Von Wertach nach Bad Kohlgrub, fast schon daheim

Schon vor 9 sind wir auf dem Rad, das Wetter und die Länge der Etappe verlangen danach. Die nächste brauchbare Unterkunft ist 70 Km entfernt, es bleibt hügelig und erschwerend kommen Schotterstrecken hinzu. Nach den Regenfällen und Gewittern der vergangenen Tage sind Wälder und Wiesen triefnass und jeder Bach gut gefüllt mit brauner Brühe. Die Sonne verschont uns bis Mittag und das sind dann optimale Bedingungen zum Radfahren. Bis Nesselwang und noch ein Stück weiter verläuft die Route meist durch sehr grüne Wiesen, bisweilen ziemlich steil auf und ab. Dann kommt die Abfahrt in die Ebene der Seen rund um Füssen, Hopfensee, Forggensee und Bannwaldsee. Eine traumhafte Kulisse mit den Allgäuer Alpen im Hintergrund. In Füssen machen wir eine erste Kaffeepause, um halb 11 schon 30 Km geschafft. Die Fußgängerzone ist ein absoluter Hotspot für mehr oder weniger betagte E-Biker Gruppen. Auf der weiteren Fahrt, am Schloss Neuschwanstein vorbei, wäre ein vierspuriger Ausbau der Radwege angezeigt. Sobald aber der Radweg hinter Trauchgau ansteigt und in Schotter übergeht sind wir wieder völlig allein. Vor uns baut sich eine schwarze Wand aus Gewitterwolken auf, aber noch scheint die Sonne bei schwüler Hitze und die Stimmung am Himmel ist beeindruckend, je nach Sichtweise auch bedrohlich. An einer Kreuzung im Wald führt der Track (den ich ja selber in der Gegenrichtung vor ein paar Jahren aufgezeichnet habe) geradewegs in eine endlose Kette schlammiger Pfützen, da kann man beim besten Willen nicht mal schieben. Dann fängt es auch noch an zu regnen, aber bevor ich alle Regensachen an habe, hat es schon wieder aufgehört und die Sonne scheint wieder – der Wind treibt die Gewitterwolken gerade so ausreichend vor uns her. Wir entscheiden uns, links abzubiegen und bei der Wieskirche vorbeizufahren, da wird es dann schon Wege geben, die uns um das matschige Stück im Wald herum führen. An der Wies machen wir Mittagspause. Erstaunlicherweise ist die einzige Gastwirtschaft an dieser Touristenattraktion weder schlecht noch überteuert. Die Gewitterwolken haben sich nach der Pause endgültig in die Berge verabschiedet und wir lassen uns von Google wieder auf den rechten Weg zurückführen. Wunderschöne Waldlichtungen, Moore und Bauernhäuser liegen am Weg, der endlich in ein stetiges Gefälle übergeht und wir in Richtung Ammertal rollen. Als der Wald endet, haben wir auf einmal das Hörnle vor uns und die Autos haben GAP-Kennzeichen, plötzlich ein ergreifendes Gefühl, wieder in der Heimat zu sein. Vor Bad Kohlgrub liegt aber immer noch ein, nach 70 Km etwas zermürbender Anstieg und eine völlig überflüssige Google Kapriole durchs Gelände, auf den letzten Metern zu unserem ‘Kurhotel’. Das liegt an der lauten Durchgangsstraße, was besseres war nicht mehr zu finden, aber vielleicht bleiben die Kohlgruber ja in der Nacht zuhause…

75 Km, 820 Hm, den Gewittern davon gekommen, aber den ganzen Tag im römischen Dampfbad geradelt.

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