Lissabon – eine Schlangengrube

In Portugal wird das Märchen von Hase und Igel etwas anders erzählt. Hier treten Hase und Schlange gegeneinander an und egal wie schlau oder schnell der Hase ist, ob er früh losrennt oder spät, immer ist die Schlange schon da. Mal 10 Meter, mal 100, sogar 300 Meter lange Exemplare haben wir gesehen. Wären wir nicht schon mal hier gewesen, es wäre echt frustrierend. In der Frühlingssonne könnte man sich in Belém auch 2 Stunden am Hieronymus Kloster anstellen, aber bei Sturm mit 75 km/h Böen und aufkommenden, horizontalem Regen bewundern wir die Reisegruppen, die sich das antun. Aber vielleicht muss man eher Mitleid haben…

Außer im Museumscafé herrschte im kürzlich erst eröffneten Museu de Arte Contemporânea schräg gegenüber vom Kloster kein Andrang. Da haben wir beschlossen, die Ausstellungen anzusehen und zu hoffen, dass die Regengüsse in der Zwischenzeit abflauen. Es gab eine Sonderausstellung von Patti Smith, die den Eintrittspreis zwar fast verdoppelt hat, für uns nicht studierte Kunstbanausen leider eine Nummer zu kryptisch war. Die anderen Stockwerke, mit immensen Flächen, boten einen Parforceritt durch die Kunst des 20. Jahrhunderts; von jedem berühmten Maler oder Bildhauer mindestens ein Werk (und es gibt sehr viele Berühmte aus dieser Zeit). Da war manch Spannendes dabei, aber zum Schluss überwog das Gefühl, von der Masse erschlagen worden zu sein. Eine moderne Interpretation der Azulejos fand ich besonders gelungen:

Den Heimweg von Belém haben wir, wie durch ein Wunder, praktisch trocken geschafft, allerdings waren wir fast 2 Stunden unterwegs, weil die Öffis nicht kamen und wir dann auch noch mit dem falschen Bus völlig vom Weg abkamen.

Atlantik-Tief

Das Ungemach deutete sich schon seit Tagen an und auch ständiges Aktualisieren des Wetterberichts macht es nicht besser. Ab Morgen schüttete es mindestens zwei Tage durchgehend wie aus Kübeln! Schon heute wechselten sich sonnige Abschnitte mit Platzregen munter ab und die Temperatur ist im freien Fall und erreicht nur am frühen Nachmittag mal kurz 15°.
Die im letzten Moment noch eingepackte lange Unterhose erweist sich als das elementarste Kleidungsstück überhaupt, nebst den Ski-Kniestrümpfen. Übrigens ist es ein sehr mulmiges Gefühl, wenn man nur so wenig Kleidung dabei hat – geht was kaputt oder kleckert man sich voll, vergisst man gar was im Appartement? So wie wir hat bestimmt auch Ötzi auf seine Sachen aufgepasst.
Wir planen im Café die Tour etwas um und wollen morgen den Zug nach Obidos nehmen und damit ca. 200 Km ‘nicht radelnd’ vorankommen, auch um die in Sevilla verlorene Covid-Woche einzuholen. Wenn in drei Tagen das Ärgste vorüber ist, kann es hoffentlich wieder auf dem Fahrrad weiter gehen.
Dann haben wir heute noch das Azulejos Museum besucht und eine Fahrt mit der 28er Tram gemacht. Das klingt nicht tagfüllend, war es aber. Der öffentliche Verkehr in Lissabon ist für Google nicht zu deuten und auch normal begabte Menschen scheitern hier kläglich – es triumphiert das Chaos. Aber wir haben es bis Mittag ins Museum geschafft und die lange Schlange durch Erwerb eines online Tickets hinter uns gelassen. Eindrucksvolle, aus Kacheln gefertigte Gemälde vieler Epochen sind zu bewundern, die modernen Künstler haben uns besser gefallen, als die kirchlichen Motive früherer Jahrhunderte.

Dann waren wir in einem unscheinbaren, kleinen, ‘very local’, vegetarischen Restaurant, schon etwas außerhalb des Zentrums und bekamen – es war schon fast 14:00 – genau zwei Vorschläge, weil alles andere schon aus war und haben es dennoch nicht bereut.

Nächster Programmpunkt: Straßenbahnfahren. Schlau wie wir zu sein meinten, sind wir zur Endhaltestelle der 28 um dort eine Schlange von mindestens 100 Menschen vorzufinden, mit der Ansage, dass man schon eine Stunde anstehen müsse… Dann kam wieder ein kurzer Platzregen und hat die Schlange fast halbiert. Nach Vor-Ort-Analyse kam heraus, dass die Tram mit freien Restplätzen abfährt – also los zur nächsten Haltestelle, das waren nur 250m und dort sind wir problemlos eingestiegen, aber nur Stehplatz. Die Fahrt durch die steilen, engen Gassen war für das Gleichgewichtsorgan und alle Muskeln ein Härtetest, ähnlich einem Erdbeben der Stärke 7-8.

Tief-Punkt des Tages: Morgen ist Bahnstreik ;-( Wir kommen hier nicht weg.
Highlight des Tages: Unser Appartement ist das einzige im Haus, das morgen noch frei ist und wir können bleiben. Zweiter Höhepunkt: Als wir aus dem trockenen Eingang eines Schuhgeschäfts dabei zuschauen, wie eine große grüne leere Mülltonne von Sturm und Regen scheppernd durch die Straße gepeitscht wird.

Lisbon Story, revised

Heute haben wir die Etappe super bequem bewältigt, zunächst mit dem Vorortzug von Setubal an das Tejo Ufer und dann sofort weiter mit dem Katamaran direkt an den Hauptplatz von Lissabon übergesetzt.

Unser nobles Appartement liegt zentral am großen Praça de Figueira, mit Blick nach Süden über den Platz bis zum Tejo und links hinauf zur Burg. Die Fahrräder stehen sicher im Zimmer und nicht mal im Weg, soviel Platz haben wir.


Vor Jahren waren wir schonmal in Lissabon und nun stellen wir fest, dass es so beschaulich wie vor 30 Jahren in Wim Wenders ,Lisbon Story’ nicht mehr ist. Die Stadt ist von Touristen geflutet, überall fahren elektrische ‘Oldtimer’ oder moderne Tuktuk Variationen herum, Kirchen, Aufzug, Burg, … kosten Eintritt und jedes Mal Schlange stehen. Die alte Markthalle wurde größtenteils zu einem ‘Food Court’ gentrifiziert und trotz der großen Halle ist wieder Geschick gefragt, zwei Stühle nebeneinander zu ergattern. Aber man soll nicht mit Steinen schmeißen, wenn man selbst im Glashaus wandelt.

Die 28er Tram fährt noch mit den gleichen antiken Wägen aus den 50ern des letzten Jahrhunderts.

Den Abend haben wir erneut in einem ausgezeichneten Restaurant im Viertel Chiado verbracht, bereichert mit einer Fado Vorführung auf gleichem Niveau wie das Menü.