Hinter den Dünen nach Saint Julien en Born

Die Dörfer an der Küste sind stark auf die Sommersaison ausgerichtet, um diese Jahreszeit ist noch vieles geschlossen und man tut gut daran, das im Hotel angebotene Frühstück zu nehmen, auch wenn Kaffee und Orangensaft nie das von Spanien gewohnte Niveau erreichen. Dafür wiederum sind Croissant und Baguette viel besser. Wir putzen alles weg, denn für ein 2. Frühstück gibt es kaum Gelegenheit. Heute fahren wir 45 Kilometer (zugegeben flach und ohne Wind) bis zur Mittagspause, denn vorher gab es nix. Die Route führt erst auf einer ehemaligen Bahntrasse entlang, asphaltiert und abseits der Straße meist durch hohe Pinienwälder, sehr angenehm. Weiter geht es fast den ganzen Tag auf einem angelegten Radweg durch die Dünenlandschaft, die aber oft dicht bewaldet ist. Abgeholzte Flächen sind schon wieder dicht bewachsen mit tausenden kleiner Pinien, die mit dem Ginster um die Herrschaft kämpfen (natürlich verliert der Ginster nach ein paar Jahren).

Gegen Mittag fängt es leicht an zu regnen, aber da will man nicht meckern, denn es war ursprünglich viel mehr Niederschlag angekündigt. In Contis les Bains machen wir Mittagspause in einem gut besuchten Restaurant, wo wir uns für das Mittagsmenü entscheiden. Die Wahl war gut und günstig zudem, bisher waren wir in Frankreich mit der Qualität des Essens immer sehr zufrieden. Die restlichen 10 Km fahren wir ins Landesinnere nach Saint Julien en Born, da haben wir ein relativ günstiges Appartement in einem 150 Jahre alten, hübsch im Grünen gelegenen Landhaus bekommen. In Meeresnähe ist es doch erheblich teurer, obwohl es wegen der Dünen sowieso keinen Meerblick gibt. Im Carrefour Supermarkt am Ort haben wir uns mehr als gründlich für das Abendessen eingedeckt, Pasteten und Käse, vive la France!

55 Km, 197 Hm, locker vom Hocker

Von Biarritz nach Vieux Boucau Les Bains

Nach dem letzten Hügel in Biarritz wird es tatsächlich flach… Bis weit hinter Bayonne fahren wir, zwar auf unsäglichen Radstreifen getrennt vom starken Verkehr, durchweg in bebautem Gebiet. Das bremst nicht nur das Vorankommen sondern dämpft auch die Laune. Auf der Straße fahrend wird man belehrt, den Radweg zu benutzen, nicht wirklich laissez-faire. In zwei Monaten Portugal und Spanien haben wir nicht einen Unfall beobachtet, schon am 2. Tag in Frankreich passieren wir (in der Stadt Bayonne) eine Unfallstelle an der ein Auto hochkant, völlig zerbeult, auf dem Fußweg liegt. Das ist jetzt nicht nur Zufall, man muss auf der Hut sein. Am Zebrastreifen wird nur angehalten, wenn eine Zebra queren will. Bayonne durchfahren wir ohne anzuhalten, aber mit einem Schlenker durch die Altstadt, die aus vielen hübschen Fachwerkhäusern besteht.
Hinter Bayonne nach Capbreton verläuft der Weg entlang von Kanälen durch Wälder abseits vom Verkehr aber über viele Kilometer durch eine Kette von Campingplätzen und Bungalowanlagen. Auch die ‘EuroVelo 1’ Markierung finden wir wieder und als neuer Gag kommt hinzu: ‘Route Inondé’, bevor wir es übersetzt haben, wird die Bedeutung auch so klar, als sich der Weg in einer weiten Wasserfläche verliert und wir, fast querfeldein, einen trockenen Weg zurück zur nächsten Straße suchen müssen. In Capbreton kaufen wir in einem spärlich sortierten Spar ein und lassen uns dann auf einem Treppchen am Strand nieder für die Mittagspause. Die Qualität von Brot, Käse und Pastete ist aber tatsächlich französisch gehoben und die Rechnung verglichen mit einem Restaurant sehr überschaubar. Den Café au lait, der hier Café crème heißt, bekommen wir im Strandcafé serviert. Nach Vieux Boucau fahren wir zwar ein Stück am Meer entlang, aber hinter der hohen Düne sieht man davon nichts. Insgesamt kein anstrengender Tag, aber auch ein Tag ohne ein einziges Foto gemacht zu haben, also eher langweilig. Erwähnenswert ist noch das Zimmer in unserem Hotel in Vieux Boucau, das zwei Nasszellen hat, jede mit 0,5 m² Standfläche und 0,25 m² Duschecke. Ideal für alte Menschen, die leicht mal umfallen im Bad.

59 Km, 232 Hm, die Radwege trainieren das hasenartige Kurven fahren, 90° rechts, links, rechts, links… und an jeder Einmündung hat natürlich das Auto Vorfahrt.

Adios España, von San Sebastian nach Biarritz

Das war ein nerviger Tag, obwohl ja mal die Sonne schien und es nachmittags sogar warm wurde. In San Sebastian gibt es feine Radwege, aber an der Stadtgrenze führt nur der eine Weg hinaus über eine 4-spurige Schnellstraße und der Verkehr bis Irun ist sehr dicht und LKW-lastig. San Sebastian und Irun haben Seehäfen und Bahnanschluss, also auch viel Industrie und Logistik. In Irun finden wir ein Fahrradgeschäft am Weg und ich kann die losen Kettenblattschrauben erneuern bzw. festziehen. Der Werkstattmeister verkauft mir sogar sein Spezialwerkzeug und ich kann mir in seinem Laden nach der Reparatur die Hände waschen – sehr nette Leute.

Wir machen in der schmucklosen Stadt ein 2. Frühstück und dann geht es ohne irgendeinen Hinweis bei einer Brücke rüber nach Hendaye in Frankreich – man merkt es eigentlich erst an der merkwürdig anderen Sprache. Es geht am schönen langen Strand entlang, viele Surfer sind im Wasser aber nur wenige sieht man mal auf dem Brett. Zurück auf der Landstraße muss man feststellen, dass die Franzosen eindeutig zu viele Autos haben, dieser unablässiger Verkehr nervt gewaltig. Wir verlassen die Landstraße und geraten auf eine übel steile, schlechte Nebenstraße, die auch noch renoviert wird, d.h. Baufahrzeuge und loser Split. Aber ruhig ist es hier und die Aussicht ist in alle Richtungen toll, rückwärts die Ausläufer der Pyrenäen, vorwärts der Atlantik mit dem Städtchen Saint Jean de Luz.

Saint Jean de Luz ist nett hergerichtet mit einigen Fachwerkhäusern, Fußgängerzone und vielen Cafés. Es wimmelt nur so von Menschen, völlig unerwartet. Wir machen eine Mittagspause mit leckerem Salat, preislich leider auf Münchner Niveau, außer das Bier, das doppelt so teuer ist.
Noch sind 20 Kilometer entlang der Küste zu fahren und es geht keine 100 m eben dahin, nur rauf oder runter, durch Dörfer und schicke Ferienhaussiedlungen bis Biarritz. Dort wartet ein nettes älteres Ehepaar in seinem Hotel auf uns, wo wir ein ziemlich winziges Zimmer haben. Es liegt aber nah am Meer mit einer kleinen sandigen Bucht, auf deren einer Seite spannende Felsformationen ins Meer ragen, auf die eine Brücke führt, von der man des Brechen der Wellen aus nächster Nähe beobachten kann.
Insgesamt hat der Ort wohl seinen Zenit überschritten, das mondäne Seebad ist schon lange nicht mehr Ziel der Haute Volée.

Zum Abendessen gibt es Galettes und Crêpes mit einem guten lokalen Weißwein (aus der Gascogne).
58 Km, 812 Hm, zu viel Verkehr, ständig unterbrochene Radwegfragmente, anstrengendes Stop & Go!

Regenpause in San Sebastian

Nein, nicht der Regen macht Pause, wir machen Pause und es regnet durchgehend bis zum Nachmittag, dann kommt die Sonne mal hervor und es regnet nur noch ab und zu. So ergibt sich die Möglichkeit, von unserem Hotel über den Strand in die Stadt zu laufen und unterwegs an den Felsen ein wenig die Fitness zu verbessern.

In der Stadt fallen wir wieder von einer Pintxo Bar in die nächste. Dann ist nach diversen Gläsern Wein Sendepause:

Via Verde, Teil 2 bei Sonnenschein, nach San Sebastian

Der Wirt ist sehr um das Wohl seiner einzigen Gäste bemüht, ich darf den Kaffee sogar Susi ans Bett bringen, sie hat heute nämlich einen Muskelkater (warum können wir uns beide gar nicht erklären).

Heute stehen die Sterne besser, die Sonne scheint und es soll sogar warm werden. Noch besser: Es geht ans Meer, 450 m nur abwärts. Solche Aussage zu treffen ist aber heikel, denn schon beim nächsten Bordstein wird es heißen, schau, es geht niemals nur abwärts!
Die Via Verde del Pazaola erreichen wir tatsächlich nur wieder über einen mäßig steilen Anstieg aus dem Ort heraus, aber dann! Auf 25 Kilometer geht es durch ein unberührtes, unbebautes Flusstal, keine Straße, keine Menschen. 47 Tunnel sind es insgesamt, heute waren noch ca. 40 übrig, deren Beleuchtung allesamt defekt war, aber wir haben ja Licht am Rad und das ist tatsächlich hilfreich, um den ärgsten Tunnelduschen ausweichen zu können. Trotz Sonnenschein ist es in dem Tal noch frisch und in den Tunneln sowieso. Natürlich gibt es auch viele Brücken, auf denen man sich wie in einem Baumwipfelpfad fühlt. Ein merkwürdiges Viadukt steht quer im Tal, wozu wurde es erbaut, zwischen steilen Hängen ohne einen ersichtlichen Anschluss?

Nach zwei Stunden gemütlichen Hinabrollens, allerdings auf recht ruppigem Untergrund kommen wir in Andoain an und setzen uns im Schatten eines Baumes ins Café für ein zweites Frühstück. Es sind dann noch gut 20 Kilometer bis San Sebastian, weitgehend entlang des Flusses Urumea, auf schönen Radwegen bis ans Meer. Dann geht es in die lebhafte Altstadt zur Konstituzio Plaza auf ein Bier, bevor wir entlang des spektakulären Stadtstrands Playa de la Concha (weil er so perfekt muschelförmig in einer Bucht liegt) zu unserem Hotel radeln. Das Eckzimmer hat einen Ausblick auf Meer und Strandpromenade fast wie in der Karibik. Und dann gibt es genau eine Stunde mit optimale Bedingungen um am Strand in der Sonne zu liegen, bevor ein Sturm aufzieht und das schlechte Wetter von morgen ankündigt.

50 Km, 208 Hm, völlig eingedreckelt von der matschig-nassen Via Verde

Das Video der Via Verde del Plazaola Teil 2 ist ungeschnitten, also länger als üblich und ist mehr der eigenen Erinnerung an diese wunderschöne alte Bahntrasse gedacht.

Von Pamplona nach Leitza

Ein krasser Tag! Wir haben uns ködern lassen von der Tourismus-Marketingabteilung der Provinz Navarra. Versprochen wurde uns eine Via Verde del Plazaola, ich würde die Strecke eher als Via Mierde bezeichnen. Im Prinzip entlang der ehemaligen Bahntrasse einer Schmalspurbahn von Pamplona nach San Sebastian, entpuppt sich die Route über die ersten 25 Kilometer als eine einzige Zumutung, eine stete Folge steiler Rampen von bis zu 20% zwischen Autobahn und Bundesstraße geführt, beide mit heftigem (LKW-) Verkehr. Zugegeben, für die einstelligen Temperaturen, den Gegenwind und den Nieselregen ist niemand irdisches zuständig, aber es kombiniert sich heute mal wieder alles ungünstigst. In Irurtzun wärmen wir uns das erste Mal in einem Café auf, dann noch mal in Lekunberri, 10 Km weiter. Die Straßen zwängen sich durch ein enges Tal zwischen Felstürmen hindurch, es erinnert uns sehr an die Brennerautobahn, gesehen von der Landstraße.

Erst ab Lekunberri zweigt die Straße bzw. jetzt tatsächlich die Bahntrasse in ein Seitental ab und es kehrt Ruhe ein, die Adler kreisen über uns, oder sind es Geier? Die Via Verde ist nun wirklich so grün, wie angepriesen, dichter Wald schließt sich über den Felsen, mal fährt man durch überwucherte Schluchten, dann wieder aussichtsreich an der Wand entlang bis zum nächsten Tunnel. Das Highlight ist ein 2.7 Km langer Tunnel mit (fast) automatischer Beleuchtung, der nach dem höchsten Punkt der Route nun leicht abwärts verläuft und sich fast mühelos rollend passieren lässt. Zwischendrin tropft es aber heftig von der Decke und an einer Stelle fließt förmlich ein Bach aus dem Berg in den Tunnel und hat dabei wunderschöne Ablagerungen wie in einer Tropfsteinhöhle gebildet, erstaunlich, nachdem der Tunnel ja nur ca. 150 Jahre alt ist. Hinter dem Tunnel fahren wir entlang steiler Bergwiesen, sehr hübsch dekoriert mit Schafherden.

Bis zu unserem Ziel, Leitza, zieht sich die abfallende Bahnstrecke, wenngleich durch wunderschöne Berglandschaft verlegt, in der Kälte wie Kaugummi in die Länge, immer wieder Kehren und Tunnels bis es endlich einen Anschluss an die Straße in den Ort gibt. Obwohl nahe an einer behandlungsbedürftigen Unterkühlung trinken wir, ein wenig von Sinnen, an der Hotelbar ein Bier und versuchen dem Redeschwall des Barkeepers (und Hoteliers) zu folgen. Hier kommen keine Pilger des Wegs und so werden wir als exotische Fahrradfahrer in dieser Bergregion erstmal gründlich ausgefragt.

53Km, 639 Hm, zu feiern gäbe es doppelt, den 2000sten Kilometer und den 20.000sten Höhenmeter, nur ist uns dafür zu kalt.

Von Cirauqui nach Pamplona

Um 9 Uhr werden wir hier schon rausgeschmissen – Pilger Albergo eben. Aber in der Bar haben wir gestern Abend schon geklärt, dass sie heute – trotz Sonntag – schon um 8 Uhr öffnet. Fast sind wir alleine, auf jeden Fall sind die verhinderten Tenöre nicht mehr zugegen. Beim Aufbruch mache ich noch ein Foto von einem sehr urigen (Kaugummi-)Automaten, der aber keine Kaugummis sondern kleine Konservendosen, z.B. mit Oliven ausspuckt, very local!
Für die Fahrt durch das Dorf hinunter auf die Straße reichen gute Bremsen alleine nicht, die Nerven müssen da auch mithalten, das würde jeden Bikepark veredeln. Landschaft und Wetter sind heute absolut top. Ein Blick zurück nach Cirauqui und dann hinein in die allerbeste Abfahrt nach Puente la Reina, sie gehört zu den Top 5 der Reise bisher. Auch die alte Brücke über den Arga ist ein Hingucker, besonders weil sie sich so perfekt im Fluss spiegelt.

Dann geht es aber 300 Hm hinauf auf den Alto de Perdón, ein Höhenzug zwischen Puenta la Reina und Pamplona. Da sind wir mal wieder brav-blöd dem Jakobsweg nachgefahren, obwohl man bequem auch am Fluss entlang nach Pamplona hätte fahren können.

Nach einer Pause auf der Passhöhe geht es eisig kalt bergab, so dass wir uns am Fuß der Abfahrt in einem sonnigen Café in Astrain (so heißt der Ort wirklich) wieder aufwärmen müssen. Der weitere Weg nach Pamplona ist einladender als bei den anderen Großstädten bisher und führt durch viel Grün und auf schönen Radwegen bis zur Plaza de Castillo, dem Hauptplatz, der mit seinen umgrenzenden Häusern zu den schönsten Plätzen Spaniens zählen kann, zumindest nach unserem Geschmack.

Als absolut unerfahrene Touristen lassen wir uns im Restaurant Windsor nach Strich und Faden abzocken – wie blöd kann man sein, ein Blick in Google hätte genügt! Das trübt aber nicht die Freude darüber, die lange und auch anstrengende Passage des Jakobswegs geschafft zu haben – ab morgen werden uns die Pilger fehlen und nicht nur, um den Weg zu finden. In unserem Hotel in der Altstadt führen die Räder wieder mal ein Luxusleben und dürfen die ganze Nacht in der Rooftop-Bar abhängen.

Pamplona hat ja einen USP (unique selling point) wie München das Oktoberfest: Die Stierhatz zu Ehren des San Fermin alljährlich im Juli. Da wir nicht so viel Zeit haben, begnügen wir uns mit je einem Foto der Calle de la Estafeta, durch die die Stiere getrieben werden und einer Skulptur (vielleicht zu zu Ehren der 15 toten Menschen in den letzten 100 Jahren?) Die Stiere jedenfalls sind hinterher alle tot, weil das Ziel des Laufs die Stierkampfarena ist. Das Nachtmahl bestand heute aus 15 verschiedenen, auch sehr phantasievollen Pintxos, diesmal mit nur 7 Glas Wein.

37 Km, 600 Hm, heute ist beinahe das Kettenblatt von der Kurbel abgefallen

Von Logroño in das kleine Bergdorf Cirauqui

Es regnet schon beim Aufwachen, das hebt die Stimmung natürlich nicht. In der Tiefgarage des Hotels packen wir auf und uns ein in die Regensachen. Obwohl es nur 300m zum Café sind, kommen wir schon nass dort an. Nach dem Frühstück aber ein kleines Wunder, es hat aufgehört und bleibt den ganzen Vormittag trocken. Fast noch in der Stadt geht es steil bergan und es kommen uns schon Pilger entgegen gelaufen, obwohl wir doch heute so früh losgefahren sind. Anfeuerungsrufe der Koreaner brauchen wir gerade gar nicht! Etwas verschlungen geht es unter mehreren Autobahnen hinab und hindurch bis wir auf die Landstraße kommen, die wir bis Pamplona nicht mehr verlassen werden. Sie verläuft zwar oft in Autobahnnähe, das hat aber den Vorteil, dass wirklich kein Verkehr stört. Unvermittelt sind wir aus La Rioja schon wieder draußen und nun in der Provinz Navarra. Die Landschaft ist hier für’s Auge eine wahre Freude, für die Waden eher anstrengend. Fast als würde man durch das hessische Bergland radeln.

Die erste Pause machen wir in Los Arcos nach fast 30 Km in einer Bar mit sehr leckerem Bocadillo Jamon. Als wir wieder auf die Straße treten, sehen wir uns einer schwarzen Wolkenwand gegenüber, beschließen aber doch weiter zu fahren. Nach ca. 5 Km holt uns das Unwetter mit Hagel und Sturmböen ein, gerade noch rechtzeitig haben wir die Regensachen angezogen. 200 m weiter kommt eine Autobahnunterführung in der wir das schlimmste abwarten. Der Blick nach Westen zeigt nach wenigen Minuten schon wieder blauen Himmel und wir fahren weiter, obwohl es noch regnet, sogar die Sonne kommt raus und es regnet immer noch weiter, da war wohl noch viel Wasser in der Luft.

Der nächste größere Hügel belohnt mit einer sehr flotten Abfahrt nach Estella, wo wir noch eine Pause einlegen, da es wieder zu tröpfeln anfängt. Als wir das urige Städtchen verlassen, fängt es wieder an zu regnen, das ist heute langsam lästig. Nochmal geht es runter und vor dem nächsten Anstieg scheint wieder die Sonne, also nochmal alles ausziehen. Im letzte Anstieg vor dem Ziel zeigt ein kurzer Blick auf das Regenradar, dass wir noch eine halbe Stunde Gnadenfrist bis zur nächsten Gewitterzelle haben. Bis Cirauqui ist es zwar nicht mehr so weit, aber das Dorf liegt auf einer kleinen Bergspitze und die Straße ist krass steil, Google schickt uns mal wieder über Treppen, für die ich mit Intuition eine Schiebestrecke als Alternative finde. Als wir das Albergo auf dem absoluten Gipfel des Dorfes erreichen (wer hat das wohl gebucht?) donnert es schon ordentlich. Um Haaresbreite schaffen wir es, das Gepäck hinein zu tragen bevor das Gewitter mit Hagel und Sturm über den Kirchplatz fegt. In unserem Zimmer geht, oh Schreck, die Badtür nicht auf – bis das repariert ist, gibt uns der Wirt ein Bier aus. Das Zimmer selbst ist von der ganz besonderen Sorte, mit phantastischem Ausblick über halb Navarra (ist ja nicht so groß, die Provinz). Das Abendessen wird in der Pilgerherberge gemeinsam eingenommen, sehr stilvoll im ehemaligen Weinkeller des Hauses. Heute gibt es Kichererbsen-Eintopf. Leider zählen Kichererbsen nicht zu den anerkannten Allergenen, so muss ich sie auch essen, aber es schmeckt gar nicht so schlimm wie befürchtet.

Die Häuser Cirauquis sind in einem totalen Chaos auf dem Berg verteilt worden, so verwinkelt, dass man sich sofort verlaufen würde, wäre nicht der Kirchturm bei der Orientierung behilflich.
Heute feiert man das jährliches Dorffest, Remmidemmi in Miniaturausgabe. In der Kneipe singen betagte Herren um die Wette, wer die lautere Arie schmettern kann, ohrenbetäubend! Aber die anderen Gäste haben die Ruhe weg und lassen die Wahnsinnigen gewähren. Ich bekomme zum Nachtisch ein Stück Sandkuchen, das in seiner Plastikverpackung genauso gut als Küchenschwamm durchgehen würde, sowohl optisch als auch haptisch und erst recht geschmacklich.

62 Km, 985 Hm, genug für heute

Die Fahrt auf den einsamen Straßen in Navarra entlang des Jakobswegs

Geschmacksexplosionen in den Pintxo Bars von Logroño

Nachmittags um 6, als wir über die Brücken des Ebro und durch die Straßen der Altstadt bummeln, ist alles ausgestorben, nur eine Eisdiele und paar Cafés haben geöffnet, auf dem zentralen Platz vor der Kathedrale hüpfen ein paar Kinder auf einem Trampolin herum – sonst ist tote Hose.

Am Abend um halb neun sind dieselben Straßen kaum wieder zu erkennen. In den engen Gassen, speziell der Calle de Laurel ist fast kein Durchkommen mehr. Eine winzige Pintxo Bar reiht sich an die nächste. Wir mühen uns, einen Blick in die Auslagen zu erhaschen, um zu entscheiden, in welche Bar wir uns reinquetschen. Es gibt so ein paar Standard-Pintxos, die es in fast jeder Bar gibt, aber spannend sind die individuellen Kreationen. Wir futtern uns durch 4 verschiedene Bars, in denen wir natürlich auch jeweils zwei Gläser Rioja aussuchen. Die besten Häppchen sind die, deren Zusammensetzung – ähnlich wie in Frankreich – nur erahnt werden kann. Bei den Weinen halten wir uns weitgehend an die ‘Reservas’, die 18 Monate in Eichenfässern und danach noch in der Falsche weiter gereift sind, sehr edle Tropfen sind darunter. Die Stimmung ist sehr gelöst, gar keine Kampfpilger sondern fast nur Einheimische sind an diesem Freitagabend unterwegs. Morgen wartet auf uns eine Etappe, die möglicherweise etwas dämlich lang geplant wurde, deswegen müssen wir schon nach 8 Gläsern Wein ins Bett und finden dann sogar noch ohne Google zurück in unser Hotel.

Durch die Weinberge La Riojas nach Logroño

Azofra ist ein sehr kleines Nest und für’s Frühstück gibt es keine Auswahl sondern nur eine Kneipe, dessen schon etwas älterer Wirt von den Massen der Pilger (davon 2/3 Koreaner), die seinen Laden okkupieren leicht überfordert scheint. Die Croissants aus dem Herd sind jedenfalls noch nicht durch, aber der Orangensaft ist wie der Kaffee perfekt.
Die Sonne müht sich durch dünne Wolken hindurch zu kommen, scheitert aber und so bleibt es den Tag über meist bewölkt und obwohl wir bei schon 10° aufbrechen, wirkt es kühler als gestern. Wir rollen gemütlich nach Nájero runter, dann geht es länger auf einer ruhigen Landstraße bergauf, wo wir vom höchsten Punkt der heute kurzen Etappe eine weite Sicht in die Weinberge und die verstreuten Dörfer haben, in der Ferne die Ebene des Ebro, in der unser Ziel Logroño liegt. Zunächst aber geht es rasend schnell bergab und wir rollen bis Navarrete, einem mittelalterlichen Städtchen, in der es von Pilgern nur so wimmelt. Das kleine Café am Kirchplatz hat nur draußen Tische, was ohne Sonne wirklich ungemütlich ist, was willste machen? Es gibt aber gute Käse mit Tomaten-Brötchen.
Nach der Mittagspause wollen wir zum Decathlon in Logroño, was ein schwerer Fehler war, denn ich habe Google die Wahl der Route überlassen. Die führt uns zunächst sehr hübsch durch Weinberge, dann aber auf einem Schotterweg geradewegs auf die Gegenfahrbahn der Autobahn. Die ganze Gegend wird zum Bau einer weiteren Autobahn völlig neu strukturiert, hier ein Berg weg, dort eine Abraumhalde hin und so ist unser ‘Weg’ wohl im wahrste Sinne des Wortes verschütt gegangen. Wir müssen umdrehen und wieder auf den richtigen Track, aber auch der ist nicht gerade optimal zum Radfahren, denn es ist der teils steile Fußweg der Pilger. Zum Glück geht es abwärts und dann ergibt sich doch noch die Möglichkeit für einen Schlenker zum Decathlon, der die erhofften Teile für einen 2. Rückspiegel, dem Wunsch der Gattin entsprechend, im Sortiment führt.
Unser Hotel liegt direkt am Camino, der Rua Vieja in der Altstadt.

44 Km, 440 Hm, Dem Jakobsweg folgen ist besser als Google