Von Burgos nach Villafranca Montes de Oca

Was für ein wunderschöner Wintertag, die Sonne geht auf bei -3°. Vor dem Fenster fährt ein Auto mit Skikoffer auf dem Dach, wohin sind wir entführt worden?
Als es am sehr späten Vormittag +5° werden, fahren wir los, mit allen verfügbaren Klamotten, langen Handschuhen und Stirnband unter dem Helm. Auf der Ausfallstraße aus Burgos, der N120 nach Pamplona, haben wir tatsächlich Rückenwind – erzeugt von den unablässig überholenden Schwerlastern. 20 Kilometer müssen wir auf oder knapp neben dieser Straße vorankommen bis endlich der ersehnte Abzweig auf eine kleine Landstraße kommt; für die nächsten 30 Kilometer bleibt die Zahl der überholenden Autos tatsächlich einstellig. Der Preis ist, wieder auf über 1000 m Seehöhe hinauf zu müssen, aber die Landschaft, die Ruhe und die Sonne sind der Mühe mehr als Wert. Mehr zufällig kommen wir an dem Kloster San Juan de Ortega vorbei und machen hier unsere Mittagspause in einer kleinen Bar. Die Klosterkirche und das Dorf haben richtig Charme und wir wärmen uns dann auf einer Holzbank am Brunnen in der Sonne etwas auf.

Von hier geht es erstmal durch ein gewundenes Tal bergab, das erste mal seit Tagen, das wir eine Gefälle einfach so hinabrollen und genießen. Unser Ziel, ein Hotel in einem großen alten Natursteinhaus in Villafranca Montes de Oca liegt aber wieder höher, auf 950m, unsere höchste Übernachtung in Spanien.

50 Km, 450 Hm, die einsamen Landstraßen haben einen Preis verdient

Burgos on Ice

Nachtfrost Ende April in Spanien! Burgos gilt zwar als der Kältepol des Landes, aber dass es so ungemütlich wird ist schon eine Gemeinheit und kann nur dadurch erklärt werden, dass es hier viele gläubige Pilger gibt, die als Vorstufe für die in Santiago gewährte Erlassung aller Sünden vorher nochmal richtig geprüft werden, was sie dafür alles auszuhalten bereit sind. brrr
Auf dem Weg zum Frühstückscafé sind es schon 3°, da heißt es fix sein. Zum Aufwärmen gibt es eine heiße Schokolade. Danach geht es hinauf zum Burgberg mit toller Aussicht auf die Stadt und anschließend durch die überschaubar große Altstadt, die wie immer in Spanien Fußgängerzone ist. Ein Fülle von Kneipen und Restaurants stehen zur Auswahl für das Mittagessen, das wir ausgiebig in die Länge ziehen, denn drinnen ist es nicht nur sehr lecker (jeder von uns bestellt eine Runde Pintxos zum Teilen) sondern auch noch warm – wie es die Einheimischen an den Tischen draußen aushalten, ist uns ein Rätsel, die Pilger jedenfalls kommen alle rein.

Am Dienstag Nachmittag gibt es freien Eintritt in die Kathedrale, das passt ja perfekt für uns und wir stellen uns dafür in die Schlange, trotz eisigem Wind. Drinnen ist man wieder mal erschlagen von der Fülle des, man muss es leider so sagen, ewig Gleichen. Wahrscheinlich hat jeder Erzbischof der letzten Jahrhunderte ‘seine’ Kapelle hinein basteln lassen und so fehlt der Kathedrale im Inneren die monumentale Größe, die sie von außen unbedingt hat. Nur theologisch gründlich Versierte mögen die dargestellten Inhalte und deren feine Unterschiede zu deuten wissen. Aber es gibt auch Zufallsfunde (ganz ohne Audioguide oder Reiseführer entdeckt), die doch ein wenig an der Ernsthaftigkeit des Künstlers zweifeln lassen – im Chorgestühl pinkeln zwei Jungs im hohen Bogen in das Weihwasserbecken, Graffiti des 17. Jahrhunderts?

Ein besonderes Erlebnis erwartet uns in der Vermuteria Victoria, in der wir nach dem Abendessen in einem sehr guten japanischen Restaurant noch einen Vino Tinto (und dann noch einen Vermouth) trinken. Punkt 22 Uhr bimmelt ein Barkeeper sehr laut mit einer Glocke und es beginnt eine Musik zu spielen von der ich annehme, dass das ein Geburtstagsständchen für einen Gast ist. Die laut singende Menge fokussiert aber auf eine tragende Säule des Lokals und es stellt sich heraus, dass ein Teil des Chores das Lied noch nicht auswendig kann und dort den Text zum mitsingen findet. Später recherchieren wir, dass es eine vor 100 Jahren geschriebene Hymne auf die Stadt Burgos ist, die hier jeden Abend angestimmt wird. Eine irre Stimmung in dem knallvollen Laden.

Von Hontanas nach Burgos

Die Aussicht, das bepackte Fahrrad gegen den Sturm einen steilen, ausgewaschenen Feldweg bergan schieben zu müssen führte dazu, dass die Gattin als wirklich letzter Gast das Albergo verlassen hat – was die zu erbringende Kraftanstrengung nicht im mindesten reduzierte. Auch die Temperatur wollte sich heute gar nicht bewegen und lag bis weit nach Mittag im einstelligen Bereich.
Auf den kahlen Hochebenen stehen viele Windräder im doppelten Sinn, und auch sonst kann den Wind nichts bremsen. Da es weit und breit nichts zu sehen gibt, werden wir vom unaufhörlichen Strom der Pilger (heute aus einem koreanischen Großraumflugzeug gespeist) für das einzig interessante Fotomotiv gehalten.

Zum Gruß muss heute ein Kopfnicken reichen, die Hand lässt man besser am Lenker und ein ‘Bon Caminho’ hört in dem tosenden Wind sowieso keiner mehr, zumal alle Pilger maximal vermummt, wie in einer Trecking Karawane im Himalaya daher kommen. Während ich die letzte, 16% steile Rampe hinauf fahre, schieben zwei Pilgerinnen ihr Mountainbike bergab, ich fasse es nicht! Oben treffen wir einen Franzosen mit einem ganz alten Mountainbike und nach einem kurzen Gespräch trottet seine Frau heran, mit einem Marktroller im Schlepptau; kurz darauf schiebt ein Paar ihr Kind in einem Fahrradanhänger gen Santiago, es sind ja nur noch 468 Kilometer. Kurz darauf treffen wir einen jungen Spanier, der auch ‘in die falsche Richtung’ fährt; die Frage nach seinem Reiseziel beantwortet er knapp mit ‘Asien’, auf Nachfrage stellt sich heraus, dass es eine detailliertere Planung seiner Reiseroute nicht gibt, gestern sei er aufgebrochen. Nach einer Weile überholen wir den Jungspund, der ist uns nun wirklich zu langsam. Die Dichte an schrägen Typen auf dem Jakobsweg ist weltweit einmalig und hat dazu geführt, dass der Jakobsweg als solcher zum kulturellen Welterbe erklärt wurde.
In den folgenden Dörfern ist jede Restauration geschlossen, so dass wir uns hinter der einzig offenen Tür (einem kleinen Lädchen) aufwärmen und dafür ein Stück Brot und Käse kaufen. Nach 4 Stunden haben wir die 32 Kilometer bis Burgos bewältigt, rekordverdächtiges Schneckentempo und eigentlich typisch für Island. In Burgos aber werden wir belohnt mit einem Zimmer in direkter Nachbarschaft und mit Blick auf die weltberühmte Kathedrale. In einer Bar am Domplatz gibt es endlich die Pintxos, leckere kleine Häppchen auf Spießen, wie wir sie vor Jahren in Bilbao kennen und schätzen gelernt haben. Das Baskenland ist nicht mehr weit.

32 Km, 440 Hm, im besseren Schritttempo

Von Fromista nach Hontanas, durch den Wind

Nun muss wieder mal Chris de Burgh herhalten, ‘Blowing a hole in your life, Eastern wind‘ ist der Refrain aus dem gleichnamigen Song, der für den heutigen Tag geschrieben wurde.
Gleich am Ortsende von Fromista geraten wir in eine sandige Brückenbaustelle über den Canal de Castilla, deren Umfahrung nicht ersichtlich ist, außer natürlich für die Pilger, die ja aus der anderen Richtung kommen. Wir gelangen zurück auf den Schotterweg entlang des Kanals und nach einer Weile – oh Schreck – sehen wir ein Zeichen ‘EuroVelo 1’, die Pest ist zurück. Die Route führt alsbald auf einen übel steinigen Feldweg, den wir für ca. 10 Kilometer befahren müssten, ein Unding in Kombination mit dem Sturm und der Länge der Etappe, also finde ich einen Weg über eine schnurgerade Landstraße. Die Redakteure des Bikeline-Führers haben sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht, die Verhältnisse vor Ort zu prüfen, denn wann immer möglich, geht der Track über Feldwege, die z.T. nur wenige Meter neben wunderschönen Landstraßen ohne jeglichen Verkehr verlaufen. Nichtsdestotrotz verwirbelt der Sturm nicht nur die Klamotten sondern auch die Wahrnehmung, mit den Böen verflüssigen sich die Kornfelder plötzlich zu grünem Smoothie. Aus dem geplanten 2. Frühstück nach 27 Kilometern in Castrojeriz, rund um einen Hügel an den steilen Hang gebaut, wird nach 2,5 Stunden Kampf gegen den Wind die Mittagspause.
Fast den ganzen Tag fahren wir in einigem Abstand entlang eines gigantischen Windparks mit bestimmt mehr als 100 Windrädern, von denen nur eine Handvoll laufen – was ist da los? Wahrscheinlich produzieren die 5 Anlagen bei dem Sturm genug für einen sonnigen Sonntag in ganz Spanien.

Der weitere Weg nach Burgos mit mehreren Anstiegen auf unkalkulierbaren Feldwegen wäre noch 40 Kilometer lang. Wir beschließen deshalb eine Übernachtung in Hontanes einzuschieben, wo es in einer luxuriösen Pilgerherberge sogar noch ein Zimmer mit Bad gibt. Bis dahin sind es nur noch 10 Kilometer auf der Straße, leicht ansteigend. Unterwegs kommen wir an der bizarren Ruine des Convento de San Antón vorbei, vor hunderten Jahren als Pilgerherberge und Krankenhaus gegründet, stehen dort noch die Außenmauern einer prächtigen Kathedrale. Durch ein Seitenschiff führt heute die Straße, absurder geht es kaum. In den Ruinen findet sich ein kleiner Raum mit Stockbetten für die Pilger, sehr spartanisch aber die Kulisse ist spektakulär.

Die Landschaft ändert sich nun zum ersten mal seit Tagen: Hügel, Bäume, Bäche und Flüsse, eine richtige Abwechslung nach all der endlosen Ebene. Das kleine Bergdorf Hontanes erwartet uns auch wieder mit einer Baustelle und gesperrter Straße, die Räder müssen über die Gräben gewuchtet werden, durch die neue und vor allem dichte Wasserleitungen verlegt sind, was scheinbar in einem Mammutprojekt in ganz Spanien gleichzeitig passiert, die Wasserknappheit lässt grüßen.
In der Herberge haben wir ein sehr großes Zimmer und die Gesellschaft zahlreicher Pilger, die von ihren Wandererlebnissen erzählen. Waschmaschine und Trockner gibt es ebenso wie eine Bar mit Sonnenterasse. Das Abendessen wird, wie in einer alpinen Hütte gemeinsam verzehrt, Paella mit oder ohne Huhn.

38 Km, 335 Hm, wann hört der Sturm auf?

Von Sahagun nach Fromista

Die Strecke des Tages hätte ein Klacks sein können…. Nach dem ausführlichen Frühstück in einer kleinen netten Bar/Pastelleria unweit unseres Hostels starten wir um 10 Uhr. Kaum sind wir bergauf aus dem Dorf draußen, brüllt uns der Wind ins Gesicht. Da nützt auch die strahlende Sonne nichts. Die Strecke verläuft auf einer guten Landstraße, wenig befahren, in sanften Wellen sehr geradeaus leicht bergauf. Selbst in die Wellentäler muss man treten um nicht ganz stehen zu bleiben. Noch nie auf der Tour haben wir bisher unsere Stirnbänder benötigt, aber der Lärm und die Kälte sind ohne nicht auszuhalten, gut, dass wir sie dabei haben. Es wird zäh werden, nach einer Stunde erst 10 Kilometer! Die, wie immer zahlreichen Pilger, die uns entgegen kommen, haben heute manchmal einen mitleidigen Blick für uns – verkehrte Welt. Nach ca. 20 Kilometern zweigt die Strecke auf einen Schotterweg ab, eine Umfahrung auf den Landstraßen wäre nicht sinnvoll und außerdem würden uns die viele freundlichen Pilger fehlen. Bei dem Wind spielt der Untergrund auch fast keine Rolle. Es sind noch 17 Kilometer bis ins nächste Dorf, in dem wir Mittagspause machen wollen. Auf der Strecke wunderschöne Aussicht, hellgrüne Kornfelder (ist es krass grün oder grasgrün?), knallig gelbe Rapsfelder und erdige Äcker auf denen sich manchmal Staubteufel drehen.

Ziemlich fertig laufen wir in Carrión de los Condes ein, lassen das berühmte Kloster rechts liegen und uns statt dessen im Restaurant am Plaza Mayor nieder. Der Ober nervt, er serviert das Essen nur drinnen – also wechseln wir auf die andere Seite des Platzes in ein Café, dessen Ober sehr gut drauf ist und uns gerne draußen bedient.
Für die restlichen 20 Kilometer hat der Wind einen Gang runter geschaltet und wir erreichen Fromista gegen 4, die Hälfte des Rennstalls ist ziemlich fertig. Zur Ankunft in unserer sehr hübsch an einem kleinen Platz gelegenen Pension bekommen wir eine Dose Bier – wie aufmerksam! Die Gattin verkündet, heute nur noch unter die Dusche zu gehen. Bis zum Restaurant wären es nur 100 Meter, ich finde, Zähne zusammenbeißen, dann sollte das doch noch drin sein?

57 Km, 370 Hm, Nervtötender Gegenwind

Von León nach Sahagun

Frisch geölt kamen die Fahrräder aus der Wellnessoase des Hotels. Wir sind erst um halb 11 los gefahren, denn am Morgen hat es nur 3°, da warten wir lieber, bis es 7° sind und die Sonne schon etwas wärmt. Die Strecke ist heute flach und es weht fast kein (Gegen-) Wind, also fast optimale Bedingungen, wäre es ein wenig wärmer. Über den Tag kann man immer mehr von den warmen Sachen ausziehen, bis es um ca. 15 Uhr tatsächlich 20° warm wird.
Unterwegs treffen wir zum mittlerweile 4. Mal eine Schweizerin, die wie wir den Camino rückwärts bewältigt. Es ist die zweite Hase und Igel Story der Reise, wie kann es sein, dass sie (laufend) eine Woche lang immer wieder vor uns (radelnd) auftaucht und sich freut uns wieder zusehen. Des Rätsel Lösung ist, dass sie keine Pausetage einlegt und bereits früh um 7 aufbricht, ziemlich tough!
Nach 30 Kilometer machen wir Pause im Grünen, denn entlang des Pilgerwegs gibt es immer wieder Sitzgruppen mit Schatten, manchmal mit Brunnen, zum Rasten. Vormittags begegnen uns hunderte Pilger, nachmittags nur noch dutzende. Auf einer Länge von vielleicht 20 Kilometern verläuft der Pfad parallel zu einer kleinen Landstraße im Schatten einer halben Allee tausender Platanen, die gerade erste Blätter austreiben. Hübsche gelbe Blütentrauben säumen den Weg, sie schauen aus wie Raps, stinken aber nicht so.
An der letzten Brücke des Tages, am Ortsrand von Sahagun, wartet mal wieder eine Überraschung. Die Brücke ist gesperrt, sogar zu Fuß keine Chance. Es gibt lt. Google in leidlicher Entfernung zwei weitere Brücken zur Auswahl, eine rechts, eine links. Wir entscheiden uns für rechts. Leider ist es unmöglich von dem Feldweg auf diese Brücke zu gelangen, Böschung und Leitplanken. Also fahren wir weiter auf dem Feldweg parallel zur Straße in der Hoffnung, irgendwo eine Lücke zu finden, vergeblich. Irgendwann sind wir soweit außen herum gefahren, dass wir nun über die andere Brücke den Fluss queren und von hinten (nicht ohne eine weitere Anhöhe) endlich nach Sahagun gelangen.

Das Hostel ist von der einfachen Art, aber ganz ok. Sahagun ist ein nettes Städtchen, eigentlich noch ein Dorf mit einem kleinen zentralen Platz, auf dem am Abend mächtig was los ist, die Kinder spielen, während die Eltern in den Bars rundherum ihr Bierchen trinken.

61 Km, 315 Hm, wäre mehr drin gewesen, wären die Unterkünfte nicht ausgebucht gewesen – die Pilgersaison beginnt.

León, nur zu Fuß

Derweil die Fahrräder den ganzen Tag im Wellnessbereich des Hotels ausruhen dürfen, ist das Programm der Gattin ausnahmsweise nur halbtagesfüllend. Wir beginnen den Tag spät mit dem Frühstück, das uns immer noch vor kulturelle Herausforderungen stellt. Nie weiß man, was zum Kaffee gereicht wird und was extra bestellt werden muss. Diesmal werden wir nach unseren Wünschen befragt und bekommen dann ein Stück Tortilla (ungefragt), ein Brot mit Quacamole sowie eines mit Frischkäse und Walnüssen. Schlussendlich bezahlen wir 10 € für 3 Kaffee und 2 frisch gepresste Orangensäfte und gehen gut gefüllt in den Tag. Super günstig, verglichen mit den Raciones gestern (Ein Schälchen gekochte Champignonschnipsel, 9,5 €). Da stimmt doch was nicht…
Erster Programmpunkt ist das von Gaudi entworfene Casa Botines, das nach über 100 Jahren als Geschäfts- und Wohnhaus nun ein Museum ist, leider gerade in Restauration, aber dennoch geöffnet. Gaudi war wirklich ein genialer Architekt aber was ihm heute alles an konzeptioneller Absicht unterstellt wird, da habe ich doch meine Zweifel. Zitat: ‘Der Grundriss des Hauses ist ein Trapez, was sich im Sternbild Drache, Großer Bär, Kleiner Bär… wiederfindet’. Nun ja, 4 Sterne bilden immer ein Trapez, außer sie liegen auf einer Geraden…
Es gibt noch Reste der römischen Stadtmauer zu sehen und zu besteigen und dann natürlich die monumentale Kathedrale, deren Innenraum wir aus Protest nicht besichtigen, denn sogar von den Pilgern wird happiger Eintritt verlangt. Weiter schauen wir ein ehemaliges Kloster (San Marcos) von außen an, jetzt ein Parador, also ein staatlich geführtes Luxushotel. Einen schönen Ausklang findet der Stadtrundgang mit einem Martini/Negroni auf der Plaza Mayor in der Abendsonne bevor es durch enge Gässchen mit vielen hübschen Häuschen zurück ins Hotel geht.

Flach, flacher, von Astorga nach Leon

Heute früh ist es 8° frisch, mit dem strahlenden Sonnenschein aber gerade noch ok, es dauert bis zum späteren Nachmittag, bis die Temperaturen so mit ca. 16° ihr Maximum erreichen. Unterschiedlicher können Etappen kaum sein, waren wir gestern noch auf hohen Pässen in den Bergen, fast auf Schneehöhe, geht es heute meist nur flach und kilometerlang geradeaus durch Felder, Felder und Felder. Neben der Straße immer ein Bewässerungsgraben, mit einer hörbar dichten Froschpopulation, die einen doch sehr überschaubaren Lebensraum hat. Zwischendrin, ganz verstreut, Ortschaften, meist ohne irgendeine Infrastruktur, bis auf Hospital de Órbigo, wo wir für unser Frühstück, sehr frugal, mit Toastbrot und Tomatenmatsch aus der Portionspackung (wie Marmelade) zufrieden sein müssen (very local). Dafür haben sie hier eine lange romanische Brücke und eine vierfach bestorchte Kirche, oder wohnt in dem 4. Nest ein Kreuz?

Uns begegnen wieder viele Pilger, die alle ihren schweren Rucksack tragen. Unser Respekt vor deren Leistung steigt weiter, nicht nur die körperliche sondern auch die mentale. Straßen durch das Nichts fast bis zum Horizont, da sind wir in einer Viertelstunde durch und das Fußvolk marschiert hier über Stunden! Wenn im Sommer noch die Hitze dazu kommt, hört der Spaß ganz auf.
Der Anteil an Schotterstraßen steigt wieder an, aber zum Glück nicht auf ‘EuroVelo 1’-Niveau. Die Sicht auf die Bergkette im Norden ist bestimmt an die 100 Kilometer weit. Wenige flache Hügel sind nicht bewirtschaftet und prompt gedeihen prächtig viele Blumen, da machen wir gerne eine Mittagspause in der Wiese.

Wie immer ist die Querung des ‘Industrie-Gürtels’ einer großen Stadt wenig erquicklich, so auch in Leon. Die Stadt wollen wir morgen erkunden, denn ein Tag Pause nach 7 Tagen durch die Berge ist schon angesagt. Unser Hotel mit fürstlichem Eckzimmer liegt in einer Fußgängerzone, sehr gut getroffen. Die Fahrräder dürfen sogar im Wellnessbereich entspannen ;-), andererseits, da wären wir auch gerne rein…

52 Km, 375 Hm, war da was, oder war das schon der Pausetag?

Über den Alto de Foncebadon nach Astorga

Heute mal ausschlafen und in Ruhe frühstücken, auch wenn dieses sehr karg ausfällt, aber Kaffee und Orangensaft sind dafür herausragend. Ein Franzose auf einem noch nie gesehenen Zwitter aus E-Bike und Tretroller mit Einachs-Anhänger trifft, vom Pass kommend, ein und erzählt von seinen Knieproblemen unterwegs, die er mit diesem (Schrott-) Rad gelöst hat. Hoffentlich fährt er nicht zu schnell mit den winzigen Reifen -krass der Typ, wie so manche der Pilgerinnen und Pilger. Um 11 starten wir in die erste Spitzkehre, es ist steil und bleibt steil für die nächsten 4 Kilometer, ganz zum Schluss, als Sahnehäubchen, 16%, dann sind wir auf der ersten Passhöhe oben. Habe ich schonmal erwähnt welches Glück wir mit dem Wetter haben? An der Biscaya ist es bewölkt und kalt und wir sehen diese Wolken im Norden an der Bergkette hängen, wie sie es nicht herüber schaffen, fast wie bei Fön in den Alpen.

Auf nun 1500 m Höhe geht es ein paar Kilometer auf und ab, parallel zum Wanderweg, auf dem heute viele Pilger unterwegs sind, manche gehen auf der Straße, wahrscheinlich wegen wunder Füße. Die hier noch hellgrünen Bäume passen farblich hervorragend zu den violett blühenden Büschen dazwischen.
Wir erreichen einen berühmten Punkt des Caminho, das eiserne Kreuz, an dessen Fuß die Pilger einen von zuhause mitgebrachten Stein ablegen um symbolisch die Sorgen dort zu lassen. Mangels heimischer Kiesel hinterlassen wir ein Bonbon, ob das genauso wirkt? Eine asiatische Wandergruppe mit Busbegleitung amüsiert uns.

Hinter der nächsten Kurve überrascht uns ein atemberaubender Blick in eine schier endlose Ebene, durch die wir in den kommenden Tagen über Leon nach Burgos fahren werden. Jetzt liegen 700 Hm Abfahrt vor uns, der Lohn der Qualen der letzten Tage. Kurz machen wir noch Pause in Foncebadon, das sich von seinem Image als Geisterdorf etwas emanzipiert hat und zwei offene Wirtschaften hat, 2. Frühstück und dann bergab, fast ohne bremsen.

In der Ebene angekommen sind es noch 15 lockere Kilometer bis Astorga, unserem Tagesziel. Dort haben wir ein Zimmer im Hotel Gaudi direkt gegenüber des berühmten Bischofspalasts von Gaudi, den wir besuchen. Ein eigentümlicher Bau, in kein Schema passend, teuer und eigentlich nutzlos, denn der Bischof ist vor Fertigstellung verschieden. Aber die Handschrift von Gaudi ist unverkennbar, obwohl er im Laufe des langjährigen Baus aus Ärger über die ständigen Änderungswünsche des Auftraggebers entnervt hingeworfen hat.

Sonst ist Astorga durchaus urban, mit viel Fußgängerzone, gut versorgt mit Bars und Cafés. Es sei noch erwähnt, dass alle Glocken in Astorga defekt sind und die Uhrschläge klingen, als wenn man sehr lauf auf Kochtöpfe haut – entsetzlich nervig.

Heute 39 Km, 530 Hm, wieder im grünen Bereich.

Letzte ‘Quäl dich, du Sau’-Etappe (für diese Woche)

Angesichts einer weiteren anspruchsvollen Etappe (aber anders kommt man nicht über die Berge) sind wir in Villafranca früh aufgebrochen, nur schnell noch einen Kaffee in einer schon offenen Bar getrunken. Die ersten gut 20 Kilometer ging es relativ sanft auf und ab in einem nur leicht hügeligen Weinbaugebiet in Richtung Ponferrada. Die zu erklimmende Bergkette mit vielen Windrädern am Grat hatten wir schon im Blick. Ponferrada hat einen alten Stadtkern mit einer Burg, besteht im übrigen aber aus den bekannten Hochhausblöcken und endlosen Einfallsstraßen mit allerlei Fabrik- und Gewerbehallen. Für die Pilger eine gehörige Zumutung, die stundenlang da durch latschen müssen.
Nach einem ordentlichen Frühstück und einem belegten Baguette im Vorratsbeutel begann die als schrecklich eingestufte Bergfahrt auf den höchsten Pass des Jakobswegs, zunächst in das ganz hübsche Dorf Molinaseca mit einer romanischen Brücke und ein paar alten Kirchen (wie in jedem Dorf, ist eine Kirche nicht genug). Von hier an ging es in passabler Steigung durch ein weites, wunderschön grünes, blühendes Tal. Selten kommt ein Auto vorbei und wenn, handelt es sich meist um Pilgertaxis. Wir machen eine Pause in einem pittoresk, aber verlassen wirkenden Bergdorf.
Mit der Höhe ändert sich die Vegetation und die Weite des Blicks auf ferne Gipfel, dessen Genuss aber während der Fahrt zunehmend schwerfällt, es wird manchmal doch arg steil. Nach nochmal 100 Höhenmeter setzen wir uns, leicht unterzuckert, auf die Leitplanke und verputzen einen Teil des mitgebrachten Baguettes, aber nicht alles, denn wer weiß, ob es oben überhaupt noch was zu beißen gibt.

In El Acebo, unserem Tagesziel auf 1150m angekommen stellen wir erleichtert fest, dass es doch ein offenes Restaurant gibt und genießen Salat und ein Glas Bier, bevor wir die letzten 150 m zu unserer Unterkunft, einer Art Berghütte radeln. 39 Km, 930 Höhenmeter, morgen dann nur noch 350 Meter fies steil hinauf und wir sind für’s erste ‘über den Berg’.

Jetzt muss ich doch mal eine Lanze für die Pilger brechen, die sich hier genauso abmühen wie wir und letztlich dafür sorgen, dass es auch für uns Unterkunft und Verpflegung gibt, letztere oft in Form eines sehr günstigen Pilger-Menüs, 3 Gänge, einfach, aber zum Sattwerden. Außerdem stellen wir fest, dass diese Art des Reisens, mit einem fernen Ziel vor Augen, uns doch mehr mit den Pilgern verbindet als wir gedacht hatten. In den Ortschaften, bei der Rast, tauschen wir uns aus mit vielen Wanderern aus aller Herren Länder und treffen sogar ein Paar, dass auch, wie wir, ‘verkehrt herum’ unterwegs ist.

Nach dem Abendessen steigen wir ein kurzes Stück den Camino hinauf bis zu einem sensationellen Mirador, mit Bank und dem besten Sonnenuntergang der bisherigen Reise. Dazu hören wir aus Hape Kerkelings ‘Ich bin dann mal weg’ das Kapitel über El Acebo, an welchem Ort könnte es besser passen…