Grüßaugust auf dem Jakobsweg

Heute ein wunderschöner warmer Tag. Nach wenigen Km Bundesstraße zweigt die Route ab und folgt dem Wanderweg der Pilger. Das für sich wäre schon wieder eine Herausforderung (EuroVelo 3 😉 ) aber nun kommen uns verschärfend Heerscharen von Pilgern entgegen, die alle grüßen und man will ja nicht unhöflich sein… Sobald mehr als zwei gemeinsam marschieren, wird auch die volle Breite des Wegs in Anspruch genommen, was ja normalerweise kein Problem ist, wenn alle in die gleiche Richtung laufen (=> Lemminge). Gegenverkehr, noch dazu auf dem Rad, wird erst sehr spät als solcher wahrgenommen (=> Stöpsel im Ohr). So sind wir doch froh, als sich die Wege trennen und wir uns, zur Vermeidung der Bundesstraße, mal wieder Google anvertrauen und einen Umweg auf einsamsten, vor Jahrzehnten asphaltierten Feldwegen wählen. Die Gegend ist gottverlassen und nur ab und zu trifft man auf Bauern bei der Arbeit, auch mal eine kleine Schafherde mitten auf der Straße. Ein Schaf sticht durch einen erhobenen Schwanz heraus und kann auch bellen, einen Schäfer aber gibt es nicht. So schön der ruhige Weg durch Wälder und Wiesen ist, bezahlt wird mit vielen extra Höhenmetern. Die sehr schöne Mittagspause in einem Gartenlokal verdanken wir der Lage am Pilgerpfad, sonst wäre hier weit und breit nichts.

Vollgefressen nochmal 150 Meter hoch zu müssen ist zukünftig zu vermeiden. Dann aber kommt die Belohnung des Tages, 13 Kilometer auf bester Straße 400m bergab bis Portomarin. Bloß nicht an morgen denken, denn da müssen wir alles auf der anderen Seite des Stausees wieder hinauf. Heute 44 Km, 825m hoch, anstrengender als vermutet, der bikeline Führer gibt die Höhenmeter ca. einen Faktor 2 zu gering an.

Von Santiago bis Melide, es ist Sommer in den Bergen!

Schon vormittags sieht man in Santiago viele mehr oder weniger humpeln oder gar mit Krücken gehen, auch sind viele mit Rucksack unterwegs, also wahrscheinlich auf dem Weg nach Hause. Aber das sind wir ja auch. Nach einem spanischen Frühstück (Toast mit Tomatenpampe und Olivenöl, kann mit Serrano ergänzt werden) ändert sich unsere Reiserichtung um 90° in Richtung Osten. Erste Schilder mit ‘EuroVelo 3’ erschrecken uns, müssen es schon wieder Trampelpfade durch den Wald sein? Noch nicht richtig draußen aus der Stadt, wird es schon wieder steil und nach ein paar Kilometern geht es tatsächlich durch den Wald auf schlammigen, verwurzelten Pfaden in Richtung Flughafen. Von dort muss es eine Mini-Pilgerroute ‘zu Fuß in die Stadt’ geben, denn es kommen uns hunderte, meist Jugendliche, ohne Gepäck entgegen. Nach Umrundung der Startbahn kommt die Stelle, an der sich der Weg endgültig gabelt in Richtung Küste, der Caminho del Norte und nach Osten der Caminho frances.

Wir fahren auf sehr hügeligen aber ebenso verkehrsarmen Landstraßen durch das frische Grün der Wälder und Wiesen und begegnen immerfort Pilgern, einzeln oder in Gruppen, man muss unwillkürlich an Lemminge oder wenigstens Ameisenstraßen denken. Nach etwa 35 Kilometern erklärt sich die Ruhe auf der Landstraße, denn wir treffen auf das Ende einer neu gebauten Autobahn und von hier an ist es eine einzige LKW Kolonne, die restlichen 5 Kilometer bergauf bis Arzúa, wo wir Mittagspause machen und das GPS schon über 900 Höhenmeter anzeigt. Am Ende der Etappe, nach 56 Kilometern in Melide, sind es über 1300. Die GPS Daten der Etappe aus dem bikeline Reiseführers hatten 670 Höhenmeter versprochen. Der Redakteur, der die Daten so schön geglättet hat gehört fristlos entlassen. Gut ausgepowert haben wir uns, bei 30° auf der Anzeigetafel der Apotheke, ein Bier verdient

und später noch eins am zentralen Kreisel der Stadt, die ein bedeutendes Drehkreuz für Schwertransporte aller Art zu sein scheint. Immerhin, für das Abendmahl, auf dieser Reise das erste unter freiem Himmel ohne zu frieren, finden wir ein sehr nettes, ruhiges Gartenlokal, sogar mit Salat.
Mal sehen, was sich die Beine morgen früh noch gemerkt haben…

Die Würfel sind gefallen

Seit Monaten konnten wir uns nicht entscheiden, ob wir durch die Berge den klassischen Jakobsweg entlang fahren oder den Caminho del Norte entlang der Biscaya Küste. Jetzt ist entschieden, dass wir mindestens bis Leon auf dem Caminho frances, dem Vater aller Jakobswege fahren wollen. Letztlich gab es zwei Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben: 1. Die Route ist vom Bikeline-Reiseführer erstellt und die Beschreibung gibt eine gewisse Sicherheit, dass wir nicht zu oft Bundesstraße oder Schotterwege fahren müssen. 2. Die Wetterprognose für die nächste Woche könnte nicht besser sein, warm und sonnig, außer in der früh, aber vor 10 kommen wir sowieso nicht los. Dagegen sprach, dass zwei Pässe auf 1200m und 1500m zu überwinden sind. Wiederum durch die vielen Pilger ist aber die Unterkunftsdichte so hoch, dass wir die Etappen ‘für die Gattin’ passend schneiden können.
Außer den Planungsvarianten für die nächsten Tage haben wir dann doch noch ein bisschen Sightseeing in Santiago gemacht, da stach eindeutig die Kathedrale heraus, eher ein Witz war die Stadtrundfahrt mit so einem Bimmelbähnchen, das natürlich nicht durch die Altstadt fahren kann, statt dessen durch die Campusviertel und Parkanlagen gekurvt ist.
Die Kathedrale ist über 1000 Jahre alt, romanischer Stil. Schon der Grundriss ist ungewöhnlich und als der Blick auf den Altar für den Apostel Jakobus fällt, fällt die Kinnlade gleich mit – wir haben schon viele Kathedralen besucht, aber vergleichbares habe ich noch nicht gesehen.

Leider waren wir zu spät dran für ein Ticket zur Turmbesteigung, denn heute haben wir den Tag verbummelt wie noch keinen auf der Reise.

Santiago de Compostela

‘Buon Caminho’ grüßt man uns immer wieder unterwegs obwohl wir doch gar keine Pilger sind, entspricht aber in etwa dem uns geläufigeren ‘pfiat di’. Mit Fahrrad und Packtaschen steht man jedenfalls unter Generalverdacht.
Der Morgen ist sonnig, nur über den Muschelbänken steht noch der Nebel und es ist saukalt, jedenfalls einstellige Temperaturen.

Der Weg nach Santiago ist abwechslungsreich… Der Track verläuft uns zu häufig auf der extrem befahrenen Bundesstraße aber Google hat immer eine Idee, wie der Weg verkehrsarm laufen könnte. Eine der weniger guten Ideen war, uns auf den originalen Jakobsweg-Wanderpfad zu routen, denn nach den zahlreichen Regentagen gleicht der eher einem Bachlauf mit Schlammkulen, sodass sogar die Zu-Fuß-Pilger auf die Straße ausweichen. Die anderen Vorschläge aber waren brauchbar bis originell, entlang einer Bahntrasse mit viel Industriehallen (dafür flach), durch winzigste Gassen kleiner Dörfer, einsame Waldwege nebst zahlreicher Talsenken. So kommen über den Tag 660 Höhenmeter zusammen, obwohl Santiago nur 250 m über dem Meer liegt.
Am Nachmittag erreichen wir Santiago de Compostela und radeln durch die Fußgängerzone direkt auf den großen Platz vor der Kathedrale, den alle ankommenden Pilger zum Ziel haben. Das ist schon ein überwältigender und bewegender Moment so viele Menschen mit Rucksack, die sich glücklich in die Arme fallen, Fotos machen und dann einfach nur in der Sonne liegen und die Neuankömmlinge beobachten.

Das machen wir dann genauso bis wir später zu unserem Hotel aufbrechen, was in den engen Gassen mit vielen Treppen gar nicht so leicht fahrend zu erreichen ist. Unser Zimmer hat eine wunderschöne Aussicht aus einem kleinen Wintergarten-Balkon. Auf der Suche nach dem passenden Restaurant stromern wir am Abend durch die halbe Altstadt, das wollten wir eigentlich erst morgen machen, wie auch die Besichtigung der Kathedrale von innen.

Von Pontevedra nach Vilagarcia de Arouso

Den ganzen Vormittag hat es, wie vorhergesagt, geregnet, aber das soll der letzte Regen für die nächsten 2 Wochen gewesen sein! Wir dürfen bis 12 Uhr im Appartement bleiben und nutzen die Zeit für das Sammeln von Informationen für die Entscheidung, wie wir hinter Santiago weiterfahren – an der Küste der Biscaya oder den klassischen Jakobsweg durchs Landesinnere. Wir verlassen Pontevedra noch im Regen und fahren entlang der Küstenstraße, in dichtem Verkehr – lästig. Aber es zeichnet sich schon bald eine Besserung am Himmel und auf der Straße ab, ein letzter heftiger Schauer bei dem wir uns in einem Hauseingang unterstellen und die mitgenommenen leckeren Schinken-Tomaten Tostadas verspeisen, dann können die Regensachen ins Körbchen. Am nächsten Kreisel biegen wir rechts ab, hinauf in die Berge und es fahren fast keine Autos mehr auf dieser wunderschönen, aussichtsreichen Straße. Sogar die Sonne scheint und die Wolken werden weniger.

Bis auf 200 m geht es hinauf in dichtem Wald, dann auf langen schönen Abfahrten durch Weinberge hinab, leider kommt der Wind nun ganz falsch von vorne und das bei nur 13-15 Grad. In Cambados verpeilen wir die Mittagspause, geraten in ein Café, welches nichts zu beißen im Hause hat um dann bei einem 2. Stop mit reichlich Kuchen abgefüllt zu werden. Wir haben den kulturellen Wechsel von Portugal nach Spanien noch nicht verarbeitet: Die Sitte, zu jedem Getränk eine Kleinigkeit dazu zu stellen, Erdnüsse, Chips, Weingummis, wird sogar in manchen Cafés gepflegt und plötzlich hat man vier Stück Kuchen am Tisch, zwei gekaufte und zwei geschenkte. Dafür wird man beim Abendessen von Tapas (und was anderes gibt es nicht) keineswegs satt, von Salat ganz zu schweigen, der in Spanien wohl ausschließlich für den Export angebaut wird.
Von Cambados bis zu unserem Zielort Vilagarcia fahren wir nur noch durch aneinandergereihte Ortschaften ohne jeglichen Charme, schade. Plötzlich ein Fahrradladen, der offen hat und ich bekomme eine neue Trinkflasche. Ganz zum Schluss, die letzten beiden Kilometer, fahren wir auf der Strandpromenade, fast wie an der Algarve. Unser Hotel war verlockend günstig und liegt prompt an der Hauptdurchgangsstraße, immerhin mit Meerblick und Schallschutzfenstern. 42 Km, 550 Höhenmeter, die sich heute irgendwie nach mehr angefühlt haben. Morgen nehmen wir Kurs auf das nächste große Etappenziel, Santiago de Compostela.

Von Baiona über Vigo nach Pontevedra

Perfektes Wetter war angesagt, als wir losfahren regnet es, aber zum Glück nur kurz und nach dem Frühstück in einer Bar (‘very local’) scheint die Sonne und es bleibt den ganzen Tag sonnig. Heute wird es etwas anstrengender, Galizien besteht aus zu vielen Hügeln, den ersten müssen wir vor Vigo auf der Nationalstraße (=Bundesstraße) überwinden. Erfreulicherweise haben die großen Straßen hier meist breite Seitenstreifen, denn der Verkehr ist schon recht heftig, verglichen mit Portugal. Vigo ist eine Großstadt mit fast 300.000 Einwohnern und bis in die Innenstadt sind es locker 10 Kilometer durch Industriegebiete, Hafenanlagen und Vorstadt, teils müssen wir der Stadtautobahn ausweichen, kommen aber heil im Zentrum an. Dort bereitet man sich auf einen Mittelalter-Markt vor, mit marschierenden Trommlern und Fressbuden, die leider noch nicht geöffnet haben, bekommen dafür aber ein paar frische Austern, fast im Vorbeifahren, und landen dann in einem veganen Café mit ganz leckeren Avocado-Toasts, aber ohne Klo – brauchen Veganer das nicht?

Lange geht es weiter durch die Stadt, wieder bergauf und dann zufällig entlang einer stillgelegten und zum Flanieren ertüchtigten alten Bahnstrecke, das ‘gefällt’ schon aufgrund des stetig sanften Gefälles, endet aber unvermittelt und wir müssen wieder auf die Straße. Eine weitere Pause, diesmal mit Milchkaffee (statt Hafermilch) gönnen wir uns in Redondela unter einer imposanten Eisenbahnbrücke. Nach ein paar weiteren Kilometern, teils mit schöner Aussicht auf die verzweigte Bucht von Vigo, biegen wir rechts ab und gelangen über eine mittelalterlichen Brücke auf eine einsame aber immer steiler werdende Landstraße, die uns entlang eines rauschenden Bachs zur letzten Bergwertung des Tages führt. Der eine erreicht sie radelnd, die andere schiebend.

Bevor es endgültig bergab nach Pontevedra geht, geraten wir noch in einen Plausch mit zwei einheimischen Frauen, Mutter (93) und Tochter, die ob unserer Reisegeschichten (wir sind wieder im Spanischen unterwegs!) mehrfach die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Pontevedra ist eine mittelgroße Stadt, die seit 1999 die Innenstadt weiträumig (300.000 m²) zur Fußgängerzone gemacht hat (sehr angenehm!), wir übernachten sehr zentral in einem Einkaufszentrum, das ist jetzt aber gar nicht so schlimm wie man meinen könnte, denn das Appartement liegt im 2. Stock.
57 Km, 804 Höhenmeter, meist stressig wegen viel Verkehr, hochfrequentes Anpassen der Route zur Vermeidung unnötiger Steigungen und verkehrsreicher Straßen.

Adeus Portugal

Heute haben wir den 1000. Kilometer geradelt und den EuroVelo 1 verlassen, da er nur bis zur spanischen Grenze geht, Hurra. Davor haben wir aber noch einen Nachschlag an Unverschämtheit bekommen; man kann Radwege auch aus unbehauenen Natursteinen bauen, so wie wir das auf Transalp Routen erlebt haben, die für den Materialtransport im 1. Weltkrieg in den Berg geschlagen wurden. Nun aber sind wir erlöst und fahren auf einem perfekt angelegten Radstreifen entlang der Landstraße. Zuvor aber gab es noch ein kleines Abenteuer beim Grenzübertritt, der eine Überfahrt über den Rio Miño war. Als wir den letzten schlammigen Waldweg verlassen, landen wir direkt in den Armen von zwei geschäftstüchtigen Hasardeuren, die am Ufer ihre Nussschale liegen haben und uns anbieten, für 14 € hinüberzusetzen. Einerseits passt uns das sehr gut, denn die ‘Fähre’ (auch nur ein Wassertaxi) hätten wir knapp verpasst, andererseits macht uns das Boot und die Art und Weise des Angebots doch etwas skeptisch. Nachdem die Fahrräder in das Boot gehievt sind, fahren wir nur ein paar Minuten und werden dann mit etwas Schwung auf einem Sandstrand angelandet. Mit dem Hinweis, dass da bald ein Straße wäre, verabschieden sich die Bootsmänner eilig und fahren zurück, denn ihr eigentliches Klientel sind natürlich die Pilger, von denen sie keinen verpassen möchten. Wir schieben die Räder über den Strand und finden einen Holzweg und dank GPS + Karten auch einen Straßenanschluss. Wäre es nicht eine innereuropäische Grenze, illegaler und verwegener wäre die Einreise höchstens noch in der Nacht gewesen.

Der Weg entlang der galizischen Steilküste ist spektakulär, denn der Atlantik tobt sich hier immer noch aus, als wäre ein Orkan vorbei gezogen, dabei weht nur (zu unserer großen Freude) weiterhin ein Wind aus Süden mit vielleicht 30 km/h. Wir überholen zahlreiche Pilger, die oft entlang der Straße gehen müssen. Zu Mittag erreichen wir das Dorf Oia und kehren in das einzige Restaurant ein um einen leckeren Salat zu essen. Unsere Frühstückssemmel heben wir für den nächsten Stop auf. Erstaunlicherweise regnet es die ganze Strecke nicht, obwohl noch vor kurzem katastrophales Wetter vorhergesagt war. Die absolut besten Brecher sehen wir kurz bevor die Straße rechts abbiegt, in die Bucht von Vigo und es nur noch ein paar Kilometer bis zu unserem Ziel, Baiona, sind. 54 Kilometer, 450 Höhenmeter, perfekter Rückenwind.

Von Huelva nach Ayamonte

Wir lernen den EuroVelo 1 ‘Atlantic Coast’ Radweg kennen. Der Weg führt zunächst durch die Salzwiesen und bald in einen sehr hübschen Pinienwald. Zwischendurch kommen wir an ausgedehnten Orangenplantagen vorbei, von denen eine gerade abgeerntet wird. Später fahren wir an Plastikplanen-Behausungen vorbei, die sich auch in einen Slum in Kalkutta gut intergiert hätten. Wollen die Arbeiter das, um Lohn zu sparen oder müssen sie? Unklar…

Auch treffen wir einen anderen Radler aus Deutschland der von Rabbat nach Lissabon unterwegs ist. Er möchte ein wenig mit uns mitfahren, stellt aber fest, seine Ohrstöpsel verloren zu haben und muss umdrehen um sie (erfolgreich) zu suchen. Der Weg wird dann ein wenig sandig und dann noch etwas sandiger. Zum Glück treffen wir auf einen Bewässerungskanal, den seitlich eine ordentliche Straße säumt, so kommen wir aus dem Wald heraus in das nette Cataya für einen kleinen Snack. Danach folgt der Weg einem alten Bahngleis und die spanischen Tiefbauingenieure scheinen sich noch nicht einig zu sein, ob es reicht, Gleise und Schwellen zu entfernen oder ob man noch ein Schicht Sand über den Gleisschotter schütten sollte, um einen möglichst ungeeigneten Radweg zu bauen. Noch bevor diese Diskussion entschieden ist (oder sollten wir doch noch ein paar Matschkulen ergänzen?), endet der offizielle Weg (‘Via Verde’) an einer alten Brücke, deren Benutzung mit verschweißten Gittern vereitelt wurde, solange bis jemand einen Teil des Gitters aufgezwickt hat, um das Überqueren der Brücke auf schon ziemlich durchgerosteten Metallplatten mit wenig Geländer doch wieder zu ermöglichen.

Die Route hier ist auf der offiziellen Website mit ‘in Entwicklung’ gekennzeichnet – was Euphemismus wohl auf Spanisch heißt? Es wird nicht wirklich besser, wir weichen irgendwann auf die Straße aus und stellen erstaunt fest, dass es auf diesen einen mindestens einen Meter breiten Seitenstreifen gibt und die Autos zusätzlich sehr respektvoll Abstand halten.
Bald zweigen wir Richtung Strand ab und kommen durch die Isla Christina, die um diese Jahreszeit noch einen ziemlich öden und ausgestorbenen Eindruck macht, aber das Strandcafé war Spitze! Nun sind es noch gut 10 Kilometer schnurgeradeaus, durch ein Naturschutzgebiet mit zahlreichen Flamingos, bis Ayamonte, der letzten Stadt vor der portugiesischen Grenze auf der anderen Seite des Guadiana.

Dort haben wir das Glück, ein tolles Appartement mit noch tollerer Dachterrasse gebucht zu haben – nach 62 Kilometer mit viel Sand und Schotter eine schöne Belohnung.

Der Blick hinüber nach Portugal

Huelva, zwischen Sümpfen und Salzwiesen

Schon auf der Zugfahrt viele Kilometer vor dem Ziel fiel auf, dass das Tal des Rio Tinto eine einzige Sumpflandschaft ist, vielleicht auch aufgrund der Regenfälle der vergangenen Tage? Besonders pittoresk, dass auf jedem (!) Mast der zahlreichen Stromleitungen ein Storchenpaar nistet und ein Elternvogel die Stellung stehend hält, während der andere brütet oder auf Futtersuche ist, jedenfalls nicht zu sehen ist.

Huelva selbst ist nicht mit Sehenswürdigkeiten gesegnet, hat aber etliche sehr hübsche Häuser mit gekachelten Fassaden und scheint sonst eine ganz normale spanische Kleinstadt zu sein. Sofort ins Auge fällt aber die weiträumige Sperrung der Innenstadt für private KFZ, niveaugleiche Straßenpflasterung und Null Parkplätze an den Straßen, aber große ausgewiesene Sammelparkplätze außerhalb der Sperrzone. Entspanntes Flanieren, wohltuende Ruhe und ein breites Angebot kleiner Läden, aber keine der üblichen Modeketten. Man möchte manche Münchner Referatsabteilungen hierher gerudelt in den Zwangsurlaub schicken…

Auf einem etwas schmalen, aber hübsch am Ufer angelegten Zweirichtungsradweg fahren wir gestern Nachmittag entlang der Mündung des Rio Tinto aus der Stadt heraus bis zu einer großen Statue, die vor 100 Jahren zu Ehren von Kolumbus und seinen Kollegen von den USA gestiftet wurde. Erster Feindkontakt mit völlig verzogenem Kläffer. Die Einsatzpläne für die Verteidigung sind noch in der Erprobung, zwischen Hupe und Pfefferspray fehlt noch ein milderes Mittel als letzte Warnung (vielleicht eine Wasserpistole mit Essig?).

Heute sind wir in das Naturschutzgebiet Marismas de Odiel geradelt, zwischen der Rio Tinto Mündung und dem Atlantik vor den Toren der Stadt gelegen. Hier halten sich zahlreiche Wasservögel auf, darunter viele Flamingos, ein paar Seeadler, Löffelreiher, und, und, und. Gleichzeitig wird hier in Salinen großflächig Salz gewonnen. Und auf der anderen Seite des Rio Tinto ist immer die ausufernde Ölindustrie im Bild.

Dennoch eine schöne Tour durch viele Blumen und leckeren Queller, der für die Brotzeit hervorragend zu den Tomaten passt.

Nach 20 Km Fahrt kommen wir an einen menschenleeren und endlosen Strand. Da ist er, der Atlantik, der uns jetzt ein paar Tausend Kilometer nicht mehr aus dem Blick geraten sollte.

Wegen der vielen Muscheln wäre es viel zu gefährlich, baden zu gehen 😉 außerdem liegen auf dem Meer viele Öltanker, da besteht doch der Verdacht, dass das Meer nicht nur aus Wasser ist. Auf dem Rückweg genießen wir den Rückenwind, dessen Unterstützung wir uns auf dem Hinweg erarbeitet haben. Die erste nennenswerte Strecke von 45 Km ist geschafft und am Ende scheine ich mich für die nächste Runde qualifiziert zu haben. Morgen wollen wir die erste Etappe bis Ayamonte fahren, die uns unserem Ziel ein gutes Prozent näher bringen soll.

Weiter mit dem Zug nach Huelva

Einerseits – man soll sich ja schonen nach einer Covid Infektion und der Wunsch der Gattin war sowieso, die Tour mit dem Rad nicht durch die Industrie-Vororte Sevillas zu beginnen sondern lieber ein Stück mit dem Zug zu fahren. Es gibt einen direkten Zug nach Westen bis Huelva, Fahrräder kosten je 3 € und müssen bei der Buchung angemeldet werden (das geht natürlich online, wir sind ja nicht mehr in Deutschland).

Andererseits – kleiner Exkurs über das Bahnfahren in Andalusien – gibt es da meine Erinnerungen an die Zeit der lila Latzhosen, Ende der 70er. Es geht um Chris de Burgh, dessen Schnulzensammlung nach meinem heutigen Geschmack von Irland bis nach Gibraltar reicht, wären da nicht auch ein paar große vertonte Erzählungen dabei gewesen, die sich mir sehr eingeprägt haben. Und ‘Spanish Train‘ ist so eine Geschichte über einen nächtlichen Geisterzug zwischen ‘Guadalquivir and old Seville’.
Naja, wir werden vormittags fahren, da droht wohl keine Gefahr.

Für die, die sich in die Geschichte hinein begeben wollen; ich finde, sie hat durchaus einen aktuellen Bezug: Kann es sein, dass auch heute noch die Rechtschaffenen die Dummen sind und von den (Noch-nicht-) Potentaten der Welt über den Tisch gezogen werden?