Letzte ‘Quäl dich, du Sau’-Etappe (für diese Woche)

Angesichts einer weiteren anspruchsvollen Etappe (aber anders kommt man nicht über die Berge) sind wir in Villafranca früh aufgebrochen, nur schnell noch einen Kaffee in einer schon offenen Bar getrunken. Die ersten gut 20 Kilometer ging es relativ sanft auf und ab in einem nur leicht hügeligen Weinbaugebiet in Richtung Ponferrada. Die zu erklimmende Bergkette mit vielen Windrädern am Grat hatten wir schon im Blick. Ponferrada hat einen alten Stadtkern mit einer Burg, besteht im übrigen aber aus den bekannten Hochhausblöcken und endlosen Einfallsstraßen mit allerlei Fabrik- und Gewerbehallen. Für die Pilger eine gehörige Zumutung, die stundenlang da durch latschen müssen.
Nach einem ordentlichen Frühstück und einem belegten Baguette im Vorratsbeutel begann die als schrecklich eingestufte Bergfahrt auf den höchsten Pass des Jakobswegs, zunächst in das ganz hübsche Dorf Molinaseca mit einer romanischen Brücke und ein paar alten Kirchen (wie in jedem Dorf, ist eine Kirche nicht genug). Von hier an ging es in passabler Steigung durch ein weites, wunderschön grünes, blühendes Tal. Selten kommt ein Auto vorbei und wenn, handelt es sich meist um Pilgertaxis. Wir machen eine Pause in einem pittoresk, aber verlassen wirkenden Bergdorf.
Mit der Höhe ändert sich die Vegetation und die Weite des Blicks auf ferne Gipfel, dessen Genuss aber während der Fahrt zunehmend schwerfällt, es wird manchmal doch arg steil. Nach nochmal 100 Höhenmeter setzen wir uns, leicht unterzuckert, auf die Leitplanke und verputzen einen Teil des mitgebrachten Baguettes, aber nicht alles, denn wer weiß, ob es oben überhaupt noch was zu beißen gibt.

In El Acebo, unserem Tagesziel auf 1150m angekommen stellen wir erleichtert fest, dass es doch ein offenes Restaurant gibt und genießen Salat und ein Glas Bier, bevor wir die letzten 150 m zu unserer Unterkunft, einer Art Berghütte radeln. 39 Km, 930 Höhenmeter, morgen dann nur noch 350 Meter fies steil hinauf und wir sind für’s erste ‘über den Berg’.

Jetzt muss ich doch mal eine Lanze für die Pilger brechen, die sich hier genauso abmühen wie wir und letztlich dafür sorgen, dass es auch für uns Unterkunft und Verpflegung gibt, letztere oft in Form eines sehr günstigen Pilger-Menüs, 3 Gänge, einfach, aber zum Sattwerden. Außerdem stellen wir fest, dass diese Art des Reisens, mit einem fernen Ziel vor Augen, uns doch mehr mit den Pilgern verbindet als wir gedacht hatten. In den Ortschaften, bei der Rast, tauschen wir uns aus mit vielen Wanderern aus aller Herren Länder und treffen sogar ein Paar, dass auch, wie wir, ‘verkehrt herum’ unterwegs ist.

Nach dem Abendessen steigen wir ein kurzes Stück den Camino hinauf bis zu einem sensationellen Mirador, mit Bank und dem besten Sonnenuntergang der bisherigen Reise. Dazu hören wir aus Hape Kerkelings ‘Ich bin dann mal weg’ das Kapitel über El Acebo, an welchem Ort könnte es besser passen…

Von Triacastela über den Pass Alto do San Roque nach Villafranca del Bierzo

Diese Etappe war von der knackigen Art, aber auch sehr eindrucksvoll. Vom Start weg ging es konstant hinauf von 610m auf über 1330m. Die Passhöhe haben wir nach genau 2 Stunden erreicht, über eine sehr gute Landstraße mit nicht mehr als einem Dutzend Autos in der ganzen Zeit. Oben angekommen lud ein einfaches Restaurant zur Pause ein, ideal für das 2. Frühstück. Hier kehrten auch alle Pilger ein, die mit Erreichen des Passes den beschwerlichsten Teil des Pilgerwegs Caminho frances hinter sich gebracht hatten. Die Aussicht und das Wetter könnten nicht besser sein, in der Ferne sieht man Berge mit Schneefeldern.

Nach angemessen langer Pause geht es dann etliche Kilometer auf der Höhe entlang, allerdings mal etwas runter, mal etwas rauf bis wir am 2. Pass ankommen, bei dem ein im Jahr 863 gegründetes Dorf zur Pilgerunterkunft zu bewundern ist, das heute ‘ein klein wenig’ touristisch aufgepeppt ist, es stehen auch schon zwei Reisebusse auf dem Parkplatz. Trotzdem ein netter Ort mit toller Aussicht, bevor es hinab geht.

In der Ferne sehen wir eine riesiges Autobahnviadukt, da in etwa müssen wir lang. Die lange Abfahrt, praktisch ungebremst bis zur Autobahn ist phantastisch aber dann wird es abenteuerlich. Der Track führt uns auf eine gesperrte Straße, die wir dennoch hinabfahren, bis sie auf eine wegen Sanierung gesperrte Autobahnbrücke mündet, wie weiter? Bei genauer Inspektion der Gegend findet sich ein kleiner steiler Pfad, der zu einem Feldweg hinab führt, der die Autobahnbrücke unterquert – hoffentlich geht es da weiter. Und tatsächlich verläuft der Weg nun unterhalb der Autobahn auf Resten einer früheren Straße steil hinab und trifft einige Zeit später auf eine ‘normale’ Straße. Auf engen und steilen Kehren sausen wir hinunter in das immer enger werdende Tal, kommen an eine paar an den Berg geklebte Häuser vorbei, ziemlich spooky hier… Als wir den Talboden erreicht haben, bläst es uns wie aus einem Fön heiße Luft entgegen. Dann folgen ein paar hübsche Dörfer, ab und an Pilger, die vermutlich nicht ahnen, was da vor ihnen liegt. Insgesamt erinnert es uns an frühere Transalp-Erlebnisse.
Ein großes Schild weist auf die Provinzgrenze zwischen Galizien und Kastilien-Leon hin. Leicht bergab sind es noch ca. 10 Kilometer bis Villafranca del Bierzo. Hier haben wir ein wirklich originelles Hotelzimmer mit feiner Aussicht auf Burg und Berge.
58 Kilometer, 993 Höhenmeter, sollte so nicht zu oft wiederholt werden.

Von Portomarin nach Triacastela

Wenn die Angaben der Höhenmeter aus dem bikeline track wieder so falsch sind wie gestern und vorgestern wird das heute ein Horrortrip mit fast 1500 Höhenmetern. Entsprechend nervös zeigt sich die Gattin, als die Position des Frühstückscafés beim Abgleich zwischen Google Maps und der Realität für 27,6 Sekunden unklar war. Schon um 9 Uhr, so früh wie noch nie, waren wir im Sattel und gleich darauf auf der Brücke über den Stausee bei Portomarin, über dem noch der Morgennebel lag. Der erste Anstieg mit 250 Hm lief aber ganz entspannt, denn auf der, mit exakt 6% Steigung angelegten, wunderschönen Straße fuhr um diese Uhrzeit noch niemand außer uns. Das Panorama oben großartig und es war schon 18 Grad warm.

Die Zahl der Pilger nimmt rapide ab, denn Santiago liegt jetzt schon mehr als 100 Kilometer zurück (100 Kilometer ist die Mindestdistanz damit man das offizielle Pilger-Zertifikat erhält). Die noch übrig gebliebenen sind die ganz harten, die ihren Rucksack selber tragen. Auch ein paar Fahrradpilger kommen uns entgegen. Ab und zu ergibt sich ein kleines Gespräch woher – wohin; ihr fahrt doch falsch rum, da geht’s nach Santiago!
Das 2. Frühstück war in Sarria geplant und konnte exakt um 11 Uhr eingenommen werden, da war praktisch die Hälfte der Strecke und 450 Hm schon geschafft. Die Stadt Sarria bedarf keiner weiteren Beschreibung, außer vielleicht der, dass man diese Kleinstädte oft schneller verlassen möchte, als die Muskeln hergeben. Der nächste Stop war in Samos, einem herzallerliebsten Dorf, mit einem sehr großen Kloster, in dem saftig grünen Tal des Rio Sarria gelegen, das wir weiter flussaufwärts fahren, bis wir, schon um 14 Uhr, an unserem Ziel, Triacastela ankommen.

Triacastela ist ein kleines, nettes Dorf, in dem alle bewohnbaren, renovierten Naturstein- Häuser der Unterbringung oder Verköstigung der Pilger dienen und alle anderen Immobilien eher unter die Kategorie ‘Ruine’ fallen. Das Pilger-Restaurant unserer Wahl serviert ein sehr günstiges 3-Gänge Menü mit leckeren, lokalen Spezialitäten, z.B. Rinderzunge, den Wein gibt’s gratis dazu.
Wir staunen, auf was für exotische Pilger wir stoßen, heute ein älterer Franzose mit Fahrrad + Ausrüstung, so alt wie er selber; eine blinde Spanierin, geführt von einem jungen Asiaten; gestern eine deutsche Familie mit Kleinkindern im Mittelalter-Outfit mit Holzhandwagen und einer, der seinen Dackel im Körbchen auf dem Fahrrad nach Santiago fährt…
Heute 46 Km, 880 Hm, nur 130 mehr als angegeben, ganz unerwartet stressfrei. Aber morgen kommt die erste Bergwertung der 2. Kategorie mit einer Passhöhe von 1300 Metern.

Grüßaugust auf dem Jakobsweg

Heute ein wunderschöner warmer Tag. Nach wenigen Km Bundesstraße zweigt die Route ab und folgt dem Wanderweg der Pilger. Das für sich wäre schon wieder eine Herausforderung (EuroVelo 3 😉 ) aber nun kommen uns verschärfend Heerscharen von Pilgern entgegen, die alle grüßen und man will ja nicht unhöflich sein… Sobald mehr als zwei gemeinsam marschieren, wird auch die volle Breite des Wegs in Anspruch genommen, was ja normalerweise kein Problem ist, wenn alle in die gleiche Richtung laufen (=> Lemminge). Gegenverkehr, noch dazu auf dem Rad, wird erst sehr spät als solcher wahrgenommen (=> Stöpsel im Ohr). So sind wir doch froh, als sich die Wege trennen und wir uns, zur Vermeidung der Bundesstraße, mal wieder Google anvertrauen und einen Umweg auf einsamsten, vor Jahrzehnten asphaltierten Feldwegen wählen. Die Gegend ist gottverlassen und nur ab und zu trifft man auf Bauern bei der Arbeit, auch mal eine kleine Schafherde mitten auf der Straße. Ein Schaf sticht durch einen erhobenen Schwanz heraus und kann auch bellen, einen Schäfer aber gibt es nicht. So schön der ruhige Weg durch Wälder und Wiesen ist, bezahlt wird mit vielen extra Höhenmetern. Die sehr schöne Mittagspause in einem Gartenlokal verdanken wir der Lage am Pilgerpfad, sonst wäre hier weit und breit nichts.

Vollgefressen nochmal 150 Meter hoch zu müssen ist zukünftig zu vermeiden. Dann aber kommt die Belohnung des Tages, 13 Kilometer auf bester Straße 400m bergab bis Portomarin. Bloß nicht an morgen denken, denn da müssen wir alles auf der anderen Seite des Stausees wieder hinauf. Heute 44 Km, 825m hoch, anstrengender als vermutet, der bikeline Führer gibt die Höhenmeter ca. einen Faktor 2 zu gering an.

Von Santiago bis Melide, es ist Sommer in den Bergen!

Schon vormittags sieht man in Santiago viele mehr oder weniger humpeln oder gar mit Krücken gehen, auch sind viele mit Rucksack unterwegs, also wahrscheinlich auf dem Weg nach Hause. Aber das sind wir ja auch. Nach einem spanischen Frühstück (Toast mit Tomatenpampe und Olivenöl, kann mit Serrano ergänzt werden) ändert sich unsere Reiserichtung um 90° in Richtung Osten. Erste Schilder mit ‘EuroVelo 3’ erschrecken uns, müssen es schon wieder Trampelpfade durch den Wald sein? Noch nicht richtig draußen aus der Stadt, wird es schon wieder steil und nach ein paar Kilometern geht es tatsächlich durch den Wald auf schlammigen, verwurzelten Pfaden in Richtung Flughafen. Von dort muss es eine Mini-Pilgerroute ‘zu Fuß in die Stadt’ geben, denn es kommen uns hunderte, meist Jugendliche, ohne Gepäck entgegen. Nach Umrundung der Startbahn kommt die Stelle, an der sich der Weg endgültig gabelt in Richtung Küste, der Caminho del Norte und nach Osten der Caminho frances.

Wir fahren auf sehr hügeligen aber ebenso verkehrsarmen Landstraßen durch das frische Grün der Wälder und Wiesen und begegnen immerfort Pilgern, einzeln oder in Gruppen, man muss unwillkürlich an Lemminge oder wenigstens Ameisenstraßen denken. Nach etwa 35 Kilometern erklärt sich die Ruhe auf der Landstraße, denn wir treffen auf das Ende einer neu gebauten Autobahn und von hier an ist es eine einzige LKW Kolonne, die restlichen 5 Kilometer bergauf bis Arzúa, wo wir Mittagspause machen und das GPS schon über 900 Höhenmeter anzeigt. Am Ende der Etappe, nach 56 Kilometern in Melide, sind es über 1300. Die GPS Daten der Etappe aus dem bikeline Reiseführers hatten 670 Höhenmeter versprochen. Der Redakteur, der die Daten so schön geglättet hat gehört fristlos entlassen. Gut ausgepowert haben wir uns, bei 30° auf der Anzeigetafel der Apotheke, ein Bier verdient

und später noch eins am zentralen Kreisel der Stadt, die ein bedeutendes Drehkreuz für Schwertransporte aller Art zu sein scheint. Immerhin, für das Abendmahl, auf dieser Reise das erste unter freiem Himmel ohne zu frieren, finden wir ein sehr nettes, ruhiges Gartenlokal, sogar mit Salat.
Mal sehen, was sich die Beine morgen früh noch gemerkt haben…

Die Würfel sind gefallen

Seit Monaten konnten wir uns nicht entscheiden, ob wir durch die Berge den klassischen Jakobsweg entlang fahren oder den Caminho del Norte entlang der Biscaya Küste. Jetzt ist entschieden, dass wir mindestens bis Leon auf dem Caminho frances, dem Vater aller Jakobswege fahren wollen. Letztlich gab es zwei Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben: 1. Die Route ist vom Bikeline-Reiseführer erstellt und die Beschreibung gibt eine gewisse Sicherheit, dass wir nicht zu oft Bundesstraße oder Schotterwege fahren müssen. 2. Die Wetterprognose für die nächste Woche könnte nicht besser sein, warm und sonnig, außer in der früh, aber vor 10 kommen wir sowieso nicht los. Dagegen sprach, dass zwei Pässe auf 1200m und 1500m zu überwinden sind. Wiederum durch die vielen Pilger ist aber die Unterkunftsdichte so hoch, dass wir die Etappen ‘für die Gattin’ passend schneiden können.
Außer den Planungsvarianten für die nächsten Tage haben wir dann doch noch ein bisschen Sightseeing in Santiago gemacht, da stach eindeutig die Kathedrale heraus, eher ein Witz war die Stadtrundfahrt mit so einem Bimmelbähnchen, das natürlich nicht durch die Altstadt fahren kann, statt dessen durch die Campusviertel und Parkanlagen gekurvt ist.
Die Kathedrale ist über 1000 Jahre alt, romanischer Stil. Schon der Grundriss ist ungewöhnlich und als der Blick auf den Altar für den Apostel Jakobus fällt, fällt die Kinnlade gleich mit – wir haben schon viele Kathedralen besucht, aber vergleichbares habe ich noch nicht gesehen.

Leider waren wir zu spät dran für ein Ticket zur Turmbesteigung, denn heute haben wir den Tag verbummelt wie noch keinen auf der Reise.

Santiago de Compostela

‘Buon Caminho’ grüßt man uns immer wieder unterwegs obwohl wir doch gar keine Pilger sind, entspricht aber in etwa dem uns geläufigeren ‘pfiat di’. Mit Fahrrad und Packtaschen steht man jedenfalls unter Generalverdacht.
Der Morgen ist sonnig, nur über den Muschelbänken steht noch der Nebel und es ist saukalt, jedenfalls einstellige Temperaturen.

Der Weg nach Santiago ist abwechslungsreich… Der Track verläuft uns zu häufig auf der extrem befahrenen Bundesstraße aber Google hat immer eine Idee, wie der Weg verkehrsarm laufen könnte. Eine der weniger guten Ideen war, uns auf den originalen Jakobsweg-Wanderpfad zu routen, denn nach den zahlreichen Regentagen gleicht der eher einem Bachlauf mit Schlammkulen, sodass sogar die Zu-Fuß-Pilger auf die Straße ausweichen. Die anderen Vorschläge aber waren brauchbar bis originell, entlang einer Bahntrasse mit viel Industriehallen (dafür flach), durch winzigste Gassen kleiner Dörfer, einsame Waldwege nebst zahlreicher Talsenken. So kommen über den Tag 660 Höhenmeter zusammen, obwohl Santiago nur 250 m über dem Meer liegt.
Am Nachmittag erreichen wir Santiago de Compostela und radeln durch die Fußgängerzone direkt auf den großen Platz vor der Kathedrale, den alle ankommenden Pilger zum Ziel haben. Das ist schon ein überwältigender und bewegender Moment so viele Menschen mit Rucksack, die sich glücklich in die Arme fallen, Fotos machen und dann einfach nur in der Sonne liegen und die Neuankömmlinge beobachten.

Das machen wir dann genauso bis wir später zu unserem Hotel aufbrechen, was in den engen Gassen mit vielen Treppen gar nicht so leicht fahrend zu erreichen ist. Unser Zimmer hat eine wunderschöne Aussicht aus einem kleinen Wintergarten-Balkon. Auf der Suche nach dem passenden Restaurant stromern wir am Abend durch die halbe Altstadt, das wollten wir eigentlich erst morgen machen, wie auch die Besichtigung der Kathedrale von innen.

Wie berechnen wir unseren KPI

Der KPI (Key Performance Indicator) soll in einer Zahl ausdrücken, ob wir ‘in der Zeit’ liegen, um bis Ende Juni in München zu sein. Dafür bestimme ich täglich die aktuelle Position auf unserer Route in Kilometer, heute z.B. 1523 Km ab Sevilla, unserem Startpunkt in Andalusien. Die Länge des kompletten GPS Tracks ist 4804 Kilometer und wir haben 118 Tage Zeit, das macht 40,71 Km am Tag. Dieser Wert multipliziert mit den bereits vergangenen Tagen, heute sind es 36, ergibt die Sollposition 1466 Km. Die Differenz von Soll und Ist-Position ist der KPI, der heute den Wert von +57 hat, d.h. wir sind gut einen Tag weiter als wir sein müssten. Damit ist morgen ein Tag Pause in Santiago de Compostela genehmigungsfähig 😉

Von Pontevedra nach Vilagarcia de Arouso

Den ganzen Vormittag hat es, wie vorhergesagt, geregnet, aber das soll der letzte Regen für die nächsten 2 Wochen gewesen sein! Wir dürfen bis 12 Uhr im Appartement bleiben und nutzen die Zeit für das Sammeln von Informationen für die Entscheidung, wie wir hinter Santiago weiterfahren – an der Küste der Biscaya oder den klassischen Jakobsweg durchs Landesinnere. Wir verlassen Pontevedra noch im Regen und fahren entlang der Küstenstraße, in dichtem Verkehr – lästig. Aber es zeichnet sich schon bald eine Besserung am Himmel und auf der Straße ab, ein letzter heftiger Schauer bei dem wir uns in einem Hauseingang unterstellen und die mitgenommenen leckeren Schinken-Tomaten Tostadas verspeisen, dann können die Regensachen ins Körbchen. Am nächsten Kreisel biegen wir rechts ab, hinauf in die Berge und es fahren fast keine Autos mehr auf dieser wunderschönen, aussichtsreichen Straße. Sogar die Sonne scheint und die Wolken werden weniger.

Bis auf 200 m geht es hinauf in dichtem Wald, dann auf langen schönen Abfahrten durch Weinberge hinab, leider kommt der Wind nun ganz falsch von vorne und das bei nur 13-15 Grad. In Cambados verpeilen wir die Mittagspause, geraten in ein Café, welches nichts zu beißen im Hause hat um dann bei einem 2. Stop mit reichlich Kuchen abgefüllt zu werden. Wir haben den kulturellen Wechsel von Portugal nach Spanien noch nicht verarbeitet: Die Sitte, zu jedem Getränk eine Kleinigkeit dazu zu stellen, Erdnüsse, Chips, Weingummis, wird sogar in manchen Cafés gepflegt und plötzlich hat man vier Stück Kuchen am Tisch, zwei gekaufte und zwei geschenkte. Dafür wird man beim Abendessen von Tapas (und was anderes gibt es nicht) keineswegs satt, von Salat ganz zu schweigen, der in Spanien wohl ausschließlich für den Export angebaut wird.
Von Cambados bis zu unserem Zielort Vilagarcia fahren wir nur noch durch aneinandergereihte Ortschaften ohne jeglichen Charme, schade. Plötzlich ein Fahrradladen, der offen hat und ich bekomme eine neue Trinkflasche. Ganz zum Schluss, die letzten beiden Kilometer, fahren wir auf der Strandpromenade, fast wie an der Algarve. Unser Hotel war verlockend günstig und liegt prompt an der Hauptdurchgangsstraße, immerhin mit Meerblick und Schallschutzfenstern. 42 Km, 550 Höhenmeter, die sich heute irgendwie nach mehr angefühlt haben. Morgen nehmen wir Kurs auf das nächste große Etappenziel, Santiago de Compostela.

Von Baiona über Vigo nach Pontevedra

Perfektes Wetter war angesagt, als wir losfahren regnet es, aber zum Glück nur kurz und nach dem Frühstück in einer Bar (‘very local’) scheint die Sonne und es bleibt den ganzen Tag sonnig. Heute wird es etwas anstrengender, Galizien besteht aus zu vielen Hügeln, den ersten müssen wir vor Vigo auf der Nationalstraße (=Bundesstraße) überwinden. Erfreulicherweise haben die großen Straßen hier meist breite Seitenstreifen, denn der Verkehr ist schon recht heftig, verglichen mit Portugal. Vigo ist eine Großstadt mit fast 300.000 Einwohnern und bis in die Innenstadt sind es locker 10 Kilometer durch Industriegebiete, Hafenanlagen und Vorstadt, teils müssen wir der Stadtautobahn ausweichen, kommen aber heil im Zentrum an. Dort bereitet man sich auf einen Mittelalter-Markt vor, mit marschierenden Trommlern und Fressbuden, die leider noch nicht geöffnet haben, bekommen dafür aber ein paar frische Austern, fast im Vorbeifahren, und landen dann in einem veganen Café mit ganz leckeren Avocado-Toasts, aber ohne Klo – brauchen Veganer das nicht?

Lange geht es weiter durch die Stadt, wieder bergauf und dann zufällig entlang einer stillgelegten und zum Flanieren ertüchtigten alten Bahnstrecke, das ‘gefällt’ schon aufgrund des stetig sanften Gefälles, endet aber unvermittelt und wir müssen wieder auf die Straße. Eine weitere Pause, diesmal mit Milchkaffee (statt Hafermilch) gönnen wir uns in Redondela unter einer imposanten Eisenbahnbrücke. Nach ein paar weiteren Kilometern, teils mit schöner Aussicht auf die verzweigte Bucht von Vigo, biegen wir rechts ab und gelangen über eine mittelalterlichen Brücke auf eine einsame aber immer steiler werdende Landstraße, die uns entlang eines rauschenden Bachs zur letzten Bergwertung des Tages führt. Der eine erreicht sie radelnd, die andere schiebend.

Bevor es endgültig bergab nach Pontevedra geht, geraten wir noch in einen Plausch mit zwei einheimischen Frauen, Mutter (93) und Tochter, die ob unserer Reisegeschichten (wir sind wieder im Spanischen unterwegs!) mehrfach die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Pontevedra ist eine mittelgroße Stadt, die seit 1999 die Innenstadt weiträumig (300.000 m²) zur Fußgängerzone gemacht hat (sehr angenehm!), wir übernachten sehr zentral in einem Einkaufszentrum, das ist jetzt aber gar nicht so schlimm wie man meinen könnte, denn das Appartement liegt im 2. Stock.
57 Km, 804 Höhenmeter, meist stressig wegen viel Verkehr, hochfrequentes Anpassen der Route zur Vermeidung unnötiger Steigungen und verkehrsreicher Straßen.