Sevilla – über die Parallelen zu Pamplona

Weltberühmt oder berüchtigt ist Pamplona wegen der Anfang Juli stattfindenden Sanfermines, die Feierlichkeiten zu Ehren von San Fermin. Zentraler Aufreger ist die Hatz der Stiere und Ochsen durch die engen Altstattgassen. Sicher nicht ‘Tierwohl’ gelabelt.
Sevilla aber setzt noch eins drauf – die Veranstaltung wird ganzjährig nicht mit ein paar Stieren, sondern mit tausenden, ahnungslosen, oft ost-asiatischen Touristen durchgeführt. Hinter jeder Hausecke lauert die Gefahr: Taucht ein erhobener Regenschirm auf, heißt es schleunigst Deckung zu suchen. Ist kein Entkommen mehr möglich, schwappt oder stolpert tsunamigleich eine Welle meist stoisch auf das rote Tuch (=> Handy) fixierte Schar von 30-40 Reisegruppenteilnehmern an den Hauswänden hoch und über einen herein. Manche haben schon meinen Vorderreifen zwischen den Beinen, bis sie merken, dass es da so nicht weitergeht (um sie nicht zu reizen, habe ich auch nicht gehupt!). Stehen bleiben, um sich mal umzuschauen, ist auch keine Option, denn der nächste erhobene Regenschirm drückt schon von hinten nach. Da sollte PETA mal ein Auge drauf werfen, denn der Homo Touristicus gehört zweifelsfrei zu den Säugetieren, auch wenn er meist nicht verzehrt, sondern nur zur Erzielung von steigendem BIP gehalten wird.

Sevilla – in der Altstadt nur zu Fuß

Die Absichten waren sicher andere, als die mittelalterlichen Stadtplaner die Grundstücke mit Gassen und Gässchen zur Erschließung planten, aber heute sorgt die gebaute Enge für eine natürliche Filterung des Verkehrs: FußgängerInnen passen meistens durch (wenn auch nicht immer gleichzeitig in Gegenrichtung), Fahrräder kann man schieben, lässt sie aber besser irgendwo stehen, Autos laufen permanent Gefahr stecken zu bleiben (weniger im Stau als zwischen den Wänden), die wenigen Anwohner, die ein solches besitzen, werden sehr genau nachgemessen haben, bevor sie sich das Fahrzeug zugelegt haben. Ein goldener Boden für die Hersteller von Rückspiegeln…

Um sich besser vorstellen zu können, wie die Feuerwehr im Falle eines Falles anrückt, habe ich mal eine Visualisierung mit der KI NightCafe ausprobiert, nicht schlecht, nur den Feuerlöscher, den ich gerne hinzufügen würde, will die KI partout nicht.

Nicht unerwähnt sei, dass Pferde auch sonst in erheblichen Maße zum nicht-motorisierten Individualverkehr beitragen (N-MIV).

Das spezielle Futter für die edlen Andalusier Pferde wird sehr aufwändig manuell geerntet.

Sevilla – Alcázar

Die königliche Residenz Alcázar de Sevilla wurde im Mittelalter von maurischen Baumeistern errichtet (Mudéjar-Architektur) und über die Jahrhunderte von zahlreichen Herrschern ergänzt. Heute nutzt auch die spanische Königsfamilie Teile des weitläufigen Areals.

Ich habe den ersten Slot, 9:30, gebucht, das war eine sehr gute Idee, denn die gleichzeitig Eingelassenen verteilen sich schnell und so schlendere ich durch die leeren, stillen Räume und Innenhöfe. Angesichts des angekündigten Regens entscheide ich mich aber zuerst, die Gärten zu durchstreifen, deren volle Schönheit allerdings erst in ein paar Wochen, wenn alles blüht, zur vollen Geltung kommen wird. Überall duftet es nach Orangenblüten, gepaart mit dem süßen Duft der auf dem Boden aufgeplatzten überreifen Orangen.

Zurück im Palast, ist er nicht wieder zu erkennen, dicht drängen sich Reisegruppen und ein passables Foto zu machen ist nahezu nicht mehr möglich. Trotz dessen er viel kleiner ist als die Alhambra in Granada, verbringe ich mehrere Stunden dort.

Sevilla – Architektur und Gärten

Ein Highlight in Sevilla ist die begehbare Holz-Skulptur ‘Las Setas’ (‘Pilze’), angeblich die größte der Welt, vom deutschen Architekten Jürgen Mayer. Bei genauerem Hinsehen ist aber doch etwas Beton und ziemlich viel Stahl im Spiel, was wahrscheinlich auch besser so ist… Wir haben uns damit begnügt, von unten zu bewundern, denn 15€ Eintritt für das Dach fanden wir dann doch etwas übertrieben (der Reiseführer hatte noch 5 € versprochen)

Anlässlich der Expo von 1992 wurde Sevilla gehörig aufgepeppt, unter anderem mit dieser berühmten Schrägseilbrücke von Santiago Calatrava. Wie es allerdings ein freistehender Aufzugsturm der Fa. Schindler auf das Expo-Gelände geschafft hat, bleibt ein Rätsel.

Ein Glück für die Gärten Sevillas ist das reichliche Wasser des Guadalquivir. Viel Grün, viele Wasserbecken und Springbrunnen, natürlich Palmen, einige monumentale Gummibäume und hunderte Bitterorangenbäume, die besonders in der Innenstadt die Alleen zu solchen machen. Die Sittiche, übrigens, machen hier den Lärm, den wir zuhause von den Krähen kennen, sind aber irgendwie netter anzusehen.

Sevilla – Kirchen und Paläste

Es ist ja nun schone eine Weile her, dass Ferdinand der 3. mit der Reconquista 1248 gesiegt und die Mauren aus Sevilla (und zuvor aus Granada, etc.) vertrieben hatte und wahrscheinlich ist das auch der Grund, dass scheinbar niemand ein schlechtes Gewissen hat, all den Prunk dieser Paläste und Kirchen nach diversen Umbauten als ‘christliches Kulturgut’ zu etikettieren. Da empfiehlt sich die Lektüre ‘Im Schatten das Granatapfelbaums’ von Tariq Ali, auch wenn dies natürlich kein verifizierter Augenzeugenbericht ist.

Nach dem Café gibt es einen Slot für die Casa de Pilatos, ein herrlicher Stadtpalast im Mudéjar-Stil, das ist eine Kombination aus abendländischen und orientalischen Elementen, meist von arabischen Baumeistern erbaut, die heute ständige Restaurierungsbemühungen erfordern.
Die Osterwoche steht bevor und dafür werden von vielen geschickten Händen zahlreiche Palmstreifen kunstvoll verwoben.

Auf geht’s zur Kathedrale! Nach Kolumbus († 1505, später in Teilen in Sevilla bestattet) legten die spanischen Könige dann noch ein paar Schippen drauf, als die neue Welt entdeckt und Reichtümer von Übersee herbeigeschafft wurden .

Der fast 100 m hohe Turm ‘La Giralda’, von den Mauren errichtet, durfte stehen bleiben, immerhin. Nur die 22 Glocken ganz oben dürften nicht maurischen Ursprungs sein. Dort drängen wir uns mit gefühlt allen Schulklassen Frankreichs und Italiens die engen Rampen bis zur Spitze der Giralda empor. Die Aussicht wäre herrlich, aber das Gedränge nervt und wir steigen rasch wieder hinunter.

Für das viele Gold und Silber findet sich in der Kathedrale kein freies Fleckchen mehr. Sie wird wahrscheinlich in Ausmaß, Prunk und Protz nur noch vom Petersdom überboten. Aber Chor und Orgel haben die Christen wohl selber so kunstvoll hinbekommen.

Zwei Tage ‘Volles Programm’

Zur Anpassung an das spanische Leben, denn der Tag beginnt und endet hier spät, sehr spät, schlafen wir lange, sehr lange, nehmen einen leckeren Café con leche und ein Törtchen aus einer Pastelleria zu uns, um dann durch die engen Gässchen von Santa Cruz  durch den Duft der Orangenblüten zu schlendern. An jeder Ecke warten neue Verführungen in Form von Tapas oder weiteren Cafés. Auch den hiesigen Sherry, Manzanilla, kann man sich nur schwer entgehen lassen.

Es ist für meinen Geschmack die meiste Zeit des Tages ziemlich kalt, die Nachmittagssonne ist aber derart heiß, dass man sich nicht vorstellen mag, wie sich die herrliche Plaza España im Sommer genießen lässt.

Langsam nehmen wir Fahrt auf und schaffen es gerade noch Tickets für die unbedingt sehenswerte Flamenco-Show im ‚Museo del Baile Flamenco‘ zu ergattern. Ein bisschen auf der Dachterrasse chillen, noch ein Manzanilla und ein paar Tapas, schon ist der Tag um.

Zum Glück war am Tag 2 das Programm der Gattin, also meins, so vollgepackt wie in alten Zeiten. Nach Kathedrale und Palast geht es auf der anderen Seite des Flusses Guadalquivir weiter, im Viertel Triana, früher die Gegend der Fischer, Tänzer und Arbeiter. Dort gibt es eine Markthalle in der wir ein Baguette mit dem teuersten aller teuren Schinken, dem Bellota Pata Negra verspeisen und obligatorisch einen Manzanilla. Nun ist Zeit für eine Bootsrundfahrt auf dem Guadalquivir, und der Gatte beginnt zu schwächeln, also kurz nach Hause für eine Siesta, bevor wir in einer sehr kleinen Bar eine Flamenco Show ganz anderer Art erleben wollen.

Niko hat Fieber, wirft eine Tablette ein und wir gehen trotzdem.

Sevilla – Plaza de España

Dieser monumentale Platz mit den imposanten im Halbkreis angeordneten Gebäuden wurde vor fast 100 Jahren anlässlich der Ibero-Amerikanischen Ausstellung errichtet. Mittlerweile ist er derart vom Tourismus überrannt, dass es aktuelle Überlegungen gibt, Eintritt zu verlangen. Da mussten wir also noch schnell vorher hin. Heute sind dort zahlreiche Behörden untergebracht, aber die Treppenhäuser und einige Balkone sind öffentlich zugänglich. Die Sonne scheint schon recht kräftig, fast möchte man in den Schatten ausweichen – im Hochsommer bei über 40° im Schatten ohne Schatten lebensgefährlich…

Fliegende Händler versuchen ihre Fächer, Kastagnetten und Schals an die Touristen zu verkaufen, aber die Musiker und Tänzer liegen in der Gunst der Besucher weit vorne und das zurecht. Wer gerade kein Bargeld verfügbar hat, darf gerne auch mit Paypal spenden.

Abflug in den Frühling

Wider allen geunkten Schreckensszenarien wurde weder bei der S-Bahn noch beim Bodenpersonal des Flughafens gestreikt und auch die vom Piloten verkündete Wartezeit von 1,5 Stunden auf die Startfreigabe (weil keiner rechtzeitig kam, um die Koffer einzuladen) entpuppte sich als Flug-Ente und wir sind pünktlich in Sevilla gelandet. Sogar die Fahrradtaschen wurden nach einer halben Stunde Warten an der Sperrgepäckausgabe auf das Band ausgespuckt und sind heil geblieben.

Für die Verhandlungen zur Frage wie und wo unsere 8 m² Kautschuk Verpackung deponiert werden können, bestand das Reinigungspersonal darauf, ausschließlich Spanisch zuzulassen. Vor den Containern entpuppte sich der Zusammenbau der Räder dann doch als erheblich zeitintensiver als das Zerlegen daheim und so sind wir erst mit beginnender Dämmerung in Richtung Sevilla aufgebrochen. Das erste Stück der gerouteten 12 Km in die Stadt bedurfte ausgreifender Überzeugungsarbeit, da die Gattin nicht geneigt war, die Autobahnauffahrt als Teil der Streckenführung zu akzeptieren. Es gab aber bald eine kleine Ausfahrt auf einen sandigen Feldweg parallel zur Autobahn, der besser befahrbar war, als Google Streetview befürchten ließ. Nach wenigen Kilometern ging es auf einem ausgebauten Radweg weiter stadteinwärts. Die weiteren Radwege waren mit zahlreichen Schikanen gespickt, aber insgesamt haben wir zielsicher das Hotel erreicht, von wo wir, vom Concierge mit dem Schlüssel begleitet, die letzten paar hundert Meter zum Appartement durch die engen Gassen geschoben haben. Der kräftige Regenschauer des Tages traf uns gerade nicht! Unsere Wohnung liegt genial an der Mauer des Alcazar und einen Steinwurf von der mittlerweile angestrahlten Kathedrale La Giralda. Ruhig gelegen, außer vielleicht Pferdekutschen, mit Aufzug direkt in die großzügige und perfekt restaurierte Wohnung und noch einer Dachterrasse hat sich die Gattin mit dem komplexen Auswahlprozess wieder mal selbst übertroffen.

In der wohlverdienten, leckeren Tapasbar wurde uns von zahlreichen Stieren in den Teller geglotzt. Auf dem Heimweg haben uns die vielen duftenden Orangenbäume in fast voller Blüte betört, wir sind phantastisch angekommen!