Nachtfrost Ende April in Spanien! Burgos gilt zwar als der Kältepol des Landes, aber dass es so ungemütlich wird ist schon eine Gemeinheit und kann nur dadurch erklärt werden, dass es hier viele gläubige Pilger gibt, die als Vorstufe für die in Santiago gewährte Erlassung aller Sünden vorher nochmal richtig geprüft werden, was sie dafür alles auszuhalten bereit sind. brrr
Auf dem Weg zum Frühstückscafé sind es schon 3°, da heißt es fix sein. Zum Aufwärmen gibt es eine heiße Schokolade. Danach geht es hinauf zum Burgberg mit toller Aussicht auf die Stadt und anschließend durch die überschaubar große Altstadt, die wie immer in Spanien Fußgängerzone ist. Ein Fülle von Kneipen und Restaurants stehen zur Auswahl für das Mittagessen, das wir ausgiebig in die Länge ziehen, denn drinnen ist es nicht nur sehr lecker (jeder von uns bestellt eine Runde Pintxos zum Teilen) sondern auch noch warm – wie es die Einheimischen an den Tischen draußen aushalten, ist uns ein Rätsel, die Pilger jedenfalls kommen alle rein.








Am Dienstag Nachmittag gibt es freien Eintritt in die Kathedrale, das passt ja perfekt für uns und wir stellen uns dafür in die Schlange, trotz eisigem Wind. Drinnen ist man wieder mal erschlagen von der Fülle des, man muss es leider so sagen, ewig Gleichen. Wahrscheinlich hat jeder Erzbischof der letzten Jahrhunderte ‘seine’ Kapelle hinein basteln lassen und so fehlt der Kathedrale im Inneren die monumentale Größe, die sie von außen unbedingt hat. Nur theologisch gründlich Versierte mögen die dargestellten Inhalte und deren feine Unterschiede zu deuten wissen. Aber es gibt auch Zufallsfunde (ganz ohne Audioguide oder Reiseführer entdeckt), die doch ein wenig an der Ernsthaftigkeit des Künstlers zweifeln lassen – im Chorgestühl pinkeln zwei Jungs im hohen Bogen in das Weihwasserbecken, Graffiti des 17. Jahrhunderts?




Ein besonderes Erlebnis erwartet uns in der Vermuteria Victoria, in der wir nach dem Abendessen in einem sehr guten japanischen Restaurant noch einen Vino Tinto (und dann noch einen Vermouth) trinken. Punkt 22 Uhr bimmelt ein Barkeeper sehr laut mit einer Glocke und es beginnt eine Musik zu spielen von der ich annehme, dass das ein Geburtstagsständchen für einen Gast ist. Die laut singende Menge fokussiert aber auf eine tragende Säule des Lokals und es stellt sich heraus, dass ein Teil des Chores das Lied noch nicht auswendig kann und dort den Text zum mitsingen findet. Später recherchieren wir, dass es eine vor 100 Jahren geschriebene Hymne auf die Stadt Burgos ist, die hier jeden Abend angestimmt wird. Eine irre Stimmung in dem knallvollen Laden.
