfahrungen, über die der Einheimische lacht und der Tourist staunt (wenn alles gut geht). Heute ging alles gut, aber das weiß man erst hinterher.
Im Bahnhof Lisboa-Rossio hält der Schalterbeamte unsere Idee, mit dem Zug nach Óbidos zu fahren für keine gute, bequemt sich dann aber doch, ein Ticket für die erste Etappe mit dem Vorortzug zu verkaufen. Die nächste Hürde ist die Schleuse, durch die man mit dem Fahrrad muss – sie öffnet sich und schließt wieder und schon bin ich gefangen. Nur mit freundlicher Hilfe eines Bettlers, der die Macken der Technik kennt, gelangen wir hindurch. Zum Umsteigen in den Regionalzug nach Óbidos haben wir 2 Stunden Zeit in Meleças, einer Vorstadt-Hochhaus-Siedlung mit ‘Bloß weg hier’-Charme auf einem steilen Hügel, den wir uns mit dem Rad hinaufquälen, denn nur oben gibt es was zu essen.
Just als wir in den Zug einsteigen, stürmt und kübelt es los und hört genau 2 Stunden später, als wir in Óbidos ankommen wieder auf. Die Fahrräder mussten an zwei Haken hinter dem Lokführer aufgehängt werden, der dann kaum noch aus seinem Führerstand hinauskommt. In der Zwischenzeit steht das Land, mit viel Weinanbau und Obstbaum-Plantagen, Knöchel- bis Knietief unter Wasser.

Óbidos gilt als das besterhaltene mittelalterliche Städtchen Portugals, hoch auf einem steilen Hügel, mit einer intakten Burgmauer. Natürlich liegt unsere, fast in den Berg gehauene Unterkunft am höchsten Punkt nahe der Burg und der Weg vom Bahnhof dort hinauf über das steile Pflaster ist beschwerlich.
Überhaupt ist in Portugal Kopfsteinpflaster aus kleinen weißen Kalksteinen die bevorzugte Art, Gehwege und Plätze zu gestalten. Sobald diese aber nass werden, wären Grödel das angemessene Accessoire, sofern man keine Schlittschuhe zur Hand hat.
Die Dichte der Souvenir- und Spezialitätengeschäfte könnte in Rothenburg nicht höher sein… Im Gegensatz dazu ist die Burgmauer gänzlich ungesichert zu umrunden, geradezu unerhört, welche Eigenverantwortung den Menschen hier zugemutet wird.

Für die Nacht zu Karfreitag wird die Kirche lila angestrahlt, aber hinter der Pforte ist ein Buchladen eingezogen, so kann man sich täuschen.