Über den Oberalp Pass ins Rheintal nach Disentis

Bestes Bergwetter heute, kurz vor 10 fahren wir los, die ersten Serpentinen liegen noch im Ort. Es geht schön gleichmäßig hinauf und der Verkehr ist moderat, besonders Motorräder sind nicht so zahlreich wie befürchtet. Mit jeder Kehre wird die Aussicht besser, bald sind wir schon hoch über Andermatt, man erkennt das ganze Ausmaß der ‘ägyptischen Riesenbaustelle’. Sehr viel hübscher dagegen ein paar Kühe, wie hinbestellt vor prächtiger Alpenkulisse. Nach den Serpentinen kommt ein Hochtal durch das die Straße geradeaus, neben der Bahnstrecke in Richtung Oberalp-Stausee führt. Am Stausee, etwa 2000 M Seehöhe, liegen noch einige fette Schneefelder, mit dem Fernglas Richtung Furka geschaut ist es nicht verwunderlich, dass der Pass noch geschlossen ist, da oben ist noch alles komplett unter Schnee. Am See geht es durch eine Lawinengalerie an deren Ende die Passhöhe mit Skiliften und Bergrestaurant liegt. Auch hier noch mächtige Schneehaufen, aber bei 20° machen sie’s nicht mehr lange. Wir aber machen lange Pause bei Bündner Gersten-Süppchen und einem exquisiten Fenchelsalat. Nun haben wir also den geographischen Höhepunkt unserer Tour erreicht, nach fast 4000 Km und über 30.000 Höhenmetern geht’s nun abwärts Richtung Rheintal. Dessen Quelle liegt zwar nicht weit entfernt aber der Weg dahin ist noch unter viel Schnee begraben. Die Abfahrt vom Oberalp Pass ist schon ein besonderes Highlight, mit vielen Serpentinen und wenig Verkehr. Die Straße verläuft streckenweise richtig ausgesetzt, ohne jegliche Leitplanken, da wäre jeder Fehler todsicher tödlich. Weiter unten im Tal, mit weniger engen Kurven und etwas Rückenwind kann man es richtig laufen lassen, mit 65 Km/h überhole ich einen Mountainbiker, der Arme, mit seinen Stollenreifen hat er keine Chance mitzuhalten. Bis Disentis haben wir 800 Hm verloren, da bleiben nur nochmal 800 bis zum Bodensee für die nächsten 4 Tage.

Disentis wird dominiert von einem monumentalen Benediktiner Kloster, hoch über dem Dorf errichtet, mit üppiger Barockkirche, für die Größe des Ortes erstaunlich. Im Kloster finden sich Ausgrabungen von den ersten Strukturen, die ins Jahr 700 zurückreichen. Zum Koster gehört auch ein Gymnasium mit Internat. Auf einem kleinen Friedhof, auf einem Absatz vor der Kirche, liegen die Äbte des Klosters begraben. Leider haben sie nichts mehr von dem weiten Blick zum Lukmanier Pass von hier oben.

32 Km, 713 Hm, fast schon gemütlich auf den Oberalp Pass, Adrenalin-geladen hinunter

Furka Wintersperre extra für Susi um eine Woche verlängert

Noch nie in den letzten 20 Jahren wurde die Wintersperre so lange aufrecht erhalten. Erst hieß es, am 15.6. wird der Pass geöffnet, dann plötzlich wurde die Öffnung auf den 21.6. geschoben, ein Schelm, wer böses dabei denkt. Das kann doch kein Zufall sein, denn wir bzw. ich wollte am 17.6. über den Pass fahren.

Jetzt müssen wir den Zug nehmen, für 20 Minuten Fahrt 45€ bezahlen und zu sehen gibt es außer Tunnelwänden von Oberwald bis Realp genau nichts. Dafür waren die 25 Kilometer von Ernen nach Oberwald (meistens, aber nicht immer auf Asphalt) sehr schön zu fahren, durch üppige Wiesen, voller bunter Blumen, gerade noch nicht gemäht.
Die Rhône ist schön türkis gefärbt, das milchige Gletscherwasser überwiegt hier oben noch. Jetzt noch ein letzter Blick, denn näher kommen wir der Quelle am Gletscher nicht mehr, aber mindestens 800 von 814 Km sind wir an ihr entlang geradelt. In Oberwald wären wir gerne eingekehrt, aber der Ort ist wie ausgestorben, obwohl der Grimsel Pass ja schon geöffnet ist, vereinzelt ein paar Motorräder, die übrigen Fahrzeuge: Nur Porsche, Ferrari, etc. (darunter macht’s der Schweizer Rentner nicht).

In Realp halten wir den Zug an (das geht nur auf Knopfdruck) und wuchten die Fahrräder wieder aus dem Zug, moderne Bahnsteige werden gerade erst gebaut. Die 10 Kilometer hinab nach Andermatt rollen sich gänzlich von selbst, wegen des gesperrten Furka fährt hier auch fast niemand, genial. Fast wie eine Modelleisenbahn kommt der Glacier-Express hinauf gefahren, inmitten mächtiger Bergmassive.

Andermatt liegt in einem Kessel mit nur einem schmalen Durchbruch für den Fluss Reuss. Der Talboden wird von einer immensen Baustelle geprägt, hier wird seit 2009 von einem Ägyptischen Investor ein Mega 5 Sterne Tourismus-Komplex gebaut – es scheint einfach zu viele reiche Leute auf der Welt zu geben, die ihr Geld irgendwie loswerden müssen, dafür ist die Schweiz wirklich bestens geeignet. Wir haben nur ein bescheidenes Zimmer in einem älteren Hotel, mit Blick direkt auf den Beginn der Oberalp-Passstraße, da kann man sich mental prima auf die morgige Etappe einstimmen.

37 Km, 470 Hm, Etäppchen, wunderschöner Radweg durch die Bergblumenwiesen

Transalp-Feeling auf den letzten Kilometern des Rhône Radwegs

Bei strahlendem Sonnenschein und fast schon heißen Temperaturen in Brig gestartet, steht heute eine echte Bergetappe auf dem Plan, kurz aber knackig. Aus Brig heraus geht es noch ein paar Kilometer flach am Rhônedamm entlang, dann folgt ein Stück auf der Furkastraße mit viel Verkehr und mäßigem Anstieg – da schrumpfen die Kilometer zum Ziel, ohne dass Höhenmeter dazu kommen, ergo wird der Rest immer steiler werden – blöd. In Filet (Ortsnamen haben die Schweizer…) geht es endlich rechts auf eine Nebenstraße, die sich in einigen Serpentinen nach oben windet, ganz ohne Verkehr mit fetten Blumenwiesen, ein paar Kühen, alten Holzhäusern und Heustadeln am Weg. Zum Glück bleibt der Track länger als erwartet auf kleinen asphaltierten Straßen, meistens rauf, mal etwas runter, bei toller Aussicht auf die gegenüberliegenden Berge, z.B. das Bettmerhorn.

Dann kommt der Moment, wo die Straße endet und die Wanderwege beginnen, zunächst ganz passabel zu fahren, aber dann die erste Rampe mit den unten angekündigten 19%, immerhin kein loser Schotter, sondern schön betonierte Natursteine. Der Weg wird noch etwas schmäler und wald-feucht, es geht hinauf auf über 1200 Meter bis zu einer kleinen Kapelle, deren Vorplatz mit Bank zu einer Pause einlädt. Gleich unterhalb bimmeln zwei Kühe recht harmonisch abgestimmt, fast wie ein Gamelan-Orchester. Ein Schild klärt uns auf, dass wir uns auf einem Jakobsweg befinden, nur 2225 Km bis Santiago, soso.

Auf schmalem Waldweg müssen wir die mühsam erstrampelten Höhenmeter den Bremsscheiben zum Fraß vorwerfen, bis wir an eine alte ‘Römerbrücke’ kommen, die über einen ziemlich wilden Bach führt. Danach sammeln wir alle verlorenen Höhenmeter wieder ein, steil hinauf schiebend, bis endlich der Pfad an einer Straße endet, der höchste Punkt des Tages auf gut 1300 M.

Ab hier ginge es abwärts nach Ernen, unserem Tagesziel, aber da wir noch viel Zeit haben und es in die andere Richtung ganz spannend aussieht, wollen wir uns das näher anschauen. Die Straße verschwindet ums Eck in einem langen Tunnel, aber an der Hangkante verläuft der alte Weg durch die Twingischlucht sehr spektakulär aber praktisch eben in den Landschaftspark Binntal. Wir fahren erst um die erste Kurve, dann um die zweite und schließlich einige Kilometer bis ganz hinter zu einem kleinen Stausee. Unterwegs kommen wir an einigen Kunstinstallationen vorbei, auf dem Rückweg geraten wir sogar noch in die Vernissage dazu. Die Schlucht glänzt im Wortsinne mit einigen spiegelnd glatten, fast senkrechten Felsen, über die sich Bäche ergießen, in den Rinnen dazwischen liegt noch eine Menge dreckiger Lawinenschnee.

Zurück auf der Straße rollen wir konstant sanft hinab bis Ernen, direkt in unser Hotel, mit dem etwas phantasielosen Namen ‘Alpenblick’, aber von unserem Balkon sehen wir sogar das Finsteraarhorn, den höchsten Berg der Berner Alpen mit über 4200 M und die schönen alten Holzhäuser des Dorfes.

Weil es noch früh am Nachmittag ist, besuchen wir noch die nächste berühmte Hängebrücke in Mühlebach, noch länger, höher und deutlich nachgiebiger als die Milibachbrücke vorgestern. Spannend fand’s auch die Magengrube.

Zurück im Hotel habe ich die völlig abgefahrenen hinteren Bremsbeläge gewechselt, nach fast 30.000 Höhenmetern nicht gänzlich überraschend.

38 Km, 900 Hm, schieben auf steilen Wanderwegen, hat sich aber sehr gelohnt

Der Folterknecht in der Briger Therme

Schon die Römer schätzten das heiße Wasser der Quelle in Brigerbad. Heute ist es das größte Freiluft Thermalbad der Alpen. Gedacht war ein Tag der Entspannung für die Muskeln und Gelenke. Gemütlich sind wir mit dem Bus von Brig gekommen. An der Kasse bekommt man gar nicht günstig eine Tageskarte, aber sehr günstig ein großes Einmalhandtuch mit sehr geringem Kuschelfaktor. Auch die Sauna ist kein besonders heimeliger Ort, aber nach der ersten Stunde haben wir die Örtlichkeit gründlich erkundet und schon zwei Saunagänge hinter uns, als wir die Tabelle der Aufgusszeiten entdecken. Den macht der Schweizer Saunameister mit Ruhe, Musik aus der Soundbox und sehr viel Zeit. Die nächste Runde am Nachmittag übernimmt sein Kollege Milan, der den Aufguss ein wenig anders interpretiert, zwar auch mit Musik, aber nach der 3. Ladung Eiswürfel und noch 4 Kellen Wasser führt er mit seinem Wedel einen wilden Tanz auf, der die schnellere Hälfte der Badegäste sofort aus der Sauna treibt, die langsameren werden im heißem Dampf blanchiert und verlassen taumelnd mit Schnappatmung den Dampfgarer. Das erinnert uns sehr an den wahnsinnigen Filzhutseppl in der Söldener Sauna, der diese Folter allerdings zusätzlich mit einer ordentlichen Menge Willy angereichert hatte. Wir probieren dann noch die Thermalgrotten und das Freibad aus (herrlicher Blick in die Berge, nachdem es aufgehört hat zu regnen) bevor es, schon um 4 Uhr, einen Salat und einen Haps Nudeln gibt. Danach kommt der 5 Saunagang um 5, der aber glimpflich abläuft. Das lithiumhaltige Natrium-Calcium-Sulfatwasser wäre sicher bestens geeignet, die Batterien eines E-Bikes aufzuladen, ob es uns für morgen auflädt oder eher völlig ausknockt, wird sich zeigen.

Zurück in Brig stellen wir fest, dass das Städtchen am Fuße des Simplon Passes eine hübsche Fußgängerzone mit stattlichen alten Häusern hat. Besonders sticht das Stockalperschloss heraus, in dessen Umgriff auch das Koster liegt, wo wir unser Zimmer haben. Aus den vielen leeren Restaurants suchen wir uns eine ‘günstige’ Pizzeria heraus, Italien ist ja nur eine Passhöhe entfernt, da kann nicht viel schief gehen.

0 Km, 0 Hm, völlig erschöpft

Von Sion nach Brig, mit Seilbahnabenteuer

Das reichhaltige Frühstücksbüffet des Hotel Rhône dezimieren wir so gut es geht, denn es ist wirklich lecker, besonders die Grapefruit-Scheibchen, das Früchtebrot und die zahlreichen Käsesorten. Leider regnet es leicht vor sich hin als wir aufbrechen und wieder auf dem Rhônedamm entlang fahren, heute mal ausnahmsweise ganz ohne Wind. So geht das bis Sierre, welches die Grenze zwischen dem Ober- und dem Unterwallis markiert. Damit einher geht der Wechsel von Französisch zu Deutsch, was manches einfacher macht, aber man muss auch wieder aufpassen, was man so über die am Nachbartisch lästert. Zwischendurch wird das Tal eng, was zur Folge hat, dass die Autobahn zur Landstraße wird und auch wir da fahren müssen, zwar mit Randstreifen, aber mit übermäßig viel LKW Verkehr und hinauf geht es auch noch. Hinter Leuk geht es dann wieder gemütlich auf dem Damm entlang, allerdings haben wir übersehen, rechtzeitig eine Brotzeit zu kaufen, deshalb gibt es in einer Regenpause nur den kläglich Rest vom Vortag. Im nächsten ‘Supermarkt’ im Dorf Raron kauft Susi ein. Während ich warte, fallen mir in unmittelbarer Nähe zwei Seilbahnstationen auf, deren Zweck mir Google schnell erklärt: Zwei Bergdörfer sind mit diesen Bahnen erschlossen und oben gibt es zwischen Unterbäch und Eischoll eine ziemlich spektakuläre Hängebrücke. Wir beschließen, die Seilbahn genauer zu inspizieren, aber da ist niemand. Die Seilbahn wird von der Bergstation bedient, aber ich kann über ein kleines Kästchen Kontakt mit der Bergstation aufnehmen und so erfahren, dass wir die Fahrräder sehr günstig mit hinauf nehmen können. 5 Minuten vor der Bergfahrt öffnet sich die Tür und wir steigen in die Gondel, die uns in kurzer Zeit auf 1200 Meter hinauf befördert, so richtig in die Berge, mit Aussicht, etwas getrübt von den Regenwolken. Zur Hängebrücke sind es dann nur 800 Meter zu fahren, allerdings unvorhergesehen steil bergab. An der Hängebrücke machen wir Brotzeit und diskutieren die Optionen, wie wir wieder ins Tal kommen. Die Entscheidung fällt für die Variante mit zusätzlichen 200 Hm Anstieg, aber dann direkter Abfahrt nach Visp, wo wir sowieso durch müssen, auf dem Weg nach Brig. Die nur 2 Jahre alte, 65 m hohe Brücke ist nichts für schwache Nerven, aber die Schweizer sind ja ein robustes Bergvolk und haben keine Höhenangst. Die Straße führt durch das Dorf Bürchen (Bärchen wäre doch viel netter) und bald danach 700 Hm rasant hinab (bei 64 Km/h war die ‘Tachonadel’) in vielen Serpentinen nach Visp, das sich von oben und unten als grauenvoller Industrie- und Verkehrsknotenpunkt erweist. In der Fußgängerzone gibt es aber einen sehr gut gelungenen Cappuccino. Dann regnet es wieder und wir müssen noch 10 Kilometer weiter nach Brig. Unterwegs inspizieren wir das Briger Thermalbad, welches wir morgen, an dem längst mal wieder fälligen Pausetag besuchen wollen. In Brig schnell noch Bier für den Abend eingeladen und dann zu unserem gebuchten Gästehaus St. Ursula, einem ehemaligen Kloster, an der alten Simplonstraße gelegen. Natürlich ist das die vermutlich in Brig am höchsten gelegene Möglichkeit zu übernachten….

70 Km, 580 Hm, dämlich unentschlossenes Wetter

Von Vauvry nach Sion, rein in die Walliser Alpen

Blauer Himmel bei angenehmen 20°, aber das ist noch nicht alles, beim Blick auf die steilen Hänge sieht man, wie die Bäume sich im Wind biegen, taleinwärts, wie schön, da wollen wir auch hin. Das Panorama ist schon sensationell, mit schroffen Spitzen auf denen überall noch der Schnee liegt, mit einigen weißen Wolken um die Gipfel und den satt grünen Wiesen, mit vielen Blumen, unten im Tal. Der Radweg verläuft fast immer auf dem Rhônedamm entlang, manchmal auch auf der Straße und dann wird es gleich wieder unklar, weil Schilder fehlen und der Track nicht stimmt, aber heute war das nur kurz ein Problem. So haben wir relativ rasch die 35 Kilometer nach Martigny absolviert. Dort im Coop kaufe ich für die Brotzeit ein, nicht besonders üppig, denn auch die Preise im Supermarkt haben sich gegenüber Frankreich glatt verdoppelt. In Martigny finden wir eine Bank im Halbschatten auf dem zentralen Platz und das Baguette schmeckt mit Mortadella besonders gut.

Nach dem Kaffee geht es weiter in Richtung Sion, immer entlang der Rhône, die in Martigny einen 90° Knick macht und nun nach Osten verläuft. Wie durch ein Wunder macht der Wind aber die Kurve mit und bläst uns weiter kräftig in den Rücken. Hier wird das Tal wieder etwas breiter und eignet sich wohl besonders für den Obst- und Weinanbau. Hauptsächlich Birnen, aber auch Apfel und ganz wenige Kirschbäume. Das Bergpanorama der Zentralalpen ist hier nochmal besser. Kurz vor Sion findet sich ein perfekter Badesee für eine schöne Pause. Die Badesachen kommen jetzt schon das 2. Mal in 4 Monaten zum Einsatz! In Sion haben wir ein Hotelzimmer im 4. Stock mit Blick direkt auf die berühmte Burg, toll, die armen Fahrräder müssen aber in das 3. Untergeschoß. Im Bad machen wir unter dem Waschbecken eine grauenvolle Entdeckung: Eine Waage ;-(

68 Km, 320 Hm, sagenhafter Rückenwind

Adieu La France, Grüezi Schweiz

Der Sonnenaufgang, fein aus dem Bett zu beobachten sofern man die Augen schon offen hatte, setzte den Auftakt zu einem schönen Sommertag am Genfer See, unserem letzten Tag in Frankreich, nach ziemlich genau 6 Wochen.

Das Frühstück im Hotel de la Plage ist sehr gut, sogar mit Cappuccino, und ebenso sehr gut abgefüllt verlassen wir diesen unaussprechlichen Ort Excenevex. Die Strecke verläuft teils am See (unten), teils auf Landstraßen (oben) und dazwischen liegen immer ziemlich steile Anstiege bzw. Abfahrten. Der tolle Blick auf den See und das Nordufer verleitet uns dazu, immer wieder anzuhalten und mal auf einem Bänkchen Platz zu nehmen. So passiert es, dass wir zur Mittagszeit gerade mal 15 Kilometer weit gefahren sind und uns dennoch in Thonon-les-Bains an die, unter Platanen gedeckten Tische ins Restaurant setzen. Sehr unvernünftig, mehr als 40 Kilometer vor dem Ziel, aber im Nachhinein doch gut, denn anschließend kommen erstmal nur schrecklich stark befahrene Straßen und Industriegebiete rund um Évian-les-Bains. Der Ort hätte sicher einen Stop verdient gehabt, aber weil heute die sonst so vorbildliche Ausschilderung der Radroute versagt und uns das GPS mehrfach über einfach nicht vorhandene Wege und Brücken weist, sind wir so genervt von dem ewigen hin und zurück, dass wir einfach weiterfahren um voran zu kommen. Dazu kam, dass auch mal ein Umweg ausgeschildert ist, der hoch hinauf über irgendwelche Nebenstraßen verläuft, um einen Kilometer Hauptstraße zu vermeiden. Positiv schlägt aber zu buche, dass der angekündigte Gegenwind kaum zu spüren ist und gegen Nachmittag sogar in Rückenwind umschlägt.
Im abgewirtschafteten Französischen Teil von Saint-Gingolph gibt es als ‘letztes Café vor der Grenze’ einen Kiosk am Ufer, bei dem wir uns noch einen Kaffee gönnen, bevor es endgültig mit Frankreich vorbei ist.

Die Grenze ist sehr drollig: Ein Gittersteg ist über den See und die Mündung eines Bachs gebaut und endet an einem kleinen, mittlerweile funktionslosen Zollhäuschen und schon ist man im schmucken Schweizer Teil des Dorfes, indem sogar ein Zug im Bahnhof steht (die Fortsetzung der Bahnstrecke in Frankreich ist verfallen, die Franzosen haben ja auch genug Autos). Bald zweigt die Route von der Straße ab und führt an die Rhône, wo wir auf dem Damm fast direkt bis vor das schmucklosen Garni-Hotel in Vauvry radeln. Dort werden wir auf Deutsch begrüßt, wie nett, das hätte ich hier noch gar nicht erwartet. Zum Abendessen gehen wir ums Eck in ein ebenso schmuckloses Restaurant an der Hauptstraße und finden Salat und Nudeln auf der Speisekarte, fast wie daheim.

57 Km, 340 Hm, Sehr viel Verkehr auf der Küstenstraße, Track und Beschilderung bei der Qualitätskontrolle durchgefallen.

An den Genfer See nach Excenevex

In dem Dorf Vulbens gibt es eine Bäckerei, die uns mit einem üblen Kaffee, Orangensaft, Croissant und belegten Baguettes versorgt, zu konsumieren im Stehen neben der stark befahrenen Straße. Besser wird’s nicht mehr bis Genf. Es ist ziemlich frisch geworden und die Sonne lunzt nur ab und zu mal durch die Wolken, die im Laufe des Tages immer dichter werden. Der Weg nach Genf verläuft erstmal ganz hübsch durch auf wenig befahrenen Wegen wieder hinunter zur Rhône, dann gibt es eine Diskrepanz zwischen GPS-Track und Beschilderung, die dazu führt, dass wir einen ziemlichen Umweg und ein paar Serpentinen zusätzlich fahren. Jede Entscheidung zwischen zwei unbekannten Varianten kann zufällig richtig sein, meistens aber falsch, nur wegen Murphy. In einem der Dörfer fällt mir auf, dass die Radwegschilder eine Schweizer Fahne zieren und die Autos alle Schweizer Kennzeichen haben – wir haben also irgendwo völlig unbemerkt Frankreich verlassen. Bis Genf geht es durch hübsche Vororte, aber mit ständigen Richtungswechseln und Kreuzungen bis wir in einem Stadtpark hoch über dem Zusammenfluss von Arve und Rhône landen, der keinen Ausweg in die Stadt zu haben scheint. Von oben haben wir aber Aussicht auf Genf und erhaschen einen Blick auf die Spitze der berühmten Fontäne, die vom Wind ganz schön verweht wird. Als wir später am See ankommen, ist sie abgeschaltet – so ein Mist. Grund ist, das verwundert jetzt nicht wirklich, der starke Wind, der uns wie immer entgegen weht.

Mit Rat eines ortskundigen Opas finden wir einen steilen Serpentinenweg zu einer Brücke über die Rhône und gelangen dann endlich an das Ende des Genfer Sees, wo die Rhône sich unter der bekannte Mont-Blanc Brücke mit den Flaggen auf den Weg nach Frankreich macht.

Am See machen wir Mittagspause mit den mitgebrachten belegten Baguettes, die wir in weiser Voraussicht noch in Vulbens erstanden haben – ein Cheeseburger war an der Hafenkneipe für 24€ angepriesen. Genf ist die Stadt mit der zweithöchsten Millionärsdichte weltweit (nach Monaco) und da wundert es nicht, dass auch die Lebenshaltungskosten Weltspitze sind. Wir leisten uns einen hervorragenden Cappuccino, den besten seit Monaten und fahren dann weiter, auf der Südroute entlang des Genfer Sees, denn dann kommen wir bald wieder nach Frankreich – man muss den Aufenthalt in der Schweiz minimieren, das wird noch schmerzhaft genug, die nächsten Tage. Nun fahren wir durch eine landschaftlich sehr schöne Gegend und die Strecke verläuft meist etwas oberhalb des Sees mit grandioser Aussicht, auch auf einen kräftigen Regenschauer, der zum Glück auf der anderen Seite des Sees bleibt. In Excenevex haben wir uns im Hotel de la Plage eingemietet und genießen den Seeblick, leider ist das Wetter gerade nicht geeignet, sich auch nur in die Nähe des Sees zu begeben.
Das ist heute der letzte Abend in Frankreich, zum feinen Abendessen mit getrüffelten Orecchiette werden wir für die Frechheit, die Fontäne in Genf abzuschalten mit einem spektakulären Regenbogen entschädigt.

68 Km, 550 Hm, so ein Gewurschtel durch Genf

Durch die Jura-Berge nach Vulbens

Die Berge rücken nun nicht mehr nur optisch näher, auch die Route schwingt sich heute in die Hügel des Jura hinauf, denn die Rhône verläuft beim Durchqueren des französischen Jura in einer Schlucht, in der gar kein Platz für Straßen ist. Leider auch nicht für Radwege, d.h. wir fahren den ganzen Tag auf Landstraßen, die unterschiedlich stark befahren sind. Nachdem wir ohne Frühstück gestartet sind, freuen wir uns über den kleinen Markt in Seyssel, einem kleinen, hübschen Ort auf halber Strecke gelegen. Dort gibt es auch ein offenes Café, was erwähnenswert ist, denn heute ist Montag und da machen alle Franzosen das, was sie am liebsten machen, nämlich zu. Für die Brotzeit ist also schonmal gesorgt, obwohl wir noch ein Sortiment kleiner Käsestücke von gestern haben, welches aber im Lauf des Tages zu einem schmierigen Klumpen verschmolzen ist. Leider verpassen wir, wie so oft, rechtzeitig den besten Brotzeitplatz zu finden (Schatten, Aussicht, Bänkchen, ruhig gelegen, quakende Frösche sind die Mindestanforderungen) und müssen dann mit ein paar Steinen, viel zu dicht an der Bundesstraße, vorlieb nehmen. Den Käseklumpen interpretiert der Maître de Cuisine heute als Käsefondue ‘Brebis’ und das veredelt ihn sogleich in eine kulinarische Geschmacksexplosion, sogar ohne befürchtete Nachwirkungen. Das muss man den Franzosen lassen, die Phantasie bei der Benennung des Aufgetischten ist echt grenzenlos. Leben wie Gott in Frankreich eben.

Immerhin die Anstiege auf fast 600 m Höhe sind auf sehr schönen, ruhigen Nebenstraßen. An der engsten Stelle, dem Défilé de l’Écluse wacht eine alte Militärfestung ‘Fort de l’Ecluse’ in luftiger Höhe über dem Tal. Gleich daneben quert eine Eisenbahnlinie auf einer ziemlich spektakulären Brücke die Schlucht.

Noch einmal um die Kurve und wir sind in Vulbens, in dem wir ein Appartement haben, was auf seine Weise sehr an das ‘Loriot’- Zimmer von vorgestern erinnert – hier ist zwar nichts kaputt, aber das Haus und der Innenausbau sind so grottenschlecht aus lauter Restbeständen eines Baumarkts zusammen gestümpert, das es schon fast wieder als Kunst betrachtet werden kann.

51 Km, 640 Hm, Erste Berge nach 1 Monat flachradeln

Von Saint-Genix nach Chanaz

Unsere Besenkammer im Schloss hat uns gestern und heute so viel Freude bereitet, dass wir sie nachträglich das ‘Loriot-Zimmer’ nennen. Auch wenn das Bild nicht schief hing, war es doch eine Häufung von kuriosen Defekten, die wir so noch in keinem Zimmer bisher erlebt haben. Es begann mit der Zwangshandlung der Gattin, das Fenster zu öffnen, noch bevor die Zimmertür ins (verkehrt herum schließende) Schloss gefallen ist. Dabei verabschiedete sich die Vorhangstange nach unten, wo sie auf das lose Fensterbrett traf (das aber den Aufprall überstand ohne selber herunter zu fallen). Der ebenso lose Fensterrahmen blieb zum Glück auch in der Mauer. Die Steckdose kam als nächstes aus der Wand, dann folgten die Erlebnisse in der Dusche, deren Hahn durchdrehte und nur kochend heißes Wasser lieferte, aber mit etwas Mühe ward eine Stellung gefunden, die das Duschen ermöglichte, bis dann das heiße Wasser alle war…. Einen Lichtschalter im Bad gab es auch nicht, nur einen Bewegungsmelder, aber auch dafür fand sich eine Lösung. Schwieriger war es mit der Schiebetür zum Bad, die beim Schließen aus der Führung fiel und Susi mich von außen befreien musste (zum Glück war das Bad so klein, dass immer nur einer darin sein konnte). Es fehlte eigentlich nur die versteckte Kamera, um all das aufzuzeichnen 😉
Nach einem mäßigen (Hotel-) Frühstück rollten wir hinunter an die Rhône, wieder auf den Damm. Die Wetter-App hatte heute auch einen Aussetzer und bescherte uns leichten Rückenwind. In Belley, nach 25 Km gab es einen Carrefour-Supermarkt in ausreichender Größe um darin eine Frischtheke erwarten zu dürfen und tatsächlich gab es dort die beste gepfefferte Entenleberpastete der Welt. Diese und noch ein großes Stück fast abgelaufenen Roqueforts haben wir an einem sonnigen Platz direkt am Ufer genossen, mit Blick auf die Felswände des Jura, durch den sich die Rhône hier gegraben hat.

Chanaz ist nun gleich ums Eck, die Etappe fällt sehr kurz aus, weil wir gestern so viel vorgelegt hatten. Als wir vor dem Hotel ankommen fällt mein Blick auf einen kleinen Kiosk, der Bootstouren anbietet. Das nächste Boot geht in ca. einer Stunde und fährt eine große Runde von der Rhône über den Kanal Savières in den See Lac du Bourget (an dem der berühmte Kurort Aix-les-Bains liegt), da kaufen wir doch gleich mal Tickets und müssen die Strecke dann nicht mit dem Rad fahren (denn zum See wollte ich auf jeden Fall). Unser Hotel, gleich an der Schleuse zwischen Kanal und Rhône gelegen, ist ein zweckmäßiger, moderner Bau und der Mangel an Flair wird sehr gut kompensiert durch eine absolut defektfreie Elektro- und Wasserinstallation, die Vorhänge, die nicht mit dem Fenster kollidieren und anderen Annehmlichkeiten, wie z.B. Luftpumpen im Fahrradschuppen.
Die Fahrt mit dem Boot entpuppt sich als wahres Juwel touristischen Angebots, das sich sonst hier auf die durchgehende Beschilderung des Rhône-Radwegs beschränkt. Zuerst werden wir durch eine Schleuse auf das Niveau der Rhone angehoben, um dort eine kleine Rundfahrt zu machen, mit ausführlichsten Erklärungen des Kapitäns zu der Schleuse (von seiner Tochter bedient), den Wasserkraftwerken, Wassertiefen und anderen Details, nur für Einheimische verständlich. Dann geht es wieder zurück in den Kanal, der uns durch das sehr hübsche Dorf Chanaz führt und weiter einige Kilometer durch grünen Urwald bis zum See Bourget (der dem Gardasee sehr ähnlich ist), auf dem das Boot einen großen Bogen fährt um schließlich durch den Kanal zurück nach Chanaz zu fahren. Dort steigen wir aus, um uns noch ein Bierchen an der Mole zu gönnen, bevor wir zum Hotel zurücklaufen. Das Restaurant für’s Abendessen (mal wieder bodenständig mit Salat und Pizza) liegt gleich neben dem Hotel, was angesichts des aufkommenden Gewitters auch wieder sehr praktisch ist. Ein rundum gelungener Tag!

38 Km, 140 Hm, völlig unterfordert