Der KPI (Key Performance Indicator) soll in einer Zahl ausdrücken, ob wir ‘in der Zeit’ liegen, um bis Ende Juni in München zu sein. Dafür bestimme ich täglich die aktuelle Position auf unserer Route in Kilometer, heute z.B. 1523 Km ab Sevilla, unserem Startpunkt in Andalusien. Die Länge des kompletten GPS Tracks ist 4804 Kilometer und wir haben 118 Tage Zeit, das macht 40,71 Km am Tag. Dieser Wert multipliziert mit den bereits vergangenen Tagen, heute sind es 36, ergibt die Sollposition 1466 Km. Die Differenz von Soll und Ist-Position ist der KPI, der heute den Wert von +57 hat, d.h. wir sind gut einen Tag weiter als wir sein müssten. Damit ist morgen ein Tag Pause in Santiago de Compostela genehmigungsfähig 😉
Über die Unberechenbarkeit als Paradigma einer Radtour
Mit Ausnahme von Booking (wir mussten noch nicht auf der Straße schlafen) und unseren Fahrrädern ist auf nichts, aber auch gar nichts Verlass. Wenig überraschend: Der Wetterbericht, kündigt für den nächsten Tag Sturm aus Nordwest an, der Tag beginnt dann mit leichtem Südwind und endet mit einem lauen Lüftchen aus West. Der angekündigte Regen fällt auch aus – da wollen wir uns nicht beschweren. Wären Vorhersage und tatsächliches Wetter anders herum ausgefallen, könnte es in dieser menschenleeren Gegend schon problematisch werden.
Die Streckenführung des EuroVelo 1 haben wir ja von der offiziellen website heruntergeladen und stellen nun fest, dass munter neue Wege gebaut wurden, die auch beschildert sind, aber so stark vom ‘Original’ abweichen, dass wir einfach kein Vertrauen haben, hier nicht noch zig Km und Höhenmeter extra fahren zu müssen. Deshalb folgen wir manchmal den alten GPS Daten, fahren manchmal auf der Straße und einmal fast querfeldein, nach Begutachtung der Satellitenbilder, ob der Pfad wieder in die Zivilisation führt oder auf der Klippe endet.
Der Straßenbelag hat nicht unwesentlichen Einfluss auf die Planung der Etappen, denn 60 Km auf schlagloch-übersähten Rumpelpisten sind einfach eine Zumutung für Mensch und Material, die gleiche Strecke auf einer passabel asphaltierten Landstraße auf einer Arschbacke erledigt. Leider wechselt der Untergrund mehrmals täglich zwischen den äußersten Extremen hin und her und man weiß nie, was am Ende des Tages überwiegen wird.
Die Höhenangaben sind anders als die GPS Positionsdaten völlig random. Hier scheint es nach der initialen Vermessung der Welt durch Gauß und Humboldt keinerlei technischen Fortschritt mehr gegeben zu haben. Egal mit welchem Tool man versucht, die Höhenmeter der Tagesetappe zu berechnen, es wird nicht stimmen. Google faselt von ‘überwiegend flach’, wenn tatsächlich Steigungen von über 20% vorkommen. Das Garmin liegt zwar am Ende des Tages relativ gut, weicht aber unterwegs schon mal um +- 50 Meter in der absoluten Höhe ab. Schade, dass genaue Geodaten scheinbar ein militärisches Geheimnis darstellen und der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.
Aber wir wollen nicht zu sehr jammern, denn wenn alles nach Plan laufen würde, wäre es auch irgendwie langweilig…
Ein Tag Freigang auf Bewährung
Unter drei Bedingungen wurde mir ein Tag Freigang in Aussicht gestellt:

1. Kein Fieber
2. Ein negativer Covid Schnelltest
3. Über die gefühlte Gesundsheit wahrheitsgemäß Auskunft zu erteilen (‘tell the truth, the whole truth and nothing but the truth’)
Punkt 2 wurde nur bestanden, weil das Sehvermögens der Wärterin schon etwas nachgelassen hat.

Da war der Weg frei für einen Café con leche (im Café statt im Bett)
Es war endlich rundweg schönes Wetter und sogar mittags ein bisschen warm. Für den Tag gab es zwei Ziele, erstens das Päckchen mit den Fahrradtaschen nach hause zu schicken und zweitens einen (weiteren) Besuch im Alcázar, den wir tags zuvor für 12:30 gebucht hatten (da sind nämlich alle Reisegruppen beim Mittagessen). Am Ende des Tages haben wir 3 Stunden im Alcázar verbracht (wunderschön bei Sonnenschein!) und 5 Stunden mit dem Versand des Päckchens. Eine Odyssee in Stichworten
- Der von Google empfohlene DHL Shop nimmt nur Express Pakete an, ca. 100€
- Der nächst weitere Paketshop von UPS existiert nur in Google
- Der noch weitere Paketshop nimmt Pakete nur an, wenn sie bereits bezahlt und gelabelt sind, Drucker haben sie nicht
- Die UPS Webseite bietet den Versand für 20€, sogar mit Abholung im Hotel, verlangt aber eine spanische Steueridentifikationsnummer für Sender und Empfänger (!) und die wird auch noch auf Plausibilität geprüft ;-(
- Die UPS Hotline ist nur auf Spanisch und legt dann einfach auf
- DHL bietet den Paketversand für 30€ auch ohne Steuernummer, das Hotel druckt uns das Label und hilft uns mit Gewebeband aus, das völlig unterdimensionierte Paket zu bändigen.(da war nämlich plötzlich mehr drin, als geplant)
- Der Paketshop nimmt das Paket an und wir hauen schnell ab, bevor jemandem was einfällt, warum es leider doch nicht möglich ist (zu schwer, zu groß, keine Zollerklärung, …)
Umzug – zwei Etagen tiefer, räumlich und qualitativ
Mit etwas schlechtem Gewissen kehre ich zurück ins Krankenzimmer. Den Nachmittag verbringe ich mit Einkaufen, ich werde abends kochen und der Suche nach einer Unterkunft, denn am Samstag müssen wir unser schönes Appartement räumen.
Am Ende kommen wir in einem kleineren Schwester Appartement in Mitten der engen Gassen von Santa Cruz unter. Ich hoffe sehr, Niko packt den Umzug, denn er ist schon sehr malad.
Am späten Nachmittag noch ne Kirche, und ein zielloser Spaziergang durch Santa Cruz bis ich vor Kälte bibbere. Im Appartement angekommen stelle ich nach immerhin 3 Nächten fest, dass die Klimaanlage auch als Heizung funktioniert. Das Zimmer ist binnen kürzester Zeit von 16 auf 20 Grad aufgeheizt , wie behaglich…
Der Umzug in das neue Appartement hat komfortabel funktioniert, sogar Bademäntel konnten wir wieder bekommen. Allerdings ist das Zimmer eben nicht nur kleiner, sondern wir büßen den phantastischen Blick auf Alcázar und Kathedrale ein und tauschen ihn gegen einen Blick in einen Hinterhof voller Gerümpel und einem in Renovierung befindlichen Gebäude. Da Wochenende ist, wird wohl nicht gearbeitet. Das Ziel also: bis Montag müssen wir gesund sein/bleiben.
Direkt neben dem Eingang ist ein winziges Lokal das auch Essen zum Mitnehmen hat. Ich glaube, da verkneife ich mir heute die Kocherei…
Der Corona Fluch
Vor fast genau vier Jahren endete unsere Weltreise dramatisch im Lockdown in Peru. Jetzt beginnt die nächste große Reise wie die alte aufgehört hat – im Lockdown. Ich liege mit Covid im Bett und bin überzeugt, dass Prof. Drosten persönlich dafür verantwortlich ist 😉 Verschärfend kommt hinzu, dass wir vor vier Jahren zwar das Hotel nicht verlassen durften, aber immerhin nicht ans Bett gefesselt waren. Nun möchte man meinen, dass in Sevilla kein Militär mit Maschinengewehren die Einhaltung der Regeln überwacht, aber auch die Gattin hat so ihre Mittel, die Bettruhe eisern durchzusetzen. Aber einmal durfte ich doch aufstehen – kleiner Triumpf – als sich meine Frau zwischen zwei elektronisch gesicherten Eingangstüren gefangen wiederfand und ich sie befreien durfte.
Beim Guinness Buch der Rekorde werde ich mich mal bewerben, als der Mensch, der am längsten nicht infiziert wurde! Außer hohem Fieber und Schwäche bislang nichts beunruhigendes, aber wie lange uns das in Sevilla festhält, ist noch offen.
Versicherungen
Bei langjährig verheirateten Paaren beobachtet man oft eine gewisse Spezialisierung und Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. So kümmert sich meine liebe Frau sehr umfassend um das Abschließen geeigneter Krankenversicherungen. Die erste Schicht, also die EU-weit gültige ganz normale Krankenkasse könnte einer Scheibe Emmentaler gleichen, die den Kranken nicht vollständig absichert. Deswegen legen wir noch eine Tilsiter-Scheibe (mit kleineren Löchern) einer Auslandskrankenversicherung drüber, die aber nur 60 Tage im Jahr ununterbrochenen Schutz gewährt. Da wir länger unterwegs sein wollen, kommt noch ein dritte Scheibe (kompakter Appenzeller) drüber, die ein ganzes Jahr gilt und auch den Krankenrücktransport einschließt. Frau war ja auch mal in der Versicherungswirtschaft angestellt und kennt deren Bereitwilligkeit Versicherungsfälle als solche anzuerkennen.
Der Ehegatte hingegen kümmert sich um die Lebensversicherung, die allerdings Hardware-basiert ist und schon vor Eintritt des Schadens und ohne Antragsformular greift:

Dieses, leider 563 gr. schwere Modell Eigenbau basiert auf 3 Samsung Akkus in einem Stück Abflussrohr und einer schön lackierten PKW Hupe mit 72 Watt und 400 Hz. Es wird mit zwei Klettbändern am Vorbau befestigt, hat einen kleinen 12V Ladestecker und einen Anschluss zum Klingelknopf, der in den Bremsgriff integriert ist. Der hiervon ausgehende Schallschutz ist zwar innerfamiliär umstritten, hat sich aber in den vergangenen 47 Jahren bei hunderten Versuchen, mich platt zu fahren hervorragend bewährt.
