Carcassonne in 3D gespielt

Was ist nur aus dieser riesigen Festungsanlage des Mittelalters geworden? Uneinnehmbar über Jahrhunderte, mit doppelten Festungsmauern, raffinierten, doppelt vorhandenen Falltüren und, und, und. Heute ist sie zwar fein restauriert, aber löchriger denn je: Zu hunderten strömt jeden Tag neues Fußvolk herein und vereinnahmt die Burg, besetzt alle Plätze und Häuser, die Einwohner des Burgdorfs haben keine Chance – allerdings gelingt es ihnen recht geschickt, die Belagerer um ihre Taler zu erleichtern, ohne dass es diese recht erzürnt. Alle kehren sie am späteren Nachmittag verarmt in ihre Siedlungen außerhalb der Mauern zurück, um am nächsten Tag mit frischen Kräften erneut anzugreifen.
Aus Sorge, wegen Überfüllung abgewiesen zu werden hatten wir uns schon sehr früh an der Burg positioniert und konnten tatsächlich als erste hinein als es 10 Uhr schlug und die Tore sich öffneten. Die kolossale Aussicht hat sich seit dem Mittelalter sicher nicht verschlechtert, aber die Temperaturen waren damals Mitte Mai sicher nicht so eisig wie heute. Nach dem langen Rundgang durch die Burg, meist im Freien und nur notdürftig vor dem Wind geschützt (der pfeift durch jede Schießscharte), haben wir uns in einem der Burgcafés bei Crêpe und Cappuccino erstmal wieder aufgewärmt. Nach einer Weile des mehr oder weniger ziellosen Umherstreifens erkennt man manche Stelle wieder und ahnt, bald alle Geschäfterl gesehen zu haben. Alle uns vorab empfohlene Lokale haben leider geschlossen, obwohl heute nicht Montag ist. Bei der der Suche nach einer Alternative war es dann nur ein mittelmäßiger Treffer, aber nach dem Essen scheint dafür endlich die Sonne und es wird wärmer. Wir besuchen noch das Folter- und Inquisitionsmuseum, wo wir lernen, dass 1977 (!) der letzte Franzose guillotiniert wurde und die katholische Kirche sich bereits im Jahr 2000 für die unsäglichen Praktiken im Mittelalter entschuldigt hat.

Beim Abstieg von der Burg fällt mir noch auf, dass sich auf den Wallanlagen ein ungewöhnliches Kunstwerk abzeichnet, konzentrische mit dem Abstand zum Eingangstor zunehmend breiter werdende helle Ringe. Vermutlich mit dem Sandstrahlgerät eingraviert – undenkbar auf einem teutonischen Denkmal. Dann schlendern wir noch über die alte Brücke und in den Gassen am Fuß der Burg setzen wir uns vor eine Bar in die letzten Sonnenstrahlen, der Blick hinter den Tresen reizt mich zu einem heimlichen Foto….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert