Vom Bergbauern in Valendas durch die Rheinschlucht zum Weinbauer in Jenins

Schade um das großartige Frühstück von Nina, aber die Pizza von gestern liegt mir noch immer quer im Magen und ich esse nur ein paar Löffel von dem frisch zubereiteten Müsli. Die Nacht war auch nix, obwohl zumindest die Kühe aufgehört haben zu bimmeln, anders als die Kirche. Erst um 10 fahren wir los, und es sieht nach Regen aus. Nina empfiehlt uns noch einen Aussichtspunkt auf die Rheinschlucht, aber erstmal müssen wir 150 M hinauf nach Versam, dort zweigt eine Stichstraße zum Bahnhof ab, der 300 M weiter unten am Fluss liegt, wir müssen nur gut einen Kilometer und 70M hinunter bis zu der hölzernen Aussichtsplattform Islabord, die über den Abgrund ragt und eine grandiose Sicht hinunter auf den Rhein und hinüber auf die fast senkrechten, hellgrauen Felswände bietet. Zurück in Versam geht es nun in einigen Serpentinen hinab und über einen Bergbach, der ähnlich tief unten liegt wie der Rhein in den er kurz danach mündet. Wieder geht es hinauf auf einer fast einspurigen Straße, die wahlweise durch Tunnel oder in engen, unübersichtlichen Kurven an die senkrechten Felswände geklebt ist. Immer wieder gibt es prächtige Blicke in die Schlucht, nur muss man auf den Gegenverkehr achten – plötzlich taucht in einer Kurve ein Sattelschlepper auf, keine Ahnung wie der das hier her geschafft hat, aber er bleibt freundlicherweise stehen, ohne uns an der Wand zu zerquetschen und wir schlüpfen durch den verbliebenen Meter.

Nach der letzten Kurve geht es dann ganz entspannt auf breiter Straße schnurgeradeaus abwärts nach Bonaduz und wir sind wieder am Fluss, der hier mit dem Hinterrhein zusammenfließt und jetzt schon gewaltig viel Wasser und Tempo hat. Bis Chur kommt nur noch ein fieser Anstieg und nach 35 Km machen wir in der Altstadt Pause und schaffen es dabei, ein kräftiges Regengebiet unter dem Schirm eines Cafés bei einem Stück Rhabarberkuchen (zur Feier des 4000. Kilometers) auszusitzen. Der weitere Weg geht durch das hier schon sehr breite Rheintal, mit Industriegebieten aber auch weiten Weinbergen und immer noch hohen Bergen im Hintergrund. Hier unten im Tal ist es jetzt richtig feucht heiß, wir sind klatschnass und müssen trotzdem noch mal 100 Hm hinauf nach Jenins in dem wir bzw. ausnahmsweise mal ich ziemlich erschöpft ankommen. Der Balkon ist eine Wucht, mit Blick ins Rheintal über Landquart, fast bis nach Chur, wäre da nicht ein Berg in der Sichtlinie. Das Zimmer ist mal wieder eine Erwähnung wert, denn es wird über das Bad betreten, also bevor man die Tür öffnet, sollte man sich vergewissern, dass niemand auf dem Klo ist….

54 Km, 610 Hm, feucht heiß

Von Disentis nach Valendas

Gleich in Disentis geht es steil bergab zur ersten Rhein-Querung und auf der anderen Seite wieder ebenso hoch hinauf. Der Rhein ist hier noch ein großer, relativ klarer Gebirgsbach aber keine 10 Kilometer weiter flussabwärts schon ein brauner reißender Fluss, da kommt viel Schmelzwasser aus den Seitentälern hinzu. Im Prinzip geht es nur abwärts, zumindest auf der Bundesstraße, wir fahren aber auf Feldwegen und Nebenstraßen mit einigem auf und ab und oft auf Schotterwegen, da ist Konzentration auf grobe Steine, Schlaglöcher und Regenrinnen verlangt, viel Gelegenheit zum Schauen bleibt da nicht. Nach einer steilen Rampe bleiben wir kurz stehen, denn hier gibt es viele Maikäfer und ein Schweizer Paar mit E-Mountainbikes, die sich für uns arme Bio-Biker interessieren. Auf die Frage, wie oft wir schon die Pneus wechseln mussten, entgegne ich, dass wir unterwegs noch keinen ernsthaften Defekt gehabt hätten. Ich möge es nicht verschreien höre ich noch und fahre schonmal los und keine 200 Meter danach ist mein Vorderreifen platt. Absolut geisterhaft – schließlich stellt sich raus, ein snake bite, d.h. zu schnell über zu groben Schotter gebrettert und / oder zu wenig Luft im Schlauch. Der ist schnell gewechselt, jetzt gibt es aber keinen Ersatzschlauch mehr, zur Beruhigung der Gattin im nahen Ilanz aber ein Fahrradgeschäft. Dort kehren wir in einer besseren Döner-Bude zu Mittag ein und sind danach so vollgefressen, dass wir die restlichen 7 Kilometer hinauf nach Valendas, bei schattenlosen 30° nur dank des kräftigen Rückenwinds ohne Kollaps überstehen. In Valendas ist die Attraktion und zugleich Rettung vor dem Hitzschlag der größte Holzbrunnen der Schweiz, dann sind es nur noch 100 Meter zu unserer Unterkunft. Dort erwartet uns Nina in ihrem wunderschönen, typisch Schweizer Chalet. Wir haben ein Zimmer mit phantastischem Weitblick in die Berge, mit Fenstern auf drei Seiten und einem großen Garten, mit schattigen Plätzen unter den Obstbäumen. Besser kann man es nicht treffen.

39 Km, 423 Hm, Etäppelchen, meist bergab mit Rückenwind, zu schnell gefahren…

Über den Oberalp Pass ins Rheintal nach Disentis

Bestes Bergwetter heute, kurz vor 10 fahren wir los, die ersten Serpentinen liegen noch im Ort. Es geht schön gleichmäßig hinauf und der Verkehr ist moderat, besonders Motorräder sind nicht so zahlreich wie befürchtet. Mit jeder Kehre wird die Aussicht besser, bald sind wir schon hoch über Andermatt, man erkennt das ganze Ausmaß der ‘ägyptischen Riesenbaustelle’. Sehr viel hübscher dagegen ein paar Kühe, wie hinbestellt vor prächtiger Alpenkulisse. Nach den Serpentinen kommt ein Hochtal durch das die Straße geradeaus, neben der Bahnstrecke in Richtung Oberalp-Stausee führt. Am Stausee, etwa 2000 M Seehöhe, liegen noch einige fette Schneefelder, mit dem Fernglas Richtung Furka geschaut ist es nicht verwunderlich, dass der Pass noch geschlossen ist, da oben ist noch alles komplett unter Schnee. Am See geht es durch eine Lawinengalerie an deren Ende die Passhöhe mit Skiliften und Bergrestaurant liegt. Auch hier noch mächtige Schneehaufen, aber bei 20° machen sie’s nicht mehr lange. Wir aber machen lange Pause bei Bündner Gersten-Süppchen und einem exquisiten Fenchelsalat. Nun haben wir also den geographischen Höhepunkt unserer Tour erreicht, nach fast 4000 Km und über 30.000 Höhenmetern geht’s nun abwärts Richtung Rheintal. Dessen Quelle liegt zwar nicht weit entfernt aber der Weg dahin ist noch unter viel Schnee begraben. Die Abfahrt vom Oberalp Pass ist schon ein besonderes Highlight, mit vielen Serpentinen und wenig Verkehr. Die Straße verläuft streckenweise richtig ausgesetzt, ohne jegliche Leitplanken, da wäre jeder Fehler todsicher tödlich. Weiter unten im Tal, mit weniger engen Kurven und etwas Rückenwind kann man es richtig laufen lassen, mit 65 Km/h überhole ich einen Mountainbiker, der Arme, mit seinen Stollenreifen hat er keine Chance mitzuhalten. Bis Disentis haben wir 800 Hm verloren, da bleiben nur nochmal 800 bis zum Bodensee für die nächsten 4 Tage.

Disentis wird dominiert von einem monumentalen Benediktiner Kloster, hoch über dem Dorf errichtet, mit üppiger Barockkirche, für die Größe des Ortes erstaunlich. Im Kloster finden sich Ausgrabungen von den ersten Strukturen, die ins Jahr 700 zurückreichen. Zum Koster gehört auch ein Gymnasium mit Internat. Auf einem kleinen Friedhof, auf einem Absatz vor der Kirche, liegen die Äbte des Klosters begraben. Leider haben sie nichts mehr von dem weiten Blick zum Lukmanier Pass von hier oben.

32 Km, 713 Hm, fast schon gemütlich auf den Oberalp Pass, Adrenalin-geladen hinunter