‘Früh’ um 9 sind wir schon in Bordeaux los gefahren, denn die Etappe heute ist lang und nicht völlig flach. Fabrice hat uns ein kleines Frühstück bereitet und mit dem Argument, von München sei es doch nur gut eine Stunde Flugzeit, herzlich eingeladen nochmal zu kommen, damit wir mehr Zeit für Bordeaux hätten. In der Tat haben wir erst durch die free walking Tour gemerkt, was man alles interessantes noch hätte ansehen können, aber wir hatten schon die nächsten Unterkünfte gebucht. Da wohl viele Franzosen die Feiertagswoche für einen Kurzurlaub nutzen, hatten wir Sorge, es könnte eng werden. Eng wurde auf jeden Fall die Hose, soviel kann man gar nicht wegradeln, wie man hier mit leckeren Kalorien gestopft wird.
Der Radweg entlang der Garonne, die fasst überläuft, wenn Flut ist und das Wasser nicht abfließen kann, ist sehr ordentlich und mündet nach ca. 10 Kilometern in eine ehemalige Bahnstrecke. Die Route ist mit max. 2% Steigung sehr locker zu befahren, was dazu führt, dass nicht nur viele mit dem Rennrad sondern auch Familien mit kleinen Kindern unterwegs sind. Viel Betrieb, der mit zunehmender Entfernung von Bordeaux aber etwas abnimmt. Es geht durch feuchte Wälder, manchmal wie im grünen Tunnel aber nach ca. 30 Kilometern gelangen wir dann in das berühmte Bordelais, auf sanften Hügeln ziehen sich die Reihen der Rebstöcke soweit man blicken kann. In einige der alten Bahnhöfe sind jetzt Restaurants bzw. Cafés eingezogen und wir machen an einem Halt für einen Café crème. Zu Mittag sind wir am Ende der Bahnstecke in Sauveterre de Guyenne und lassen uns am Dorfplatz unter schattigen Arkaden (29° auf dem Apothekenthermometer) ein überaus fettig-leckeres Menü servieren. Im Gespräch mit einem Ehepaar aus Toulouse am Nachbartisch werden wir mal wieder bestaunt, mit den Rädern aus Sevilla gekommen zu sein. Auf den restlichen 15 Km nach La Réole sammeln wir fast alle Höhenmeter des Tages ein, nicht einfach mit dem restlos verputzten Schweinebauch. In vielen Weinbergen sind die Bauern unterwegs mit Traktor und Giftspritze, da mag man aber gar nicht anhalten.





La Réole ist ein Dorf mit zwei Gesichtern, ein Teil macht einen verfallenen, fast ruinenhaften Eindruck, Geschäfte und Wohnungen stehen leer, vor und in dem kleinen Supermarkt abgerissene Gestalten, Besoffene, Obdachlose. Da haben wir unser Appartement und finden es etwas gruselig. Bei einem Rundgang und der Suche nach einer Bar kommen wir runter an die Garonne, deren Uferpromenade nur ein großer Parkplatz ist. Die Bar, die wir für die einzige des Ortes halten liegt unter den Bahngleisen, mäßig attraktiv. Nach einem Glas Wein gehen wir weiter und entdecken plötzlich den anderen Teil von La Réole, sehr hübsch hergerichtet, mit Kletterrosen bewachsene alte Häuser, einige Restaurants und ein respektables Koster, das offen steht für einen Rundgang mit toller Aussicht auf die Garonne und das Umland. Aber plötzlich hören wir jemanden Türen absperren und beeilen uns in Richtung Ausgang, direkt in die Fänge des Klosterwächters, der uns, höchst erfreut über so späten Besuch, allerlei zu der Abtei, zu seinem Lebensweg, zu der gerade so überlebten Covid Infektion, zu dem Fallschirm-springenden Bürgermeister, übrigens Mathelehrer, usw. erzählt. Ab und zu streut er ein paar Fragen ein, um zu prüfen, ob wir auch verstehen, was er erzählt. Irgendwann ist die letzte Tür zugesperrt und wir sind wieder frei, den Rundgang durch die Gassen fortzusetzen und schließlich unser Haus wieder zu finden, von dessen eingehausten Balkon wir beim Abendessen wieder auf den vergammelten Teil des Dorfes blicken. Was einem so alles unterkommt…








74 Km, 507 Hm, wären nur alle Radwege so schön gewesen wie heute…
