Es regnet schon beim Aufwachen, das hebt die Stimmung natürlich nicht. In der Tiefgarage des Hotels packen wir auf und uns ein in die Regensachen. Obwohl es nur 300m zum Café sind, kommen wir schon nass dort an. Nach dem Frühstück aber ein kleines Wunder, es hat aufgehört und bleibt den ganzen Vormittag trocken. Fast noch in der Stadt geht es steil bergan und es kommen uns schon Pilger entgegen gelaufen, obwohl wir doch heute so früh losgefahren sind. Anfeuerungsrufe der Koreaner brauchen wir gerade gar nicht! Etwas verschlungen geht es unter mehreren Autobahnen hinab und hindurch bis wir auf die Landstraße kommen, die wir bis Pamplona nicht mehr verlassen werden. Sie verläuft zwar oft in Autobahnnähe, das hat aber den Vorteil, dass wirklich kein Verkehr stört. Unvermittelt sind wir aus La Rioja schon wieder draußen und nun in der Provinz Navarra. Die Landschaft ist hier für’s Auge eine wahre Freude, für die Waden eher anstrengend. Fast als würde man durch das hessische Bergland radeln.


Die erste Pause machen wir in Los Arcos nach fast 30 Km in einer Bar mit sehr leckerem Bocadillo Jamon. Als wir wieder auf die Straße treten, sehen wir uns einer schwarzen Wolkenwand gegenüber, beschließen aber doch weiter zu fahren. Nach ca. 5 Km holt uns das Unwetter mit Hagel und Sturmböen ein, gerade noch rechtzeitig haben wir die Regensachen angezogen. 200 m weiter kommt eine Autobahnunterführung in der wir das schlimmste abwarten. Der Blick nach Westen zeigt nach wenigen Minuten schon wieder blauen Himmel und wir fahren weiter, obwohl es noch regnet, sogar die Sonne kommt raus und es regnet immer noch weiter, da war wohl noch viel Wasser in der Luft.



Der nächste größere Hügel belohnt mit einer sehr flotten Abfahrt nach Estella, wo wir noch eine Pause einlegen, da es wieder zu tröpfeln anfängt. Als wir das urige Städtchen verlassen, fängt es wieder an zu regnen, das ist heute langsam lästig. Nochmal geht es runter und vor dem nächsten Anstieg scheint wieder die Sonne, also nochmal alles ausziehen. Im letzte Anstieg vor dem Ziel zeigt ein kurzer Blick auf das Regenradar, dass wir noch eine halbe Stunde Gnadenfrist bis zur nächsten Gewitterzelle haben. Bis Cirauqui ist es zwar nicht mehr so weit, aber das Dorf liegt auf einer kleinen Bergspitze und die Straße ist krass steil, Google schickt uns mal wieder über Treppen, für die ich mit Intuition eine Schiebestrecke als Alternative finde. Als wir das Albergo auf dem absoluten Gipfel des Dorfes erreichen (wer hat das wohl gebucht?) donnert es schon ordentlich. Um Haaresbreite schaffen wir es, das Gepäck hinein zu tragen bevor das Gewitter mit Hagel und Sturm über den Kirchplatz fegt. In unserem Zimmer geht, oh Schreck, die Badtür nicht auf – bis das repariert ist, gibt uns der Wirt ein Bier aus. Das Zimmer selbst ist von der ganz besonderen Sorte, mit phantastischem Ausblick über halb Navarra (ist ja nicht so groß, die Provinz). Das Abendessen wird in der Pilgerherberge gemeinsam eingenommen, sehr stilvoll im ehemaligen Weinkeller des Hauses. Heute gibt es Kichererbsen-Eintopf. Leider zählen Kichererbsen nicht zu den anerkannten Allergenen, so muss ich sie auch essen, aber es schmeckt gar nicht so schlimm wie befürchtet.




Die Häuser Cirauquis sind in einem totalen Chaos auf dem Berg verteilt worden, so verwinkelt, dass man sich sofort verlaufen würde, wäre nicht der Kirchturm bei der Orientierung behilflich.
Heute feiert man das jährliches Dorffest, Remmidemmi in Miniaturausgabe. In der Kneipe singen betagte Herren um die Wette, wer die lautere Arie schmettern kann, ohrenbetäubend! Aber die anderen Gäste haben die Ruhe weg und lassen die Wahnsinnigen gewähren. Ich bekomme zum Nachtisch ein Stück Sandkuchen, das in seiner Plastikverpackung genauso gut als Küchenschwamm durchgehen würde, sowohl optisch als auch haptisch und erst recht geschmacklich.




62 Km, 985 Hm, genug für heute
Die Fahrt auf den einsamen Straßen in Navarra entlang des Jakobswegs
